„Bin wieder da!“

Wieder da: Uwe Pieper lädt im Rahmen des Kunstsommers in sein Atelier in der Oranienstraße Siegen.  Foto: gmz
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gmz Siegen. Keck lehnt sich dieser kleine Herr mit der roten Zipfelmütze in seinem Rettungs-Schwimmring zurück, streift den Venus-Torso mit Botticelli-Anmutung als Eisberg-Variation, der neben ihm aus dem Wasser steigt, mit einem pfiffigen Blick und strahlt den Betrachter an: „Bin wieder da!“ Jawohl, unübersehbar, mit hintergründigem, stillem Witz, technischem Können und Aussagen über das Leben, die man zwischen scharfsinniger, skeptischer, aber nicht resignierter Analyse und weisem Abwarten ansiedeln kann. Uwe Pieper hat in seinen neuen Arbeiten u. a. Gartenzwerge aus der Versenkung geholt. Dieser Inbegriff der Biederkeit, die kunststoffgewordene Sehnsucht nach „Heimeligkeit“, die Überhöhung des Nicht-Ideals, die Inkarnation des Kitsches führt in seinen Arbeiten ein Leben als ein Gigant (im Verhältnis zu den anderen Gegenständen und Personen im Bild). Er lenkt so mit seinem auch unseren Blick auf „das Leben“ und die Absurditäten, die wir meistens als normal hinzunehmen bereit sind. Schaut mal, scheint der Zwerg zu zeigen, schaut doch mal hin!

Dabei ist Uwe Piepers im weitesten Sinne ja politische Stellungnahme an keiner Stelle platt, dafür sind die Arbeiten viel zu gut und zu kenntnisreich, sondern subtil und klug. Der eingangs beschriebene kleine Badezwerg hat ein dralles weibliches Pendant, das mit züchtig und zugleich durchtrieben gesenktem Blick auf den klassischen männlichen Torso „wartet“, der ebenfalls dem Meer entsteigt. Das sagt viel über die Heroen von damals und jetzt und auch über die Konstanten der Sehnsucht, damals und jetzt. Idealisierte Schönheit als Gegenwurf zur Realität, die, um die ertragbar zu machen, zur Niedlichkeit verdammt wird. Das Ganze stellt Uwe Pieper auf den Kopf. Da muss man hinschauen!

So wie er auch einen kritischen Blick auf die gesammelten medialen „Super-Star“-Suchen (in allen ihren Variationen) wirft, indem er drei seiner immer wiederkehrenden Rehbockgeweihe auf den Kopf stellt, so dass aus den Geweihen kräftig-beschenkelte Damen in rosafarbenen, gelben und schwarzen „Leggings“ werden. Diese uniformen Kandidatinnen stellen sich dem Urteil des Paris: Das rote Äpfelchen baumelt etwas unentschieden darunter. Viel hat sich seit Paris nicht geändert (und in Paris auch nicht, könnte man anfügen)! Herrlich auch Uwe Piepers Variante von Fast-Food, Frischewahn und 24-Stunden-Lieferservice an die Haustüre: Ein großer Metzger-Zwerg führt ein winziges Schwein an der Leine: „A remarkable new way to buy food – delivered to your door“ steht da. Absurditäten klingen doch direkt viel besser, wenn man sie ins Englische packt! Diesen Absurditäten stellt der Maler in einigen duftigen, leichten, schnellen Buntstiftzeichnungen das „normale“ Leben gegenüber: Stilllebenartig fast wirkt der Blick über den Esstisch im lichtdurchfluteten Zimmer auf das Meer, der Blick über die in der Brise flatternden Wäsche auf den Berg, das Meer zwischen Gebirge und Himmel. Zerbrechlich fast, aber eindrücklich.

Dann aber taucht wieder unser zipfelmütziger Zwerg auf. Er verbindet in einer großformatigen Arbeit als riesiger, schaukelnder „Überflieger“ über (kleinen) prägnanten Großstadtsilhouetten und genauso kleinen Paar-Silhouetten genau diese unauflösbare Spannung zwischen dem Anspruch der Weltläufigkeit und der Notwendigkeit der Heimat, zwischen Vorgabe und Sehnsucht, die sich in seiner fast lächerlichen Figur als oberflächlicher Kitsch und tiefes Bedürfnis konzentrieren. Am Vorgartenzwerg kommen wir eben nicht vorbei! Oder doch!?

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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