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Brauereien zurzeit auf Handel angewiesen
Bier zu Ramschpreisen

Die Bierbrauer setzen auf die Zeit im Spätsommer, wenn hoffentlich die Gastronomie wieder öffnen kann und Corona nur noch eine Randerscheinung. Derzeit setzt der Handel Bier verstärkt als Aktionsware ein, um Kunden zu locken. Die Preise rutschen dabei in den Keller.
  • Die Bierbrauer setzen auf die Zeit im Spätsommer, wenn hoffentlich die Gastronomie wieder öffnen kann und Corona nur noch eine Randerscheinung. Derzeit setzt der Handel Bier verstärkt als Aktionsware ein, um Kunden zu locken. Die Preise rutschen dabei in den Keller.
  • Foto: goeb
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

goeb Siegen/Bad Laasphe. Der Lebensmittelhandel ist derzeit der einzig verbliebene Absatzkanal für die Brauereien. Der Fassbier-Markt ist nahezu zum Erliegen gekommen, zuletzt wurde Fassbier in Millionenwerten entweder weggeschüttet oder in einer Verzweiflungsaktion das Mindesthaltbarkeitsdatum noch einmal um zwei Monate heraufgesetzt (was legal ist).
Dass sich der Preiskampf weiter zuspitzen würde, war schon vergangenes Jahr absehbar. Jetzt sieht man auf den Werbeprospekten der Märkte immer häufiger die „10“ vor dem Komma als Mitnahmepreis für einen großen Kasten Pils werthaltiger Marken. Und es geht auch schon darunter.

goeb Siegen/Bad Laasphe. Der Lebensmittelhandel ist derzeit der einzig verbliebene Absatzkanal für die Brauereien. Der Fassbier-Markt ist nahezu zum Erliegen gekommen, zuletzt wurde Fassbier in Millionenwerten entweder weggeschüttet oder in einer Verzweiflungsaktion das Mindesthaltbarkeitsdatum noch einmal um zwei Monate heraufgesetzt (was legal ist).
Dass sich der Preiskampf weiter zuspitzen würde, war schon vergangenes Jahr absehbar. Jetzt sieht man auf den Werbeprospekten der Märkte immer häufiger die „10“ vor dem Komma als Mitnahmepreis für einen großen Kasten Pils werthaltiger Marken. Und es geht auch schon darunter.

Bier zieht Kunden an

„Der Handelsabsatz kann den Absatzeinbruch in der Gastronomie nicht kompensieren“, erklärt das der PR-Chef einer Großbrauerei: „Meinen Namen möchte ich aber nicht in der Zeitung sehen.“ Äußerst „selbstbewusst“ trete der Handel in dieser Zeit auf, lässt er sich entlocken. Es ist kein Geheimnis: Bier ist schon immer die Aktionsware Nummer Eins gewesen. Ob Rewe, Edeka, Kaufland oder andere: Bier zieht Kunden an, vor allem männliche.
„Männer sind da einfach gestrickt“, schmunzelt Hans-Christian Bosch aus Bad Laasphe, Geschäftsführer und Inhaber der gleichnamigen Brauerei. „85 Prozent der großen Industriebrauereien verkaufen im Angebot. Man(n) guckt ins Blättchen und sagt: Da lass uns mal hinfahren.“

Günstige Preise können verwirren

Die kleinen, lokalen Brauereien haben es da etwas einfacher, sofern sie örtlich etabliert sind und man sich mit ihnen und der Qualität ihrer Produkte und Spezialitäten identifiziert. Viel seltener schreibt der Handel ihr Bier als Aktionsware aus, meist liegt es einige Euro über dem Preis der Branchenriesen.
Hans-Christian Bosch und Jens Geimer von der Westerwald-Brauerei sind bislang gut durch die Krise gekommen. Sowohl der Hachenburger Brauer als auch Bosch zählen zu den wenigen „Slow Brewern“, die ihren Produkten sechs bis acht Wochen geben, ehe sie in den Verkauf gehen.
„Wenn solche Produkte dann 4 oder 5 Euro günstiger als normalerweise angeboten werden, kommt sich der Kunde veräppelt vor. Der denkt dann: Schau mal, geht also auch. Da habe ich also jahrelang zu viel bezahlt“, ergänzt Bosch.

Handel bestimmt die Preise

Doch das täuscht natürlich. Alle Brauereien, mit denen die SZ gesprochen hat, erklären, dass allein der Handel die Preise für Aktionsware bestimmt. Wenn also Oettinger für 5,55 Euro angeboten wird, gibt das nicht den Herstellungspreis wieder.
In Zeiten der Pandemie steuern viele Bürger aus Sorge vor Ansteckung nur einen Supermarkt an und machen sich dort den Wagen voll. Rewe beispielsweise konnte 2020 seinen Umsatz um 20,4 Prozent steigern. Es ist eine Mischkalkulation. Die niedrigen Lockpreise beim Bier rechnen sich für den Handel also in jedem Fall.

Weniger Besuch, weniger Bier

„Die Brauereien müssen da tatenlos zuschauen“, räumt Ulrich Biene von Veltins ein. „Der Handel kauft das Bier nicht günstiger ein“, schildert er. In der Wertschöpfung merke man das erst einmal nicht.
Doch wie in der Modebranche, wo einst teure Klamotten wegen der vielen Ware auf Lager jetzt verramscht werden, bleibt womöglich auch beim Bier ein „psychologischer Schaden“ zurück. Was einmal billig war, ist dann später schwer wieder teurer zu verkaufen.
Im Januar und Februar waren die Keller der Verbraucher noch voll, weil an Weihnachten und Silvester kein Besuch da war. Mit dem warmen März waren die Brauer zufriedener, der April war lausig kalt. Peter Lemm, der Leiter Unternehmenskommunikation bei Krombacher, bilanziert: „Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, liegt der Gesamtbiermarkt in Deutschland aktuell mehr als 10 Prozent unter dem Absatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.“

Hoffnung liegt auf dem Spätsommer

Ulrich Biene setzt wie sein Kollege von Krombacher jetzt auf den Mai und auf den Spätsommer, wenn Corona hoffentlich besiegt sein wird. „Bier ist ein versöhnliches Getränk. Es schafft Normalität“ sagt er. „Nach der Durchimpfung, so philosophiert er, „könnten das furiose Wochen werden“.
Optimistisch zeigte sich Dr. Axel Haas, Eigentümer der Erzquell-Brauerei. Wärmeres Wetter und fallende Inzidenz sowie immer mehr Geimpfte lassen ihn hoffen, dass zügig wieder die Gastronomie öffnen kann und – das Bier fließt!

Große liegen auf der Lauer Obwohl auch Große wie Bitburger Stellen abgebaut haben (2020: 130 Arbeitsplätze), geht die Bierabsatzkrise dem Mittelstand an die Substanz. Man sei offen für Zukäufe, werden die Eifeler zitiert. Denn nicht alle Kleinen haben treue Stammkunden wie Bosch, die Westerwald-Brauerei oder Erzquell. „Die Kleinen sollen rausgedrückt werden“, stellt Hans-Christian Bosch fest. „Bei uns fängt der Flaschenbierverkauf viel auf, aber das ist nicht bei allen so.“ Der Mittelstand bekomme zu spüren, dass es keine Feste gibt. „Slow Brewer“ Jens Geimer von der Westerwald-Brauerei hat im Corona-Jahr ein neues Sudhaus gebaut, neue Kisten und Flaschen eingeführt und die Zeit 2020, da man weniger zu tun hatte, genutzt, um seine Leute in Fortbildung zu schicken (5800 Stunden). Mit acht Wochen Vorlaufzeit für sein Bier, sagt er, würde er sich natürlich leichter tun, wenn er wisse, wann die Branche wieder durchstarten kann. Mit großem Respekt schaut er auf den anderen Slow Brewer nach Bad Laasphe (und umgekehrt der nach Hachenburg). „Wir sind ja keine Jammerlappen“, sagt er.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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