Medizinethiker der Uni Siegen im Interview
Brauchen wir eine Impfpflicht?

Der Wissenschafts- und Medizinethiker Professor Dr. Dr. Carl Friedrich Gethmann von der Universität Siegen hält einen generellen Impfzwang für unverhältnismäßig.
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  • Der Wissenschafts- und Medizinethiker Professor Dr. Dr. Carl Friedrich Gethmann von der Universität Siegen hält einen generellen Impfzwang für unverhältnismäßig.

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sabe Siegen. Jetzt ist das große, böse Wort also wieder da: die Impfpflicht. Der Medizinethiker Wolfram Henn hatte es vor einigen Tagen wieder ins Spiel gebracht und zwar für Beschäftigte bestimmter Berufsgruppen wie Lehrer, Erzieher oder Gesundheitskräfte. Von anderer Seite wird zudem eine Covid-19-Impfpflicht für Soldaten zur Debatte gestellt.

Der Wissenschafts- und Medizinethiker Professor Dr. Dr. Carl Friedrich Gethmann von der Universität Siegen hält einen generellen Impfzwang für unverhältnismäßig, weil das Ziel einer zufriedenstellenden Durchimpfungsquote erreichbar erscheint. Im SZ-Gespräch redet er über die eigene Freiheit, das Schutzbedürfnis der anderen und warum Politiker sich öffentlichkeitswirksam impfen lassen sollten.

Herr Professor Gethmann, ist eine begrenzte Impfpflicht ein Tabubruch?
Selbst eine allgemeine Impfpflicht wäre keineswegs etwas Neues und gesetzlich durchaus möglich. Wir hatten in Deutschland und in vielen anderen Ländern zum Beispiel bei Pocken eine Impfpflicht. Oder gegen Kinderlähmung. Herr Spahn hat noch im vergangenen Jahr die generelle Masernimpflicht eingeführt. Das ist verfassungsrechtlich möglich, aber nur unter strengen Bedingungen. Die Maßnahme muss verhältnismäßig sein.

Wann ist sie verhältnismäßig?
Beim Grundsatz der Verhältnismäßigkeit geht es um eine Anforderung an die Exekutive. Er verlangt, dass die Restriktionen gegenüber dem Bürger wirksam sein müssen und nicht durch Maßnahmen mit geringerer Eingriffstiefe erreicht werden können. Grundsätzlich hat jeder Bürger das Recht auf Freiheit, somit auch das Recht, frei über seinen Körper zu bestimmen. Ein Staat darf nur dann eingreifen, wenn auch das Schutzbedürfnis der anderen betroffen ist. Die eigene Freiheit endet immer da, wo die Freiheit des anderen anfängt.

Wir haben während der Corona-Pandemie erlebt, dass nicht wenige Verwaltungsgerichte die staatlichen Maßnahmen zumindest kurzzeitig außer Kraft gesetzt haben. Wie bei der Ausgangssperre.
Das ist ja der Vorteil des Rechtsstaates. Rechtsstaat heißt überhaupt im Kern erst einmal, dass jeder Bürger sich gegen jede staatliche Anordnung auflehnen darf und vor einem Verwaltungsgericht klagen kann. Das müssen die Politiker berücksichtigen. Aber wenn es anders nicht geht, eine Herdenimmunität nur durch einen Impfzwang erreicht werden kann, dann, wie gesagt, darf der Staat das machen.

Bei der Masernimpfung hat der Gesundheitsminister für eine Pflicht entschieden.
Erst einmal muss man wissen, dass das Masernvirus noch infektiöser als das Coronavirus ist. Für die kollektive Immunisierung bei Masern brauchen wir eine Impfquote von 95 Prozent, bei Corona 85. Trotzdem hat der Deutsche Ethikrat von einem gesetzlichen Impfzwang bei Masern abgeraten, weil er gesehen hat, dass die sechsjährigen Kinder zu annähernd 95 Prozent geimpft sind. Herr Spahn hielt allerdings eine Impfpflicht bei Masern für angemessen.

Gleiches fordert Herr Henn jetzt für Lehrer, Erzieher oder Mitarbeiter im Gesundheitssektor mit Blick auf die Corona-Impfung. Finden Sie das richtig?
Wäre es so, dass ausgerechnet das Pflegepersonal auf den Intensivstationen nicht geimpft wären, dann wäre es unter der Prämisse legitim, die ich bereits angesprochen habe, nämlich zum Fremdschutz der Patienten. Aber, und das hat ja gerade die Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx, bei Lanz nochmal eindeutig gesagt: Ein Impfzwang wäre überflüssig, weil genau diese Berufe schon gut durchgeimpft sind. Gleiches gilt bei den Lehrern.

Sie sprechen von der Forderung des RKI, 85 Prozent Durchimpfung für den Schutz vor der vierten Welle zu erreichen.
Ja. Wir haben hier einen etwas größeren Spielraum als beim Masernvirus zum Beispiel. Und im Moment sieht es so aus, dass man diese Durchimpfungsrate auch ohne Impfzwang erreichen kann. In einer RKI-Studie wird von 88 Prozent Impfbereitschaft gesprochen. Massive Druckmittel sollte man nur im Notfall einsetzen. Aber an sich bin ich hoffnungsvoll, dass es keine massive vierte Welle geben wird.

,,Die eigene Freiheit endet immer da, wo die Freiheit des anderen anfängt.'' Professor Dr. Dr. Carl Friedrich Gethmann, Medizinethiker an der Uni Siegen.
  • ,,Die eigene Freiheit endet immer da, wo die Freiheit des anderen anfängt.'' Professor Dr. Dr. Carl Friedrich Gethmann, Medizinethiker an der Uni Siegen.
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Das klingt optimistisch. An welche Gründe denken sie?
Wir haben jetzt in der Bundesrepublik eine Durchimpfungsrate von 50 Prozent, fast jeder zweite ist also schon geimpft. Das heißt, die Verbreitungsgeschwindigkeit dieser sehr infektiösen Delta-Variante wird gedämpft und führt außerdem nicht mehr zu solch hohen Morbiditiätsraten wie bei der dritten Welle. Wenn geimpfte Menschen erkranken, erkranken sie meistens sehr viel leichter. Die über 60-Jährigen liegen schon bei 70 bis 75 Prozent Durchimpfungsquote. Da sind die 85 Prozent gar nicht mehr so weit. Die besonders gefährdeten Altersgruppen haben also schon eine ganz gute Immunität.

Aber die Impfkampagne wird behäbiger. Was ist zu tun?
Erst mal muss noch besser aufgeklärt werden. Man muss, so wie es in Israel gemacht wurde, Barrieren wegnehmen. Mit mobilen Impfzentren zum Beispiel. Es ist manchmal eine hohe Hürde, wenn Menschen erst ein Impfzentrum aufsuchen müssen. Wir müssen Lästigkeiten abbauen, Zutritt erleichtern.

In Siegen möchte der Leiter des Impfzentrums zum Beispiel vor Moscheen impfen. Und am Wochenende gab es eine Impfaktion direkt in der Stadt.
Ja, so etwas. Auch wenn sich Politiker öffentlichkeitswirksam impfen lassen, finde ich das prima. Wenn sich ein Imam vor die Moschee stellt und sich vorbildhaft impfen lässt, werden viele mitmachen.

Viele fürchten eine Impflicht durch die Hintertür. Der Ärztechef plädierte dafür, dass Ungeimpfte ihre Corona-Tests selbst zahlen sollen.
Das sollte man lieber nicht machen, dann haben wir ja wieder eine Hürde gebaut. Und dann betrifft es wieder die Ärmeren, die sich diese Gebühr von vielleicht 20 Euro nicht erlauben können.

Werden Impfverweigerer es in Zukunft schwer haben?
Ja, das kann schon sein. Aber nicht nur, weil es auf Dauer den einen oder anderen Nachteil für Ungeimpfte geben wird, sondern Menschen, die weder geimpft noch genesen sind, werden sich zu 95 Prozent innerhalb der nächsten zwölf Monate mit der infektiösen Delta-Variante anstecken.

Stimmen aus dem Netz

Viel wurde diskutiert – und die Debatte reißt nicht ab. Auch auf dem Instagram-Kanal der SZ haben sich viele User an der Diskussion um eine berufsbezogene Impflicht mit zahlreichen und persönlichen Zuschriften beteiligt. Ein Auszug:

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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