SZ

Aggressive Mountainbiker und Spaziergänger
BUND fordert Wegegebot im Wald

Eine Gruppe von Mountainbikern sucht Erholung und Abenteuer im Wald. Dagegen sei nichts zu sagen, erklären Naturschützer. Das Verlassen der Wege indes steht auf einem anderen Blatt.
3Bilder
  • Eine Gruppe von Mountainbikern sucht Erholung und Abenteuer im Wald. Dagegen sei nichts zu sagen, erklären Naturschützer. Das Verlassen der Wege indes steht auf einem anderen Blatt.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

goeb Siegen/Betzdorf. Es ist schon erstaunlich: Noch im Jahr 2010, so ergab eine damalige Studie, war der Wald bei den Deutschen aus der Mode gekommen. Nur jeder Zweite zog sich seinerzeit die Wanderschuhe an und unternahm einen Streifzug durch Eichenfluren, Fichtenhaine oder Birkenwäldchen. Heute, nach einem Jahr Pandemie, hat sich das Bild stark gewandelt. Der Wald (und die Feldflur) sehen sich starkem Besucherdruck ausgesetzt. Menschen verlagern ihre sozialen Aktivitäten in die Natur, weil die Städte mit ihren geschlossenen Theatern, Museen, Cafés und Geschäften nichts bieten.
Der Wald als sensibles Ökosystem
Dabei ist Wald ein sensibles Ökosystem, dessen Kreisläufe durch eine zu hohe Besucheranzahl empfindlich gestört werden können.

goeb Siegen/Betzdorf. Es ist schon erstaunlich: Noch im Jahr 2010, so ergab eine damalige Studie, war der Wald bei den Deutschen aus der Mode gekommen. Nur jeder Zweite zog sich seinerzeit die Wanderschuhe an und unternahm einen Streifzug durch Eichenfluren, Fichtenhaine oder Birkenwäldchen. Heute, nach einem Jahr Pandemie, hat sich das Bild stark gewandelt. Der Wald (und die Feldflur) sehen sich starkem Besucherdruck ausgesetzt. Menschen verlagern ihre sozialen Aktivitäten in die Natur, weil die Städte mit ihren geschlossenen Theatern, Museen, Cafés und Geschäften nichts bieten.

Der Wald als sensibles Ökosystem

Dabei ist Wald ein sensibles Ökosystem, dessen Kreisläufe durch eine zu hohe Besucheranzahl empfindlich gestört werden können. „Man kann die Waldbesucher nur bitten, auf den Wegen zu bleiben“, appelliert Prof. Dr. Klaudia Witte, Vorsitzende der Kreisgruppe Siegen-Wittgenstein des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). „Die Tiere haben eine harte Zeit hinter sich. Wir brauchen einen Natur-Knigge.“

Trails mit Bäumen versperrt

Bereits im Winter, als die Wildtiere wegen der Nahrungsknappheit und der niedrigen Temperaturen Energie sparen mussten, ist in heimischen Wäldern viel gestört worden. Jetzt, in der beginnenden Fortpflanzungsperiode, scheint sich das nahtlos fortzusetzen. „Hoffentlich machen bald die Geschäfte wieder ohne Beschränkungen auf“, fasste jetzt ein Siegerländer Naturliebhaber, der aus Sorge vor Anfeindungen lieber anonym bleiben will, den Ansturm auf die Wälder in Worte.
Er fühlt sich von „diesen Massen im Wald“ gestört und pocht als Hobby-Ornithologe auf ältere Rechte. „Am Wochenende ist es besonders schlimm. Ganze Horden von Bikern brechen dann wieder durchs Unterholz. Dazu Jogger und Walker mit Schrittzählern.“

Mountainbiker werden als aggressiv störend empfunden

Als aggressiv störend werden die vielen Mountainbiker empfunden, die sich (wie manche Spaziergänger auch) nicht ans Wegegebot halten. Die Verstärkung der Räder durch Akkus erlaubt es heute auch den weniger körperlich Fitten, in entlegene Gebiete zu fahren, zum Leidwesen der Waldbewohner.
„Ein scheuer Schwarzstorch toleriert Menschen an seinem Horst nicht. Wiederholte Störungen am Brutplatz, das ist erwiesen, können dazu führen, dass diese Rote-Liste-Art sein Gelege aufgibt“, berichtet Wolfgang Stock von der BUND-Ortsgruppe Betzdorf-Kirchen.

Wolfgang Stock ist als Naturschützer und Jäger ständig draußen in der Natur. „Der Wald ist durch den Menschen unter Druck geraten“, sagt er.
  • Wolfgang Stock ist als Naturschützer und Jäger ständig draußen in der Natur. „Der Wald ist durch den Menschen unter Druck geraten“, sagt er.
  • Foto: Daniel Montanus
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

Stock ist auch Jäger und verbringt als Rentner und Naturbeobachter ganze Tage im Wald. „Leider bleiben viele nicht auf den Wegen“, stellt er fest. Das veränderte Freizeitverhalten, ergänzt er, sei für die Natur Horror.

