Berk stellt sich AfD-Attacke

 Wittgensteins Superintendent nahm zunächst als neutraler Zuhörer an der AfD-Veranstaltung teil, um sich dann aber in die Diskussion einzuschalten.Foto: Archiv
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vö - An Selbstbewusstsein mangelt es dem Kreisvorstand Siegen-Wittgenstein der Alternative für Deutschland (AfD) definitiv nicht: „Es ist schön, dass wir angetreten sind, um Dinge zu verändern. Am Ende wird sich Qualität durchsetzen. Wir werden in die Position kommen, um auch Dinge verändern zu können“, sagte Michael Schlembach am Donnerstagabend beim parteioffenen Bürger-Treff im Gasthof „Gunsetal“ in Bad Berleburg.

Der Sprecher des Kreisverbandes blickte an einem Abend mit intensiven Diskussionen und durchaus kontroversen Meinungen vor rund 35 Zuhörern kurz auf die ersten Tage des neuen Bundestages zurück – und kam zu einem deutlichen Fazit: „Wir werden auch in Zukunft mit Diffamierungen leben müssen.“ Schlembach erinnerte daran, dass AfD-Kandidat Albrecht Glaser bei der Wahl zum stellv. Bundestagspräsidenten in allen drei Wahlgängen durchgefallen sei, dagegen habe Grünen-Kandidatin Claudia Roth die Hürde locker mit über 500 Stimmen genommen: „Und das als ehemalige RAF-Sympathisantin, die den Satz ‘Deutschland verrecke‘ geprägt hat. Da fällt einem nichts mehr zu ein“, fand Schlembach deutliche Worte. Beim AfD-Kandidaten sei es nur darum gegangen, „uns zu diffamieren“. Doch dies sollte nicht der Kern des jüngsten Bürger-Treffs gewesen sein.

Vielmehr stand die Verknüpfung von Christentum und Politik im Fokus – eingeleitet durch ein Referat von Johannes Hedrich. Den Hintergrund erläuterte Tim Radenbach, der den AfD-Abend moderierte: Vor der Wahl sei vielerorts zu hören gewesen, dass man als gewissenhafter Christ sein Kreuz nicht bei der Alternative für Deutschland machen könne. „Aber wir haben viele Christen, die sich in unserer Partei engagieren. Da entsteht eine gewisse Diskrepanz. Fragen, die nach Antworten suchen.“

Mit einer Frage stieg auch Referent Johannes Hedrich in seinen rund 30-minütigen Vortrag ein – nämlich ob es überhaupt eine Partei gebe, der man das Attribut christlich zuschreiben könne. Klare Antwort des gebürtigen Wittgensteiners: „Nein, es gibt allenfalls Schnittmengen.“ Christlich werde eine Partei auch dann nicht, wenn sie es im Namen trage. Klar aus der Sicht des Referenten: Die AfD verfüge definitiv über eine gewisse Schnittmenge zur Bibel – wenn er beispielsweise an das Familienbild denke. Als Christ könne man die Partei zweifelsohne wählen, „große Linien des Parteiprogramms sind akzeptabel“.

Scharfe Kritik äußerte Hedrich an der Flüchtlingspolitik der anderen Parteien: „Es kann nicht um unreflektierte Flüchtlingspolitik gehen und darum zu sagen, jeder kommt hier einfach herein. Die Menschen befinden sich ja schon in sicheren EU-Ländern.“ Und AfD-Kreissprecher Michael Schlembach gab zu bedenken, dass jedes Land selbst das Recht zu entscheiden habe, wer tatsächlich Hilfe brauche „und wer aus anderen Gründen zu uns kommt“. Die AfD sei die einzige Partei, die nicht nur die Rechte von Flüchtlingen kenne, sondern ihnen auch Pflichten abverlange. Und Tim Radenbach stellte fest „dass die vermeintliche Barmherzigkeit längst verkommen ist“. Die „Gutklatscher an den Bahnhöfen von einst“ erklärten sich ja in der Flüchtlingsarbeit längst überfordert und hätten sich zurückgezogen, „um die Flüchtlinge allein zu lassen“.

Stichwort Rückzug. Den warf Barbara Dylong, stellv. AfD-Kreissprecherin auch den Kirchen vor, Die zögen sich nach und nach von sozialen Aufgaben zurück, obwohl sie neben den Kirchensteuern auch staatliche Gelder erhielten. Den Vorwurf wollte Stefan Berk, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, der zunächst nur zu den Zuhörern gehörte, nicht kommentarlos stehen lassen: Hier werde leider „sehr einseitig, sehr allgemein kritisiert“. Die Aussage von Barbara Dylong lasse erkennen, „dass Sie im Kirchenkreis Wittgenstein nicht unterwegs sind“. Hier würden Kindergärten betrieben, hier werde sehr engagiert Flüchtlingsarbeit, Jugendarbeit und Diakonie-Arbeit geleistet. Staatliches Geld erhalte die Evangelische Kirche von Westfalen „kaum“. Auf die Frage, warum kirchliche Würdenträger vor der Wahl „davon abgeraten haben, eine Partei zu wählen, die auf den Füßen des Grundgesetzes steht“, wie es in der Versammlung laut wurde, fand Berk eine klare Antwort: „Auseinandersetzungen mit Grundpositionen müssen sein.“ Und auch in Sachen Flüchtlingspolitik bezog der Erndtebrücker Pfarrer deutlich Stellung: „Ich habe eine andere Position als die, die hier diskutiert wird – nicht radikal, aber anders. Wir werden das Thema Flucht nicht mit unseren Asylgesetzen lösen. Wir brauchen andere Handwerkszeuge.“

Ein Hinweis noch in eigener Sache: Weil auch am Donnerstag durch Teilnehmer der AfD-Veranstaltung mehrfach auf die „Beeinflussung der Menschen durch Medien“ hingewiesen wurde, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass sich die SZ mehrfach aktiv um Positionen der AfD in Siegen-Wittgenstein bemühte. Doch bislang blieb der Kreisverband eine Erklärung dafür, warum Landtagskandidat Michael Schwarzer an der SZ-Podiumsdiskussion in Erndtebrück trotz Zusage unentschuldigt fehlte, ebenso schuldig wie eine Antwort auf die jüngste Anfrage der Heimatzeitung, wie es um die angekündigte Gründung eines AfD-Ortsverbandes Wittgenstein bestellt sei. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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