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Zu viele Komplikationen? Kreisklinikum kündigt Chefarzt
Chirurg zieht gegen Arbeitgeber vors Gericht

Der  Chirurg packt das juristische Besteck aus: Ihm werden zu viele medizinische Komplikationen und Abrechnungsbetrug vorgeworfen.
  • Der Chirurg packt das juristische Besteck aus: Ihm werden zu viele medizinische Komplikationen und Abrechnungsbetrug vorgeworfen.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

tip Siegen. Im OP-Saal rettet er normalerweise Menschenleben. Doch im Gerichtssaal geht es jetzt um sein Leben als Mediziner. Ein Chefarzt des Kreisklinikums Siegen geht gerichtlich gegen seinen Arbeitgeber vor. Dieser hatte dem 57-Jährigen fristlos gekündigt – aufgrund massiver Vorwürfe gegen ihn. Am Freitag hat der Prozess vor dem Arbeitsgericht in Siegen mit einem Gütetermin begonnen. Die SZ kennt die Hintergründe.
2017 war der Arzt von einer Uniklinik nach Siegen gewechselt. Mit der alten Geschäftsführung habe er nach eigenen Aussagen eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Auch mit der neuen Geschäftsführung – Ingo Fölsing hatte 2020 die Leitung des Klinikums übernommen – sei es zunächst ein gutes Miteinander gewesen.

tip Siegen. Im OP-Saal rettet er normalerweise Menschenleben. Doch im Gerichtssaal geht es jetzt um sein Leben als Mediziner. Ein Chefarzt des Kreisklinikums Siegen geht gerichtlich gegen seinen Arbeitgeber vor. Dieser hatte dem 57-Jährigen fristlos gekündigt – aufgrund massiver Vorwürfe gegen ihn. Am Freitag hat der Prozess vor dem Arbeitsgericht in Siegen mit einem Gütetermin begonnen. Die SZ kennt die Hintergründe.
2017 war der Arzt von einer Uniklinik nach Siegen gewechselt. Mit der alten Geschäftsführung habe er nach eigenen Aussagen eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Auch mit der neuen Geschäftsführung – Ingo Fölsing hatte 2020 die Leitung des Klinikums übernommen – sei es zunächst ein gutes Miteinander gewesen. Noch im November habe man dem Mediziner eine Gehaltserhöhung bewilligt, denn dem Chirurgen lag ein besser dotiertes Angebot eines anderen Krankenhauses vor. Der 57-Jährige willigte ein – auch, weil er aufgrund seiner privaten Situation als verheirateter Familienvater gerne in der Krönchenstadt bleiben wollte.

Angeblich zu viele Komplikationen

Kurze Zeit später begannen die Probleme: Am 18. Dezember warf die Geschäftsführung dem Arzt unvermittelt vor, dass die Komplikationsrate in seiner Abteilung überdurchschnittlich hoch sei. Der Mediziner wunderte sich, schließlich hatte eine externe Begutachtung Anfang des Jahres noch das genaue Gegenteil ausgesagt. Die Komplikationsraten liegen demnach, so heißt es in der der SZ vorliegenden Klageschrift, unter dem nationalen Durchschnitt.
Die Geschäftsführung berief sich stattdessen auf interne Hinweise, legte dem Arzt aber nach eigener Aussage dazu keine Daten vor. Eine Untersuchung des medizinischen Controllings des Kreisklinikums war zu diesem Zeitpunkt nicht erfolgt.
Weiterhin, so hieß es, gehe es in der Abteilung des Arztes „nicht mit rechten Dingen zu“. Er selbst oder Mitarbeiter hätten auf seine Weisung hin Dokumente verändert, um Komplikationen zu vertuschen. Erst fünf Tage nach dieser Unterredung – so der Mediziner – seien dann Daten vom Controlling hausintern angefordert worden.

Vorwurf: fehlerhafte Abrechnungen

Doch statt über die Ergebnisse zu sprechen, gingen die Vorwürfe weiter: Abrechnungen seien fehlerhaft gewesen. Der Begriff „Abrechnungsbetrug“ fiel. Tatsächlich sind, obwohl der Arzt nachweislich im Urlaub gewesen war, neun Behandlungen mit Privatpatienten, die über eine sogenannte Chefarzt-Klausel verfügen, abgerechnet worden. Der Arzt räumt die Fehler, die im Rahmen der Verwaltung der Abteilung aufgetreten seien, ein. Eine Bereicherung seinerseits sei aber nicht erfolgt. Dies sei, so die Klage, aufgrund seines Arbeitsvertrags auch gar nicht möglich. Zudem seien die Abrechnungen auch ohne seine Kenntnis und, mehr noch, entgegen seiner ausdrücklichen Anweisung erfolgt.
In derselben Unterredung mit der Geschäftsführung wurde dem 57-Jährigen vorgeworfen, Probleme mit Kollegen zu haben. Er sei „nie richtig in Siegen angekommen“, habe es geheißen. Der Chefarzt wehrt sich: Atmosphärische Störungen habe es nicht gegeben. Im Gegenteil: Als bekannt wird, dass er freigestellt und ihm gekündigt wurde, springen ihm seine Kollegen zur Seite.

Chirurg wird freigestellt

In einem der SZ vorliegenden Schreiben an die Geschäftsführung, das von allen nicht der Geschäftsführung angehörigen Chefärzten des Kreisklinikums unterzeichnet worden ist, fordern diese die Geschäftsführung auf, die massiven Vorwürfe sachlich und fair aufzuklären.
Ohne Erfolg: Der Mediziner bleibt weiter freigestellt. Ihm wird ein Aufhebungsangebot unterbreitet. Dies beinhaltet eine aus seiner Sicht zu niedrige Entschädigung. Doch vor allem gegen die Freistellung will sich der Arzt zur Wehr setzen. Diese sehe vor, dass er bis einschließlich September 2021 nicht mehr würde arbeiten können – als praktizierender Chirurg eine halbe Ewigkeit, die mit einem Fähigkeitenverlust einhergehen würde. Als 57-Jähriger wäre er damit quasi „totes Fleisch“ auf dem Arbeitsmarkt.
Der Arzt bleibt standhaft, wehrt sich weiter. Mittlerweile gehen die internen Vorwürfe ins Persönliche. Die Leitung des Kreisklinikums will angeblich in Erfahrung bringen, ob sich der Mediziner dem weiblichen Personal unangebracht genähert habe. Der 57-Jährige bekommt Wind davon, schaltet einen Anwalt ein. Seiner Aussage nach weigert sich die Geschäftsführung anschließend, den Vorwurf der Belästigung zu untersuchen.

Landrat Müller soll vermitteln

Dann wendet sich der Arzt an den Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein. Er bittet in seiner verzweifelten Lage um Moderation. Andreas Müller meldet sich bei der Geschäftsführung des Kreisklinikums, will die Lage, die laut einem Insider mittlerweile „höchste politische Brisanz“ innerhalb des Krankenhauses hat, schlichten.
Die Geschäftsführung reagiert. Es kommt zu zwei Telefonaten mit dem Chirurgen – sie enden fruchtlos. Die Klage gegen die Kündigung landet beim Arbeitsgericht, das Kreisklinikum erwidert schriftlich. U. a. wirft man dem Arzt nun vor, dass seine medizinischen Leistungen unterdurchschnittlich seien. Laut Verteidigung gebe es keine Belege für diese Behauptung. Diese beruft sich ihrerseits auf ein Gutachten eines externen Qualitätsmanagements für den von dem Arzt zu verantwortenden Bereich „Darmkrebs“, das auch der SZ vorliegt.

Das Ergebnis mit Datum vom Mai 2021: „Auch für das Jahr 2020 hat sich eine insgesamt gute Gesamtqualität bei der Diagnose, Therapie und Nachsorge von Darmkrebs gezeigt.“ Das Westdeutsche Darm-Centrum „WDC“ stellte dem Kreisklinikum folglich ein Gütesiegel aus.
Noch sind viele Fragen offen: Warum das alles? Muss die Geschäftsführung aufgrund von Kostendruck Stellen sparen? Will man als neue Leitung ein Zeichen setzen? Der Gütetermin am Freitag brachte weder Antworten noch einen Durchbruch. Der Rechtsstreit geht im Dezember weiter.

Autor:

Tim Plachner

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