Auswanderin in Schottland wird zur Britin
Brexit war ein Schlag in den Magen

Petra Höfer ist gebürtige Sauerländerin, wohnte zuletzt in Siegen – und wanderte 2007 nach Schottland aus. Der drohende Brexit ließ sie schnell zur Britin werden.
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  • Petra Höfer ist gebürtige Sauerländerin, wohnte zuletzt in Siegen – und wanderte 2007 nach Schottland aus. Der drohende Brexit ließ sie schnell zur Britin werden.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

nja Birlenbach/Perth. „Die Entscheidung der Briten für den Brexit fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen. Mein erster Gedanke war: Ich gehe zurück nach Deutschland.“ Petra Höfer ist dann aber doch geblieben. Zu sehr liebt die gebürtige Sauerländerin, die viele Jahre in Siegen lebte und arbeitete, ihre zweite Heimat: Schottland. Die berauschende Schönheit der Natur, die Nähe von Meer und Gebirge, aber auch der besondere „Schlag“ Mensch, der im hohen Norden der britischen Insel lebt, fasziniert sie schon ihr ganzes Erwachsenenleben. Als die Sozialarbeiterin 2007 in Birlenbach ihre Koffer packte, der Heimat den Rücken kehrte und in das Land ihrer Sehnsucht auswanderte, war ein Austritt der Briten aus der Europäischen Union nicht im Ansatz zu erahnen.
Die SZ sprach nun mit der gebürtigen Welschen Ennesterin über das Leben in Zeiten des Referendums, die langwierigen Verhandlungen über die Frage, wie hart der Brexit wohl ausfallen wird – und das Hier und Heute: Nun, da die Trennung von der EU von der weltweiten Corona-Pandemie überlagert ist. Eines zeigt sich recht schnell: Es waren Jahre voller Unsicherheit und auch Angst.

Schotten glaubten nicht an Brexit

Seit Petra Höfer 2007 ihre erste Wohnung im Süden Edinburghs bezog und ihren Job als Sozialarbeiterin aufnahm, hat sich einiges getan. Seit 2015 ist sie glückliche Besitzerin eines Cottages aus dem Jahr 1880, in Newburgh, Council Fife, gelegen. Gut ein halbes Jahr vor der Abstimmung der Briten über den Verbleib in der EU hielt sie die Schlüssel in der Hand. „Damals sagten die Schotten: Niemals wird es zum Brexit kommen!“
Auch beruflich lief alles gut: Mittlerweile ist die 57-Jährige Teammanagerin im Jugend- und Sozialamt der Stadt Perth. Weiterbildungen und Einsatzbereitschaft tragen Früchte. Das Bild einer heilen schottischen Welt hatte die Sozialarbeiterin schon berufsbedingt nicht – das Referendum im Sommer 2016 aber ließ dennoch ein Weltbild zusammenbrechen. „Ich habe gespürt, dass es so kommen wird – trotz all des schottischen Optimismus.

EU-Gegner schüren Ängste

Die EU-Gegner haben Ängste geschürt, die Europäer nähmen Jobs und Wohlstand weg“, erinnert sich Petra Höfer. Dabei war es der (nach wie vor bestehende) Fachkräftemangel, der ihr 2007 den Weg in die Highlands geebnet hatte. Wenn sie die Vorurteile gegenüber Ausländern mit Kollegen und Bekannten besprochen habe, „hieß es immer: Die meinen ja nicht dich!“ Das beruhigt auf zwischenmenschlicher Ebene – aber die Existenzängste wuchsen dennoch.

Sicherheit dank britischer Staatsangehörigkeit

Und so entschloss sie sich zu einem weitreichenden, anstrengenden und auch nicht ganz kostengünstigen Schritt: Sie beantragte die britische Staatsangehörigkeit. „Ich brauchte Sicherheit, dass meine Existenz nach dem Brexit nicht auf der Kippe steht.“ Die Voraussetzungen für den Antrag erfüllte sie – lebte sie doch seit mehr als fünf Jahren auf der Insel, war berufstätig, zahlte ihre Steuern. „Ich musste einen Sprachtest absolvieren – der war wirklich albern.“ Anspruchsvoller war da schon die Prüfung ihrer Kenntnisse über Geschichte und Kultur der Briten: „Das reichte von der Steinzeit bis zur Fernseh-Soap Coronation Street. Ich habe geübt, als gäbe es kein Morgen mehr.“

Private Zeremonie veranstaltet

Dann wurde es richtig stressig. Man kann sich kaum erinnern, aber: Der erste Brexittermin war für März 2019 terminiert. „Die britische Staatsbürgerschaft erhält nur, wer an der Einbürgerungszeremonie teilnimmt. Ich habe dann in eine private Zeremonie investiert, um bloß vor diesem Brexit-Termin den britischen Pass in den Händen zu halten. Es wusste ja niemand: Wird es ein harter Ausstieg? Und welche Auswirkungen würde dies haben? Ich wollte auf keinen Fall einen Teil meiner Rechte verlieren, ein Bürger zweiter Klasse sein. Ich möchte z. B. weiterhin wählen dürfen. Kurzum: Ich wollte auf Nummer sicher gehen – zumal ich ja im öffentlichen Dienst arbeite.“ Und: Natürlich wollte Petra Höfer auch den deutschen Pass behalten. Die doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert Berlin aber nur für EU-Bürger …

Etliche Fragen offen

Wie fühlte es sich an, zur Britin zu werden, eine Untertanin der Queen zu sein? „Das war ein schöner und bewegender Moment – auch wenn ich lieber Schottin geworden wäre. Aber das kann ja noch werden“, sagt sie mit Blick auf die Hoffnung, dass sich die Nachfahren der Pikten mittelfristig auf den Weg zur Unabhängigkeit machen. Viele Europäer haben mittlerweile die Insel verlassen, weiß Petra Höfer auch aus eigenem Erleben. Die Unsicherheit war vielen zu groß. Und auch sie hat auf viele Fragen noch keine Antwort erhalten. „Wie wird sich der Brexit finanziell für uns, für die Wirtschaft, auf die Gesellschaft auswirken? Was bedeutet der EU-Ausstieg für meine Rentenzahlungen? In Deutschland habe ich 18 Jahre in die Kasse eingezahlt. Muss ich vielleicht später mal für jede Rentenüberweisung 50 Pfund Gebühr zahlen? Was kosten demnächst Flüge nach Deutschland?“

Erinnerungen an die Heimat

Eines steht schon fest: Pakete von und nach Europa werden teurer. Vorausschauend hat Petra Höfer sich Ende 2020 mit Nachschub an Unverzichtbarem vom Festland eingedeckt. Dazu zählen neben ihren deutschen Lieblings-Salatkräutern („die habe ich zuletzt in 2,5-Kilo-Packungen bestellt“) Leckereien wie Dominosteine. Einen besonderen Gruß aus der Heimat erhielt sie Weihnachten von ihrem Bruder: ein Sauerländer-Brot und Gewürz-Amerikaner – mit persönlicher Widmung des Hesse-Firmenchefs. Diesen habe sie schon vor 14 Jahren zu überzeugen versucht, in Schottland eine Filiale zu eröffnen. Damals, als es das Wort Brexit noch nicht gab.

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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