SZ

Hofreiter-Interview stößt Debatte über Eigenheim-Bau an
Beim Wohnen scheiden sich die Geister

Das Einfamilienhaus ist für viele junge Familien nach wie vor ein Traum, den sie gern verwirklichen möchten. Doch auch in ländlichen Regionen dürfte die Ausweisung von Neubaugebieten kein Selbstläufer mehr sein. Ein Interview des Fraktionssprechers der Bündnisgrünen im Bundestag, Anton Hofreiter, hat die Diskussion über das Wohnen von heute und morgen erneut befeuert.
2Bilder
  • Das Einfamilienhaus ist für viele junge Familien nach wie vor ein Traum, den sie gern verwirklichen möchten. Doch auch in ländlichen Regionen dürfte die Ausweisung von Neubaugebieten kein Selbstläufer mehr sein. Ein Interview des Fraktionssprechers der Bündnisgrünen im Bundestag, Anton Hofreiter, hat die Diskussion über das Wohnen von heute und morgen erneut befeuert.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

goeb Siegen/Betzdorf. Anton Hofreiter, Chef der Grünen-Fraktion im Bundestag, legte jetzt in einem vielbeachteten Interview die Erfordernisse des modernen Klima- und Umweltschutzes dar. Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass sich Neubaugebiete mit Einfamilienhäusern nach seinem Dafürhalten mit den hochgesteckten Zielen nicht recht vertragen – zumindest in urbanen Räumen nicht.
Losgetreten worden war die Debatte nicht von der Ökopartei allein. Im Bezirk Hamburg-Nord hatte eine Koalition aus Grünen und SPD entschieden, Einfamilien- und Reihenhäuser in neuen Bebauungsplänen in Zukunft nicht mehr auszuweisen.

goeb Siegen/Betzdorf. Anton Hofreiter, Chef der Grünen-Fraktion im Bundestag, legte jetzt in einem vielbeachteten Interview die Erfordernisse des modernen Klima- und Umweltschutzes dar. Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass sich Neubaugebiete mit Einfamilienhäusern nach seinem Dafürhalten mit den hochgesteckten Zielen nicht recht vertragen – zumindest in urbanen Räumen nicht.
Losgetreten worden war die Debatte nicht von der Ökopartei allein. Im Bezirk Hamburg-Nord hatte eine Koalition aus Grünen und SPD entschieden, Einfamilien- und Reihenhäuser in neuen Bebauungsplänen in Zukunft nicht mehr auszuweisen.
Flächenfraß, Landschaftszersiedelung und das ungünstige Verhältnis von Wohnfläche zur Energiebilanz einzeln stehender Häuser sind für Hofreiter Argumente, von der bisherigen Praxis der Wohnbebauung abzuweichen.

Grüne wollen eigene vier Wände nicht verbieten

Inzwischen hat Hofreiter seine Aussagen präzisiert. Von einem Verbot, wie unterstellt, könne keine Rede sein. „Natürlich wollen die Grünen nicht die eigenen vier Wände verbieten“, lässt er sich zitieren. „Die können übrigens sehr verschieden aussehen: Einfamilienhaus, Reihenhaus, Mehrfamilienhaus, Mietshaus. Wo was steht, entscheidet allerdings nicht der Einzelne, sondern die Kommune vor Ort.“
Nun ist Hamburg nicht Siegen, Burbach oder Betzdorf: Das werde von Region zu Region, von Ort zu Ort unterschiedlich sein. Man müsse den Kommunen die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden. Gültige Bebauungspläne sollen selbstverständlich Bestand haben.

