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Auf der Suche nach der Wahrheit
Bluttat im Siegener "Bermuda-Dreieck" vor Gericht

Staatsanwalt Philipp Scharfenbaum verlas am Dienstagmorgen die Anklageschrift vor der 1. großen Strafkammer am Siegener Landgericht.
  • Staatsanwalt Philipp Scharfenbaum verlas am Dienstagmorgen die Anklageschrift vor der 1. großen Strafkammer am Siegener Landgericht.
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kalle Siegen. Am Samstag, 18. August vergangenen Jahres, war die Welt für einen heute 41 Jahre alten Ingenieur noch in Ordnung. Gemeinsam mit seinem Bruder und seinen zwei langjährigen Freunden war das Quartett in der Siegener Unterstadt auf ein paar Bierchen unterwegs. Im „Hackermann“ trank man Flaschenbier, Kölsch oder „Jacki-Cola“.
Die Stimmung war bestens. Das spätere Opfer einer Gewalttat kaufte noch einen großen Strauß roter Rosen, da er seinen zweiten Hochzeitstag nicht vergessen hatte. Man beschloss zum Finale der noch jungen Nacht in einem benachbarten Schnellimbiss was zu essen. Gemütlich setzte sich die Männer an einen Vierertisch und bestellten verschiedene Menüs.
Ebenfalls gegen Mitternacht gab es noch keine Hinweise darauf, dass der 22 Jahre alte Student Sicken A.

kalle Siegen. Am Samstag, 18. August vergangenen Jahres, war die Welt für einen heute 41 Jahre alten Ingenieur noch in Ordnung. Gemeinsam mit seinem Bruder und seinen zwei langjährigen Freunden war das Quartett in der Siegener Unterstadt auf ein paar Bierchen unterwegs. Im „Hackermann“ trank man Flaschenbier, Kölsch oder „Jacki-Cola“.
Die Stimmung war bestens. Das spätere Opfer einer Gewalttat kaufte noch einen großen Strauß roter Rosen, da er seinen zweiten Hochzeitstag nicht vergessen hatte. Man beschloss zum Finale der noch jungen Nacht in einem benachbarten Schnellimbiss was zu essen. Gemütlich setzte sich die Männer an einen Vierertisch und bestellten verschiedene Menüs.
Ebenfalls gegen Mitternacht gab es noch keine Hinweise darauf, dass der 22 Jahre alte Student Sicken A. wenige Stunden später mit seinem Klappmesser den 41-Jährigen „mit mindestens sieben Stichen lebensgefährlich verletzen würde und dabei den Tod billigend in Kauf genommen hat“, wie es Staatsanwalt Philipp Scharfenbaum am Dienstag  in seiner Anklage ausführte. Der Tatverdächtige war mit seiner damaligen Freundin und einem bekannten Pärchen auf der Niederfischbacher Kirmes gewesen. Dort hatte der Student nach eigenen Angaben acht bis neun Bier getrunken, bis der Hunger auch dieses Quartett in den Schnell-Imbiss trieb.
Von diesem Moment an fallen die Wahrnehmungen und Erinnerungen von Täter und Opfer völlig unterschiedlich aus. Sicken A. schilderte vor dem Schwurgericht der 1. großen Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Elfriede Dreisbach seine Sicht der Dinge.
Er habe wahrgenommen, wie sich die Männer (Opfer-Gruppe) am Nachbartisch über das Hinterteil seiner Freundin unterhalten hätten. Das habe ihn so aufgebracht, dass er den 41-Jährigen vor der Eingangstüre massiv angerempelt und dann nach kurzem Wortgefecht mit der rechten Faust in die linke Gesichtshälfte geschlagen habe. „Ich hatte große Wut und zuvor Alkohol getrunken, von dem ich nicht viel vertrage“, sagte der Angeklagte. Dann habe man ihn wohl noch als Kanaken bezeichnet.
Opfer wie auch die Zeugen sagten aus, dass sich die gesamte Auseinandersetzung im Sekundenbereich abgespielt habe. Der Bruder des Opfers griff ein, war aber den Schlägen des jungen Mannes nicht gewachsen. Ja, so der Angeklagte, er sei von beiden Männern angegangen worden. Sie hätten ihm am Hals gewürgt und die Luft abgedrückt. Daraufhin habe er sein Messer aus der Lederjacke gezogen. Das, so antwortete Sicken A. auf die Frage der Richterin, trage er immer bei sich. Aus Sicherheitsgründen.
Er habe die Klinge jedoch nicht ganz öffnen können. Und ja, er habe aus Todesangst zugestochen. Er traf insgesamt dreimal in den Schulterbereich, dazu in den Hals, in den Rücken und in den Arm des Opfers, der nach dieser Tat, ebenso wie seine Freunde, die gesamte Unterstadt für einen Gastrobesuch meidet. Dann machte sich der Angeklagte aus dem Staub. Alle Zeugen sprachen von drei jungen Männern, die in Richtung Bahnhof gerannt seien. Der dritte Mann blieb bis jetzt im Dunklen.
Selbst am Finger verletzt, versuchte der Student in der Klinik in Kirchen medizinische Hilfe zu erhalten. Der Notarzt tat sein Möglichstes und schickte den Student nach Weidenau in das Kreisklinikum zur weiteren Behandlung.
Dort lag zu dieser Zeit auch das Opfer und kämpfte um sein Leben. Bei einem der Messerstiche wurde die Arterie im Arm getroffen. Er hatte bis zum Eintreffen der Rettungskräfte bereits viel Blut verloren. Stunden später konnte die Ärztin Entwarnung geben. Der damals 40-Jährige war außer Lebensgefahr, lag aber noch neun Tage im Krankenhaus und konnte 12 Wochen seine Arbeit nicht aufnehmen. Noch heute leidet er körperlich und seelisch unter der Bluttat.
Nach Aussagen des Angeklagten sei er nach der Tat nach Hause gefahren. Zwei Tage später, nachdem die Medien sich der Bluttat annahmen, habe er sich seinen Eltern erklärt. Der Vater buchte einen Flug in die Türkei. Hier sollte der Sohn erst einmal die Dinge verdauen.
Nachdem die Eltern einen Anwalt aus Gießen beauftragt hatten, reiste der Student aus der Türkei zurück, stellte sich den Beamten der Mordkommission Hagen und erzählte die Geschichte der Tatnacht aus seiner Sicht.
Die beiden Verteidiger des Tatverdächtigen, Carsten Marx und Frank Richtberg aus Gießen, lieferten sich bereits am ersten Verhandlungstag mit dem Anwalt der Nebenklage, Dr. Nikolaus Gazeas, feinste juristische Duelle. Ein echter „Fight“ auf Augenhöhe. Der Prozess wird am Donnerstag um 10 Uhr fortgesetzt.

Autor:

Karl-Hermann Schlabach (Redakteur) aus Siegen

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