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Arbeit beginnt, wenn andere sterben
Bestatterin aus Berufung

Katharina Brast hat bereits mehr als 1000 Verstorbene auf ihrem letzten Weg begleitet – manchmal sind es zwei, teilweise auch fünf oder sechs am Tag.
  • Katharina Brast hat bereits mehr als 1000 Verstorbene auf ihrem letzten Weg begleitet – manchmal sind es zwei, teilweise auch fünf oder sechs am Tag.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

ap Niederschelden/Altenkirchen. Es ist der 9. Juni 2001. Opa Heinz wird 68 Jahre alt. Gefeiert wird mit frischgebackenem Erdbeerboden, aber im Krankenhaus. Denn dort liegt Ehefrau Anita auf der Palliativstation – und verstirbt genau an diesem Tag. Und plötzlich geht alles ganz schnell: Verabschiedung, Bestatter, ein letztes Mal die Oma sehen, bevor sie beigesetzt wird. Aber wer hat ihr den Lippenstift aufgetragen? Und wie sind die Blumen in ihren Sarg gekommen? – Fragen, die ihre fünfjährige Enkeltochter auch eine lange Zeit danach noch beschäftigen.

Zehn Jahre später. Um zu erfahren, was mit den Verstorbenen vor ihrer Beerdigung passiert, macht die gebürtige Brachbacherin ein Praktikum bei einem Bestattungsunternehmen und beginnt anschließend eine Ausbildung.

ap Niederschelden/Altenkirchen. Es ist der 9. Juni 2001. Opa Heinz wird 68 Jahre alt. Gefeiert wird mit frischgebackenem Erdbeerboden, aber im Krankenhaus. Denn dort liegt Ehefrau Anita auf der Palliativstation – und verstirbt genau an diesem Tag. Und plötzlich geht alles ganz schnell: Verabschiedung, Bestatter, ein letztes Mal die Oma sehen, bevor sie beigesetzt wird. Aber wer hat ihr den Lippenstift aufgetragen? Und wie sind die Blumen in ihren Sarg gekommen? – Fragen, die ihre fünfjährige Enkeltochter auch eine lange Zeit danach noch beschäftigen.

Zehn Jahre später. Um zu erfahren, was mit den Verstorbenen vor ihrer Beerdigung passiert, macht die gebürtige Brachbacherin ein Praktikum bei einem Bestattungsunternehmen und beginnt anschließend eine Ausbildung. Ihren Opa konnte sie vor drei Jahren selbst abholen, anziehen, einbetten und zu Grabe tragen. „Das hat mir beim Abschiednehmen schon sehr geholfen“, erzählt sie. Anderen in dieser schweren Zeit zur Seite zu stehen – für Katharina ein absoluter Traumjob. Was ihr besonders gut gefalle, sei der abwechslungsreiche Arbeitsalltag. Kein Tag gleiche dem anderen. „Und ich habe nie denselben Verstorbenen“, schiebt die junge Herdorferin mit einem Augenzwinkern gleich hinterher. Mal überführe sie, mal versorge sie Verstorbene, mal sei sie auf dem Friedhof oder arbeite im Büro. Auf ihre Kollegen ist Katharina mächtig stolz, das Team sei „wie eine große Familie“. Die meiste Zeit ist die 24-Jährige im Bestattungshaus Spahr in Altenkirchen tätig, das Christian und Nicole Molly nach dem plötzlichen Tod des damaligen Inhabers übernommen haben. Bei Bedarf hilft Katharina aber auch in Niederschelden aus. „Ich habe die Arbeit bei Mollys noch einmal ganz anders kennengelernt. Hier gibt’s nichts von der Stange“, schwärmt sie. Jedes Gespräch, jede Beisetzung und jede Trauerfeier werde ganz individuell gestaltet.

Hohe psychische Belastbarkeit

Sie räumt aber auch ein: „Für diesen Beruf muss man wirklich gemacht sein. Man hat von morgens bis abends meist mit sehr traurigen Menschen zu tun.“ Neben viel physischer Kraft in den Armen erfordere der Job vor allem eine hohe psychische Belastbarkeit sowie Empathievermögen. Als Bestatterin sei man immer auch Seelsorgerin. „Wir kümmern uns wirklich um alles“, erklärt sie, „von der Organisation der Trauerfeier über Behördengänge, Abmeldungen, Traueranzeigen bis hin zur Kündigung bei der GEZ.“ Sogar Wohnungsauflösungen habe sie schon begleitet.

Für Katharina tägliche Routine, die momentan jedoch durch sich immer wieder ändernde Corona-Spielregeln durchbrochen wird. Bei vielen Trauerfeiern müssten Kontaktlisten geführt werden – und jede Kommune habe individuelle Vorgaben. Familien seien sehr verunsichert. Und am schlimmsten finde sie, dass Angehörige einen mit Covid-19 infizierten Verstorbenen nicht mehr am offenen Sarg verabschieden dürfen. „Die erkrankten Menschen sind einsam und allein“ – bis zum Tod und darüber hinaus.

Nicht jedes Schicksal mit nach Hause nehmen

Solche Situationen bleiben auch bei einer erfahrenen Bestatterin wie Katharina im Gedächtnis. Aber generell gelinge es ihr ganz gut, nicht jedes Schicksal mit nach Hause zu nehmen, erzählt sie. Oft müsse sie abends erst einmal überlegen, was an einem Tag alles passiert ist. Und wenn sie nachts doch mal wach läge, dann sei das meist wegen der Planung. „Beerdigungen sind live, da kann und darf man nichts vergessen“, erläutert sie. „Proben kann man das nicht. Es muss einfach alles auf den Punkt stimmen.“

Wie ihre eigene Bestattung aussehen soll – davon hat Katharina auch schon genaue Vorstellungen. „Ich werde wahrscheinlich die coolste Beerdigung haben“, sagt sie scherzend und mit einer erstaunlichen Gelassenheit. Das knallpinke Grabkreuz gibt es schon. Außerdem wünscht sie sich eine freie Rednerin und keine Trauerkleidung bei den Gästen, dafür aber einen schwarzen Sarg – „der macht schlank“. Und sie will Musik, die nicht auf jeder Beerdigung läuft. Ihr derzeitiger Favorit: „Be my baby“ von The Ronettes aus den frühen 60ern. Eine Todesanzeige hat sie auch schon (vor)geschrieben. „Natürlich hoffe ich aber, dass ich das meinen Eltern nicht antun muss und nicht vor ihnen sterbe.“

Keine Angst

Angst vor diesem Tag habe sie jedoch nicht. „Ich denke nur vielleicht etwas anders darüber als manch anderer in meinem Alter“, räumt die gelernte Bestattungsfachkraft ein. Immer wieder werde ihr bewusst, wie schnell es vorbei sein kann. „Zack“, sagt sie, schnipst fest mit zwei Fingern, hält einen Moment inne. „Und weg.“ Ihr Glaube helfe ihr aber dabei, besser mit der Arbeit und dem Tod zurechtzukommen. „Ich weiß ja, wo ich hinkomme. Und damit geht’s mir gut.“

Autor:

Alexandra Pfeifer

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