CDU erstmals überall stärkste Kraft

Die politische Landschaft ist bunter und beweglicher geworden. Das Balkendiagramm legt nahe, künftig nicht mehr von zwei, sondern von drei großen Parteien zu sprechen.  Grafik: Kreis
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  • Die politische Landschaft ist bunter und beweglicher geworden. Das Balkendiagramm legt nahe, künftig nicht mehr von zwei, sondern von drei großen Parteien zu sprechen. Grafik: Kreis
  • hochgeladen von Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin)

ihm  Die Sozialdemokraten in Siegen-Wittgenstein erlebten gestern wohl den schwärzesten Wahlabend, den es für sie je gegeben hat – und das ganz wörtlich, denn sämtliche Kommunen im Kreis haben bei der Europawahl mehrheitlich „schwarz“, also CDU gewählt. Dass selbst im seit jeher „roten“ Kreuztal die Mehrheit verloren ging, dürfte einen echten Schock ausgelöst haben.

Dabei gelang der SPD im Kreis immerhin noch ein um rund 5 Prozentpunkte besseres Ergebnis als auf Bundesebene. Mit gut 20 Prozent ließ man die Grünen klar hinter sich. Ein Trost aber wird das kaum sein können, denn der Absturz um 15 Prozentpunkte ist beispiellos.

Auch die CDU hat, obwohl in sämtlichen Städten und Gemeinden Mehrheitspartei, keinen Grund zum Jubeln. Der Absturz auf unter 30 Prozent in Siegen-Wittgenstein zeigt, dass die Wähler alles andere als begeistert waren. Ob das am blassen Spitzenkandidaten Manfred Weber lag, ob allgemeines Europa-Unbehagen eine Rolle spielte oder ob die Wahlkämpfer vor Ort mit ihren Botschaften nicht ankamen, wird Gegenstand interner Analysen sein müssen.

Die mangelnde Mobilisierung der Wähler jedenfalls kann nicht der Grund für das schlechte Abschneiden der beiden großen Parteien gewesen sein. Die Wahlbeteiligung von 61,6 Prozent in Siegen-Wittgenstein und sogar 63,5 Prozent in Olpe liegt deutlich höher als 2014. Die eifrigsten Wähler wohnen in Wilnsdorf – 67,5 der Wahlberechtigten gingen zur Urne oder wählten per Brief. Im Kreis Olpe sind die wahlfreudigsten Menschen in Drolshagen zu Hause: 66,3 Prozent beteiligten sich.

CDU und SPD verloren zusammen im Vergleich zur Europawahl 2014 über 20 Prozentpunkte in Siegen-Wittgenstein und fast 17 Prozentpunkte im Kreis Olpe. Wohin sind die Stimmen gewandert? Zunächst einmal eindeutig zu den Grünen, die gut 9 bzw. gut 10 Prozent zulegen konnten. In Olpe sah es sogar während der ersten Stunde nach Schließung der Wahllokale so aus, als würden die Grünen, die ihr 2014er-Ergebnis verdreifachten, die SPD schlagen. Am Ende schafften die Sozialdemokraten doch noch Platz 2 im Parteienranking, aber der Vorsprung von weniger als einem Prozentpunkt war hauchdünn.

Dass die kleinen Parteien den großen immer mehr Stimmen abjagen, ließ sich auch gestern wieder beobachten. Und das gilt nicht nur für FDP, AfD und Linke, sondern auch für die Splitterparteien, die in Siegen-Wittgenstein insgesamt über 11 Prozent einheimsten. Mehr als jeder zehnte Wähler entschied sich also für „Exoten“.

Liberale und AfD legten jeweils zu. Auch wenn die FDP „nur“ 6,7 Prozent schaffte – im Vergleich zu 2014 bedeutete das eine satte Verdoppelung. Die AfD blieb im Kreis Siegen-Wittgenstein und in Olpe hinter ihrem bundesweiten Ergebnis zurück.

Von den sechs größten Parteien schaffte nur die Linke bei dieser Wahl die Fünf-Prozent-Hürde in Südwestfalen nicht. Diese Hürde ist bei der Europawahl ohnehin derzeit nicht von Belang, aber das Ergebnis der Linken zeigt, dass diese Partei noch weniger Rückhalt bei den Wählern hat als vor fünf Jahren. Rund 0,2 Prozentpunkte Verlust in beiden Kreisen verbuchte sie. Das beste Ergebnis brachte die Stadt Siegen mit 6,1 Prozent.

Der Blick in die einzelnen Kommunen zeigt, dass die Veränderungen gegenüber der vorherigen Europawahl zwar überall im Trend ähnlich verliefen, aber das Ausmaß doch von Stadt zu Stadt, von Gemeinde zu Gemeinde höchst unterschiedlich war.

Am heftigsten hat sich der politische Wind wohl in Kreuztal gedreht. Fast 20 Punkte büßten die Sozialdemokraten ein – von 43,4 Prozent fielen sie auf 24.

In Wittgenstein schnitt die AfD vergleichsweise stark ab. In Bad Berleburg, in Bad Laasphe und in Erndtebrück wurde das vorherige Ergebnis mehr als verdoppelt. Obwohl die AfD flächendeckend zulegte, war der Zuwachs im Kreis Olpe deutlich geringer als in den Wittgensteiner Kommunen. Im Siegerland blieb das Plus in Freudenberg und in Wilnsdorf mit jeweils unter 3 Prozentpunkten am geringsten.

Als Hochburgen der FDP entpuppten sich Wilnsdorf und Neunkirchen, auch in Freudenberg und Hilchenbach landeten die Liberalen bei mehr als 7 Prozent. Die Linke konnte, obwohl sie unterm Strich verlor, in fünf Kommunen ein Plus verbuchen: in Bad Laasphe, in Burbach, in Erndtebrück, in Kreuztal und in Attendorn. Die Grünen fuhren ihren verhältnismäßig größten Erfolg im Kreis Siegen-Wittgenstein in Bad Laasphe ein – das Ergebnis von 2014 wurde verdreifacht.

Die meisten Federn im Kreis Olpe ließ die SPD in Attendorn – rund 13 Prozentpunkte. Gleichzeitig verlor die CDU hier mit 5,6 Punkten vergleichsweise wenig. In Wenden sah es anders aus: CDU minus 9 Punkte, SPD minus 8.

Dass politische Wechselstimmungen nicht an Landesgrenzen haltmachen, bestätigt das Europa-Wahlergebnis im rheinland-pfälzischen Nachbarkreis Altenkirchen. Ein ganz ähnliches Bild wie im Siegerland: starke Verluste von CDU und SPD, wobei die SPD im Schnitt noch heftiger getroffen wurde und dadurch in sämtlichen Verbandsgemeinden nur noch zweitstärkste Kraft ist. Die gestiegene Wahlbeteiligung hat hier wie im ganzen Land zur Folge, dass mancher prozentuale Verlust schmerzt, obwohl die absolute Zahl der abgegebenen Stimmen kaum niedriger war als 2014. Ein Beispiel: In Altenkirchen verlor die CDU 3,6 Prozentpunkte, obwohl sie nur 21 Stimmen weniger als bei der Wahl 2014 bekam.

Dennoch ist für die CDU das Gesamtergebnis im Kreis Altenkirchen trotz der Verluste ein Achtungserfolg, denn man konnte sich mit 35,2 Prozent deutlich vom Bundestrend bei dieser Europawahl absetzen. Die Grünen legten überall massiv zu, die AfD gewann kreisweit 3,5 Prozentpunkte. Die Linke verlor leicht, während die FDP ihr Gewicht nahezu verdoppeln konnte. Politisch neu sortieren müssen sich nach der Fusion die Verbandsgemeinden Betzdorf/Gebhardshain und Daaden-Herdorf.

In Betzdorf/Gebhardshain landete die SPD bei 18 Prozent – niedriger war das Ergebnis nur noch in Wissen, wo man 16,7 Prozent erreichte. Hier sind die Grünen den Sozialdemokraten auf den Fersen, die Öko-Partei verbuchte 14 Prozent. Die CDU dagegen hat in Betzdorf/Gebhardshain mit 41,2 Prozent eine Hochburg – mehr CDU-Wähler gab es prozentual nur in Wissen: 41,3 Prozent.

Während in Daaden 2014 die CDU noch hinter der SPD ins Ziel gekommen war und Herdorf klar christdemokratisch dominiert wurde, ist nun ganz Daaden-Herdorf schwarz gefärbt: 32,2 Prozent für die CDU, 7 Punkte weniger schaffte die SPD, die die Grünen mit 11,1 Prozent in Schach hielt. Knapp hinter der Öko-Partei landete die AfD mit 10,6 Prozent.

Die politische Landschaft ist bunter und beweglicher geworden. Das Balkendiagramm legt nahe, künftig nicht mehr von zwei, sondern von drei großen Parteien zu sprechen.  Grafik: Kreis
Das Lachen ist den Kandidaten der beiden größten Parteien gestern Abend gründlich vergangen. Die Verluste waren schmerzhaft. Dafür legten die Grünen überall massiv zu. Gewinnen konnten in der südwestfälischen Wählerschaft auch die FDP und die AfD.  Foto: dima

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