In Scheuerfeld wird nicht in die Höhe gebaut

Harald Dohm, Ortsbürgermeister von Scheuerfeld bei Betzdorf, blickt mit Zufriedenheit auf die hohe Nachfrage nach Grundstücken in seinem neuen Baugebiet Hanfsland. Die 36 Bauplätze mit insgesamt 50 Wohneinheiten sind ihm sozusagen unter den Händen weggerissen worden.
„Das zeigt mir doch, wie die Menschen hier auf dem Land wohnen möchten. Viele haben den Traum vom Einfamilienhaus mit Garten.“ Danach werde auch gezielt gefragt, ergänzt Dohm, der Verwandtschaft in der Kreuztaler Fritz-Erler-Siedlung hat, häufig dort ist und deshalb Vergleiche ziehen kann.
„Solche Betonburgen könnte ich mir hier nicht vorstellen, wir werden gewiss nicht in die Höhe bauen. Für Ballungszentren mag Herr Hofreiter ja recht haben.“
Dohm gibt zu bedenken, dass uns nicht zuletzt die Corona-Pandemie gelehrt habe, wie sehr beengte Wohnverhältnisse für Kinder und Familien Probleme mit sich brächten. Homeoffice auf der Terrasse und die Möglichkeit für die Kinder, sich frei zu bewegen, das seien in diesen Zeiten unabweisbare Vorteile. „Daraus sollten wir doch unsere Schlüsse ziehen.“ 
Kommunen könnten den Prozentgrad der Grundstücksbebauung im Übrigen selbst festlegen. „Wenn 35 Prozent bebaut werden dürfen, sehe ich das Problem der Flächenversiegelung auch nicht so.“ Dohm wählt einen anderen Ansatz. Beton- und Steingärten nähmen leider zu. „Da wird meines Erachtens zu viel versiegelt, und dagegen sollten Gemeinden mit entsprechenden Satzungen auch vorgehen.“

Architekt fordert Umstrukturierung der Städte

Architekt Christian Welter (Aktionsbündnis Wellersberg für Erhalt des Naturraums) hält von der Baulandfixierung vieler Kommunen generell nichts. „Wir brauchen nicht neues Bauland, wir müssen die Städte umstrukturieren.“ Auch in Siegen lebten inzwischen viele Senioren allein in alten Häusern. Würden sie mehr barrierefreie Wohnangebote bekommen, betont Welter, „beispielsweise auf dem Elih-Gelände in Geisweid, wo jetzt ein Aldi neugebaut werden soll“, dann ließen sich die freiwerdenden Häuser auch neu nutzen. Der Überhang an diesen Immobilien in Siegen (und nicht nur dort) sei immens. „Wenn man das beherzigt, dann müsste man auch nicht die Grünoasen kaputt machen.“

Burbach bei neuen Baugebieten zurückhaltend

Burbachs Bürgermeister Christoph Ewers hält viele Punkte, die Hofreiter moniert hatte, darunter die Dorfkernverödung, für bedenkenswert. Burbach sei seit 15 Jahren Vorreiter in Sachen Zurückhaltung bei der Ausweisung von Wohngebieten. Mit der Richtungsänderung habe er sich anfangs nicht nur Freunde gemacht, schildert er. Inzwischen erfahre er darin aber viel Zustimmung.
Baulücken schließen, Innenbereiche verdichten, und das mit selbst aufgelegten Förderprogrammen flankieren. Diese Rechnung ging für Burbach auf. Wer ein Haus sucht und umbauen will, kann sich von örtlichen Architekten beraten lassen. Es gibt günstige Kredite. Das Programm „Lebenswerte Dörfer“ ist mehrfach ausgezeichnet worden. „Mein Prinzip war aber immer: überzeugen und fördern vor verbieten und bestrafen.“
Harald Dohm hat nach dem Interview, das solche Wellen geschlagen hat, übrigens die Website von Anton Hofreiter besucht. Da sitze er u. a. zu Hause bei seinen Eltern im Garten eines dörflichen Einfamilienhauses. Dohm: „Der Hofreiter weiß auch, wo es schön ist.“

Das Einfamilienhaus ist für viele junge Familien nach wie vor ein Traum, den sie gern verwirklichen möchten. Doch auch in ländlichen Regionen dürfte die Ausweisung von Neubaugebieten kein Selbstläufer mehr sein. Ein Interview des Fraktionssprechers der Bündnisgrünen im Bundestag, Anton Hofreiter, hat die Diskussion über das Wohnen von heute und morgen erneut befeuert.
Die Platte der Fritz-Erler-Siedlung in Kreuztal grenzt, durch einen Grünriegel getrennt, an eine Gruppe von Einfamilienhäusern.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen