Biermann bekommt Landesorden

 So viel Aufmerksamkeit wurde wohl noch keiner Kreuztaler Ratssitzung geschenkt: Am 6. November 2008 beschloss das Stadtparlament unter der Leitung von Rudolf Biermann (vorn, Mitte) mehrheitlich die Umbenennung des städtischen Gymnasiums. Etwa 250 Zuschauer bezeugten dies in der Stadthalle. Archivfoto: Jan Schäfer
  • So viel Aufmerksamkeit wurde wohl noch keiner Kreuztaler Ratssitzung geschenkt: Am 6. November 2008 beschloss das Stadtparlament unter der Leitung von Rudolf Biermann (vorn, Mitte) mehrheitlich die Umbenennung des städtischen Gymnasiums. Etwa 250 Zuschauer bezeugten dies in der Stadthalle. Archivfoto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

js - 26 Bürgerinnen und Bürger des Landes Nordrhein-Westfalen haben am Mittwochnachmittag eine Verabredung mit Hannelore Kraft. Wenn die Ministerpräsidentin im Düsseldorfer Museum Kunstpalast herausragende Persönlichkeiten mit dem Landesverdienstorden auszeichnet, wird sie auch drei Männern aus dem Siegerland die Hände schütteln: Dem früheren stellv. Landrat Jürgen Althaus (Kreuztal), dem ehemaligen Präsidenten des Chorverbands NRW, Hermann Otto (Siegen), und Kreuztals Altbürgermeister Rudolf Biermann. Für welche Verdienste genau ihnen der Orden überreicht werden soll, darüber gibt die Staatskanzlei im Vorfeld keine Auskünfte. Dieses Stillschweigen hat Tradition. Dass der frühere Rathauschef der Kindelsbergkommune unter den Ordensträgern sein wird, ist nach SZ-Informationen seiner Rolle in der „Flick-Debatte“ zu verdanken, die 2008 mit der Umbenennung des städtischen Gymnasiums endete.

Etwa ein Jahrzehnt ist vergangen, seitdem die Diskussion um den Namen des früheren Friedrich-Flick-Gymnasiums (FFG) in Gang gekommen war. Zur Erinnerung: 1968 hatte der Kreuztaler Fabrikant Friedrich Flick seiner Heimatstadt 3 Mill. DM für den Bau eines Gymnasiums geschenkt, das zum Dank nach ihm benannt wurde. 1984 war erstmals offen über die Notwendigkeit einer Umbenennung der Schule gesprochen worden, die den Namen eines verurteilten Kriegsverbrechers trug. Damals lehnte der Rat dies ebenso ab wie die Entziehung der Ehrenbürgerschaft Flicks. Vier Jahre später scheiterte ein erneuter Vorstoß ebenfalls an der Ratsmehrheit. Fast 20 Jahre später war das Thema abermals auf dem Tapet gelandet. Ausgelöst durch eine Anfrage eines ehemaligen FFG-Schülers, einer Anfrage der Grünen und der folgenden Gründung einer ausgesprochen engagierten Initiative, die bundesweites und internationales Medieninteresse an Kreuztal weckte, wurde die Diskussion um die Namensgebung des Gymnasiums abermals entfacht.

Zunächst hatte Rudolf Biermann (CDU), der 1999 als erster hauptamtlicher Bürgermeister an die Verwaltungsspitze gewählt worden war, vor einem Ratsbeschluss mögliche finanzielle Auswirkungen für die Stadt klären wollen. Dann aber, so erläuterte er in der einschneidenden Ratssitzung am 6. November 2008, hatte er sich umentschieden, sich selbst für eine Umbenennung ausgesprochen und einen Ratsbeschluss zu dieser Frage gefordert, um einen „quälenden und langanhaltenden Prozess“ zu beenden. Der von seiner eigenen Partei gewünschte Bürgerentscheid war nicht mehrheitsfähig und wurde daher nicht durchgeführt.

Es war daher die Mehrheit des Kreuztaler Rates, die im November 2008 mit 26 Ja-Stimmen und zwölf Nein-Stimmen die Umbenennung des einstigen FFG zum „Städtischen Gymnasium“ in geheimer Abstimmung vor etwa 250 Zuschauern besiegelte und damit auch die politische Verantwortung übernahm. Eine Aussprache gab es seinerzeit nicht zu diesem Tagesordnungspunkt. In Abstimmung mit den Fraktionen ergriff allein Rudolf Biermann das Wort und zeigte in einer Grundsatzrede auf, worum es seiner Ansicht nach ging bei dieser schwierigen Entscheidung. „Wir sind gefordert zu entscheiden, ob Friedrich Flick der richtige Namensgeber für unser Gymnasium ist“, erklärte der heute 74-Jährige damals.

Außerhalb von Kreuztal könne niemand nachvollziehen, „dass in unserer heutigen Zeit ein städtisches Gymnasium noch nach Flick benannt ist“. Der Rat habe zu entscheiden, „ob es undankbar und unmoralisch ist, wenn wir an der Meinung festhalten wollen, dass der Name Friedrich-Flick-Gymnasium in dankbarer Erinnerung an die damalige Spende auf Dauer erhalten werden soll und muss“. Oder aber, „ob wir bei aller Dankbarkeit für sein Engagement in Kreuztal die Namensgebung für eine Schule vor dem Hintergrund der Gesamtbetrachtung seiner Vita für falsch halten“. Die Namensgebung habe sich für das Gymnasium „als große Belastung erwiesen“, sagte er mit Blick auf die quälende öffentliche Debatte im Vorfeld.

Rudolf Biermann hatte sich mit seiner Haltung in der „Flick-Debatte“ weit aus dem Fenster gelehnt und sich damit nicht nur Freunde gemacht – im Gegenteil: Insbesondere aus den Reihen seiner eigenen Partei gab es gehörige Kritik am Bürgermeister. Auch in der Kindelsbergkommune bekam der Erste Bürger die Quittung: Bei der Kommunalwahl neun Monate nach der aufsehenerregenden Ratssitzung unterlag Biermann, der sein Amt 2006 noch mit deutlichem Vorsprung verteidigen konnte, seinem Nachfolger Walter Kiß (SPD). 

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.