Waldbauern und Förster schlagen Alarm

Auch Waldbesitzer und Förster bringt das zunehmend auf die Palme. Beunruhigtes Wild schadet dem Wald. Im Winter schrumpft der Pansen der Hirsche um 50 Prozent und auch die Zahl der Herzschläge pro Minute reduziert sich von 60 auf 30 (im Hochwinter).
Biologen des Thünen-Instituts (Braunschweig) untersuchten jetzt anhand von GPS-Daten die Bewegungen von Rothirschen im Schwarzwald. Die Tiere fliehen bereits, wenn sich ihnen ein Mensch auf 300 Meter nähert. Nicht selten bringen die Hirsche ein bis drei Kilometer zwischen sich und die Störenfriede. Der Zweibeiner merkt davon in der Regel gar nichts.

Wem gehört der Wald?

Stress pur allerdings für die Geweihträger. Sie liefen viel mehr als üblich zu dieser Jahreszeit und begannen, die Rinde der Bäume anzuknabbern, weil sie Hunger hatten. Solche Schälschäden sind Förstern ein Graus, besonders in solchen Zeiten, da der Wald helfen soll, das Kohlendioxid der Luft zu reduzieren. Acht Tonnen CO2 bindet ein Hektar ausgewachsener Wald im Jahr. Schäl- und Verbissschäden können sowohl den Altbeständen zusetzen als auch die Naturverjüngung erschweren. Neben den Störungen der Wildtiere, die aufgeschreckt werden, wird die Waldarbeit behindert. Menschen bringen sich in Gefahr.

Verhalten der Menschen im Wald als Ausdruck der Ich-Gesellschaft

Stock weist auf die großen Kahlschläge hin, die infolge der Borkenkäfer-Kalamitäten entstanden sind. „In den Inseln, die jetzt noch stehen, steckt natürlich das Wild.“ Nicht nur für Bodenbrüter seien von der Leine gelassene und dann herumstöbernde Hunde, wie er es immer wieder beobachtet, das reinste Gift. „Auch beim Wild produziert das puren Stress“, meint er.

Für Stock ist die Aneignung des Waldes durch Freizeitsportler und Erholungssuchende, die sich wider besseren Wissens nicht ans Wegegebot halten, Ausdruck einer Ich-Gesellschaft. Und weise man die Betreffenden auf ihr Fehlverhalten hin, komme es nicht selten zu verbalen Entgleisungen bis hin zu Drohungen. „Wenn das so weitergeht, werden wir um Lenkungsmaßnahmen nicht herumkommen“, sagt Stock. Im Pfälzer Wald würden Besucher inzwischen an vielen Stellen auf das Wegegebot hingewiesen – und auf drohende Bußgelder beim Verstoß dagegen.

Regeln für Mountainbiker Wenn viele Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen die Natur zur Erholung nutzen möchten, kann das auf schmalen Waldwegen zu Konflikten führen. Die Deutsche Initiative Mountainbike e. V. (DIMB) gibt Regeln fürs Miteinander vor. Auch in der Natur ist der Platz begrenzt, heißt es auf der Website des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Wenn beispielsweise die Reiterin oder der Wanderer einer Gruppe von Mountainbikern auf einem schmalen Waldpfad begegnet, dann sollten alle Erholungssuchenden aufeinander Rücksicht nehmen und sich mit Respekt begegnen. Tiere und auch Menschen sind schreckhaft. Wer überholt, heißt es weiter, sollte sich immer bemerkbar machen und nicht einfach vorbeipreschen. Die Regeln der DIMB kurzgefasst: Um Schäden der Natur zu vermeiden, nicht querfeldein fahren und lokale Wegsperrungen respektieren, denn Forstwirtschaft, Viehtrieb und Belange des Naturschutzes rechtfertigen diese. Auch in Naherholungsgebieten können lokale Sperrungen berechtigt sein. Nicht jeder Weg verträgt jedes Bremsmanöver und jede Fahrweise: Blockierbremsungen begünstigen die Bodenerosion und verursachen Wegeschäden, daher Fahrweise auf den Untergrund und die Wegebeschaffenheit einstellen und solche Bremsungen vermeiden. Rücksicht nehmen, Geschwindigkeiten immer anpassen. In nicht einsehbaren Passagen können jederzeit Fußgänger, Hindernisse oder andere Biker auftauchen. Das Überholen ankündigen, Geschwindigkeit vermindern und niemanden erschrecken. Rücksicht auf Weide- und Waldtiere nehmen, nach dem Passieren Weidezäune wieder schließen und Tiere bei ihrer Nahrungsaufnahme erst gar nicht stören.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen