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Touristik-Branche ist arg gebeutelt
Campingurlaub erlebt wegen Corona einen Boom

Viele Wochen komplett geschlossen, jetzt nur mit wenig einladenden Einschränkungen am Start: Die gastronomischen Betriebe und die Hotellerie leiden massiv unter der Corona-Krise.
  • Viele Wochen komplett geschlossen, jetzt nur mit wenig einladenden Einschränkungen am Start: Die gastronomischen Betriebe und die Hotellerie leiden massiv unter der Corona-Krise.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ihm Siegen/Münster. Volle Freibäder, gut gelaunte Menschen in Biergärten, Ausflugslokale mit dicht besetzten Café-Terrassen – das wäre der Normalzustand Ende Juni. Stattdessen: kein Lächeln der Bedienung, die unter ihrer Maske schwitzt, keine ausgelassenen Feiern, Zwangsabstand, der menschliche Nähe im Ansatz zunichte macht. Kein schöner Sommer 2020. Wie soll es weitergehen für Gastronomen, Hoteliers und Freizeiteinrichtungen?
Düstere Prognose für TourismusSeit acht Jahren untersucht die Beratungsfirma dwif für die westfälisch-lippischen Sparkassen die Situation des Tourismus im Land. Das „Tourismusbarometer“ zeigt an, wie sich die Wetterlage im Gewerbe entwickelt.

ihm Siegen/Münster. Volle Freibäder, gut gelaunte Menschen in Biergärten, Ausflugslokale mit dicht besetzten Café-Terrassen – das wäre der Normalzustand Ende Juni. Stattdessen: kein Lächeln der Bedienung, die unter ihrer Maske schwitzt, keine ausgelassenen Feiern, Zwangsabstand, der menschliche Nähe im Ansatz zunichte macht. Kein schöner Sommer 2020. Wie soll es weitergehen für Gastronomen, Hoteliers und Freizeiteinrichtungen?

Düstere Prognose für Tourismus

Seit acht Jahren untersucht die Beratungsfirma dwif für die westfälisch-lippischen Sparkassen die Situation des Tourismus im Land. Das „Tourismusbarometer“ zeigt an, wie sich die Wetterlage im Gewerbe entwickelt. In einer Videokonferenz legten die Forscher am Mittwoch ihre Ergebnisse auf den Tisch: Es sieht ganz, ganz düster aus im heimischen Tourismus.

Bis zu 60 Prozent Umsatzverluste

90 Prozent der Beschäftigten im Gastgewerbe seien in Kurzarbeit, berichtete Jürgen Wannhoff, Vizepräsident des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe. Die Branche befinde sich in einer existenziellen Notlage, 40 bis 60 Prozent Umsatzverluste gegenüber 2019 seien zu verzeichnen. „30 bis 60 Prozent der Unternehmen sind akut insolvenzgefährdet“, warnte Wannhoff.

Sauerland kam 2019 glimpflich davon

Auch wenn 2019 für Westfalen-Lippe ein sehr gutes touristisches Jahr war mit Zuwächsen im Ruhrgebiet, im Teutoburger Wald und im Münsterland, konnte die kleinste Tourismus-Region Siegen-Wittgenstein nicht mithalten: minus 1,7 Prozent gegenüber 2018 schlägt zu Buche. Das Sauerland kam mit minus 0,3 Prozent glimpflicher davon. Mathias Feige, dwif-Geschäftsführer, begründet das relativ schwache Abschneiden von Siegen-Wittenstein immer noch mit dem Rückgang beim Reha-Geschäft. Die heimische Hotellerie liege im Plus, versicherte er.

Große Einbrüche im Frühjahr

Der Blick auf März und April 2020 aber lässt alle Debatten um ein paar Prozente plus oder minus verstummen. Zwischen 40 und 53 Prozent lag der Einbruch im März, im April waren es gar 72 bis 89 Prozent minus gegenüber dem Vorjahresmonat. Interessant: Siegen-Wittgenstein hatte dabei jeweils die niedrigsten Rückgänge zu verkraften – am meisten betroffen waren die starken Destinationen im Sauerland und Münsterland.

Stresstest für das Gastgewerbe

„Das Schlimme ist, dass in Westfalen-Lippe die Zuwächse immer im ersten Halbjahr kommen. Das zweite Halbjahr ist traditionell schwächer. Nun können die Betriebe wegen der Corona-Krise das Geld nicht einspielen, um durch den Rest des Jahres zu kommen“, skizzierte Feige die Lage. Die Pandemie sei ein echter Stresstest für das Gastgewerbe. Ein Drittel der Betriebe sagt bereits, keinerlei Geld mehr für Investitionen zu haben. Dabei, so dwif-Forscher Karsten Heinsohn, seien Investitionen in die Qualität der Betriebe unerlässlich, um die Gäste glücklich zu machen.

Campingurlaub ist Trend

Der „autarke Tourismus“ erlebe einen Boom in Coronazeiten, konstatierte Mathias Feige. Campingurlaub, Wohnmobilreisen, Aufenthalte in Ferienwohnungen – das sind die gefragtesten Urlaubsarten im Sommer 2020. Wer solche Angebote habe, könne sie nun offensiv bewerben. Jetzt aber eigens neue Camping- oder Stellplätze einzurichten, fand der Tourismus-Experte zu kurz gesprungen. Da müsse man zunächst die langfristige Nachfrage untersuchen.

Jetzt in Tourismus investieren

Das Gros der Investitionen in die touristische Infrastruktur einer Region komme von den Kommunen, erinnerte Feige. Das Problem: Die Kreise, Städte und Gemeinden sind durch die Krise finanziell so gebeutelt, dass ihre Haushalte nicht nur keine großen, sondern eigentlich gar keine Sprünge mehr erlauben. Wenn alle Ausgaben auf den Prüfstand kommen, weil die Einnahmen wegbrechen, sind die freiwilligen Posten – und dazu gehört der Tourismus – besonders gefährdet.
Mathias Feige appellierte an Bürgermeister und Kämmerer, anders zu handeln: „Wir brauchen jetzt dynamische Gestalter statt passive Verwalter.“ Wer die Krise als Chance nutze und sich – sozusagen antizyklisch – investitionsfreudig aufstelle, werde langfristig zu den Gewinnern gehören. Dabei könne man dann auch alte Zöpfe abschneiden und das stärken, was Erfolge bringe.

Gäste sind nicht wirklich zufrieden

Immer wieder fiel das Stichwort Qualität bei der Tourismus-Konferenz. Die Gästezufriedenheit in Westfalen-Lippe ist nämlich nur „so lala“, sagte Karsten Heinsohn. Öffnungs- und Betriebszeiten würden relativ schlecht bewertet, auch die des ÖPNV übrigens. Das Preis-Leistungsverhältnis gefalle den Gästen auch nicht besonders. Heinsohn: „Es reicht nicht, nur die Preise zu erhöhen, man muss dafür auch mehr bieten.“

Falsche Versprechen sorgen für Frust

Die Gäste seien egoistisch, sagte der Experte. Sie wollten das Beste an Erlebnis für sich herausholen. Das Wichtigste für die Gastgeber: „Das Qualitätsversprechen muss auch gehalten werden.“ Mit rosaroten Worten und Bildern werben und dann nur eine graue Wirklichkeit bieten – das sorgt für Frust.
Apropos Werbung: Die Online-Portale (Expedia, Trivago etc.) mit ihren Abertausenden von Bewertungen laufen den traditionellen Qualitätssiegeln den Rang ab. Eine Entwicklung, die die Touristiker bedauern mögen, aber – siehe oben – Gäste sind nun mal Egoisten. Und die suchen sich ihre Informationen nach eigenem Gusto.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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