SZ

Spahn-Gutachten mit Spannung erwartet
Bittere Pillen für Heilkunde befürchtet

Das Bundesgesundheitsministerium möchte per Rechtsgutachten Handlungsbedarfe und Möglichkeiten des Heilpraktikerberufs klären. Die Branche befürchtet massive Veränderungen – bis hin zur Abschaffung des Berufsbilds. Die SZ sprach mit zwei Heilpraktikerinnen in Siegen und Wingeshausen.
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  • Das Bundesgesundheitsministerium möchte per Rechtsgutachten Handlungsbedarfe und Möglichkeiten des Heilpraktikerberufs klären. Die Branche befürchtet massive Veränderungen – bis hin zur Abschaffung des Berufsbilds. Die SZ sprach mit zwei Heilpraktikerinnen in Siegen und Wingeshausen.
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nja Siegen/Wingeshausen. „Wir fordern den Erhalt des Heilpraktikerberufs und seines Kompetenzspektrums! Er muss als freier Heilberuf bewahrt und unterstützt werden.“ So beginnt eine Petition an die Bundesregierung, die mittlerweile mehr als 193 500 Unterzeichner gefunden hat. Unsicherheit herrscht in der Branche, seitdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 2019 ein Rechtsgutachten ausgeschrieben hat, welches „das Heilpraktikerrecht einschließlich der dazu ergangenen Rechtsprechung umfassend aufarbeiten“ soll.
"Auch Abschaffung ein Thema"Insbesondere soll dabei geklärt werden, welchen rechtlichen Gestaltungsspielraum der Gesetzgeber im Falle einer Reform des Heilpraktikerrechts zur Stärkung der Patientensicherheit hätte.

nja Siegen/Wingeshausen. „Wir fordern den Erhalt des Heilpraktikerberufs und seines Kompetenzspektrums! Er muss als freier Heilberuf bewahrt und unterstützt werden.“ So beginnt eine Petition an die Bundesregierung, die mittlerweile mehr als 193 500 Unterzeichner gefunden hat. Unsicherheit herrscht in der Branche, seitdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 2019 ein Rechtsgutachten ausgeschrieben hat, welches „das Heilpraktikerrecht einschließlich der dazu ergangenen Rechtsprechung umfassend aufarbeiten“ soll.

"Auch Abschaffung ein Thema"

Insbesondere soll dabei geklärt werden, welchen rechtlichen Gestaltungsspielraum der Gesetzgeber im Falle einer Reform des Heilpraktikerrechts zur Stärkung der Patientensicherheit hätte. „Teil dessen ist auch die Frage, ob eine Abschaffung des Berufs möglich sei“, ist der Petition zu entnehmen. Die SZ fragte im Ministerium nach dem Umfang der Überprüfung, nach dem Anlass und danach, wann mit Ergebnissen gerechnet werde. Eine Antwort gab es bislang nicht.

"Unkenntnis und Falschinformation"

Anke Walter-Senske ist Heilpraktikerin in Wingeshausen. Nach ihrer schulischen Ausbildung  und der Prüfung – „die Durchfallquote liegt bei ca. 80 Prozent“ – absolvierte sie eine Assistenzzeit bei drei Heilpraktikern und arbeitete bei einem Arzt für Allgemeinmedizin. „Ich habe nun Angst, dass gesetzliche Regelungen hinsichtlich der Ausbildung und der Berufsausübung ohne tiefergehende Kenntnis der realen Verhältnisse und ohne die Beteiligung und Expertise der Heilpraktikerschaft geschaffen werden. Es besteht die große Gefahr, dass den Patienten durch eine überzogene Regulierung wesentlich mehr Heilungschancen genommen als zusätzliche Sicherheiten geboten werden.“ Derzeit „herrschen leider viel Unkenntnis und Falschinformation in Bezug auf die tägliche Arbeit von uns Heilpraktikern. Die wenigsten wissen, dass über 30 Gesetze und Verordnungen unsere Berufsausübung regeln und dass für uns die gleichen Regeln gelten wie für alle anderen medizinischen Berufe“. Die Politiker täten gut daran, sich im Interesse der Bürger zu informieren.

Das eine tun ohne das andere zu lassen

Unerträglich sei es, dass manche Kritiker die Urteilsfähigkeit der vielen Patienten infrage stellten: „Es muss doch jedem frei zur Wahl stehen, auf welche Weise er sich behandeln lassen will! Das ist doch ein Grundrecht.“ Zum Wohle aller Kranken sollten sich Schulmedizin und komplementäre Heilverfahren ergänzen. „Es wäre ein großer Fehler, in Zeiten von Ärztemangel, Umkehrung der Alterspyramide, Pflegenotstand und Kostenexplosion im Gesundheitswesen einen Beruf abzuschaffen, der z. B. nachweislich Versorgungslücken schließt, sich stark für die Vorbeugung von Krankheiten einsetzt und die immer weiter steigende Zahl chronisch und psychosomatisch Kranker gut betreut – ohne die gesetzlichen Krankenkassen mit nur einem Cent zu belasten.“

"Wir bewahren Wissen"

Sehr viele der Verfahren gehörten zum deutschen Kulturgut: „Wir bewahren das Wissen um die traditionellen Heilverfahren der Naturheilkunde. Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert, dass alle Länder ihre traditionellen Heilverfahren pflegen. Deutschland macht dies derzeit leider nicht.“ Werde der Beruf abgeschafft, würden etliche altbewährte und wirkungsvolle Heilmethoden aus der medizinischen Landschaft verschwinden. Karin Molina aus Siegen ist „kleine“ Heilpraktikerin für Psychotherapie. Bei leichten Depressionen, Angsterkrankungen und Burn-out sowie deren Vorbeugung z. B. bietet sie ihre Hilfe an – die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Die Kooperation mit den Hausärzten funktioniere sehr gut, freut sie sich. „Es gibt so viele wertvolle therapeutische Methoden, mit denen wir Menschen weiterhelfen können“, sagt sie. Gerade im Bereich der Psychotherapie seien die Wartelisten für Patienten meist extrem lang. Spahn wisse gar nicht, wovon er rede, wenn er das Rechtsgutachten unter die Überschrift „Patientenschutz“ stelle. Heilpraktiker seien eine wertvolle Ergänzung der Schulmedizin. Naturheilkunde gebe es seit Jahrhunderten – seit geraumer Zeit aber gebe es zunehmend Versuche von politischer Seite, sie immer weiter einzuschränken. „Trotz der unübersehbaren Akzeptanz in der Bevölkerung.“ Karin Molina plädiert für mehr Eigenverantwortung der Patienten und das Beibehalten der Wahlfreiheit zwischen der klassischen Schulmedizin und den Methoden der Heilpraktiker – der Naturheilkunde.

"Sind nicht beteiligt worden"

Ein weiterer Kritikpunkt: Eine echte Beteiligung habe es bislang noch nicht gegeben: „Weder wir noch die Patienten wurden angehört.“ Laut Petition suchen täglich etwa 128 000 Menschen einen Heilpraktiker auf. Werde der Beruf abgeschafft, habe das nicht nur Konsequenzen für deren Existenzen: „Das wird massive Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung der vielen Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen in unserem Land haben.“

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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