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Philosoph Michael Bongardt im Gespräch
Corona und der Brennglas-Effekt

Wer an Verschwörung glaubt, entlastet sich auch selbst.
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sabe Siegen. Corona wird die Gesellschaft verändern. Im Gespräch mit der SZ analysiert Prof. Dr. Michael Bongardt, Philosoph und Theologe und von 2016 bis 2019 Prorektor für Studium und Lehre an der Universität Siegen, wie die Pandemie soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten verstärkt, warum Verschwörungstheoretiker „Nachrichtenduschen“ lieben und welchen Wert die Philosophie in der Krise entwickeln kann.
Herr Bongardt, wie sehr verändert Corona unsere Gesellschaft?
Es gibt ja immer wieder mal die These, dass Corona wie ein Brennglas wirkt. Die Probleme, die es ohnehin schon in der Gesellschaft gab, würden verschärft werden.Welche Probleme sind das?
Durch Corona wird die Abschottung einzelner Gruppen in der Gesellschaft, die nicht mehr wirklich zusammenfinden, massiv verstärkt.

sabe Siegen. Corona wird die Gesellschaft verändern. Im Gespräch mit der SZ analysiert Prof. Dr. Michael Bongardt, Philosoph und Theologe und von 2016 bis 2019 Prorektor für Studium und Lehre an der Universität Siegen, wie die Pandemie soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten verstärkt, warum Verschwörungstheoretiker „Nachrichtenduschen“ lieben und welchen Wert die Philosophie in der Krise entwickeln kann.
Herr Bongardt, wie sehr verändert Corona unsere Gesellschaft?

  • Es gibt ja immer wieder mal die These, dass Corona wie ein Brennglas wirkt. Die Probleme, die es ohnehin schon in der Gesellschaft gab, würden verschärft werden.

Welche Probleme sind das?

  • Durch Corona wird die Abschottung einzelner Gruppen in der Gesellschaft, die nicht mehr wirklich zusammenfinden, massiv verstärkt. Dabei ist die Aufsplitterung der Gesellschaft in kleine Meinungszirkel, die sich ständig selber bestätigen, nur das Eine. Auch soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten vergrößern sich.

Das ist auch ein Problem bei der Bildungsgerechtigkeit.

  • Ja. Es war schon immer so, dass es manche Kinder durch die Unterstützung der Eltern in der Schule leichter haben als andere. Aber wenn jetzt so viel mehr auf den Eltern abgeladen wird, sind die Auswirkungen unterschiedlicher Bildungschancen natürlich noch sehr viel größer.

Sind Kinder und Jugendliche die Verlierer der Krise?

  • Ich finde den Wettbewerb ‚Wer leidet am meisten‘ etwas zynisch. Für mich ist die Frage wichtig, wie stark die momentane Situation Auswirkungen auf die Zukunft der einzelnen Menschen hat. Wenn ich dann von Entwicklungspsychologen und Bildungswissenschaftlern höre, dass es gerade bei Kindern im Grundschulalter Zeitfenster gibt, in denen man bestimmte Dinge sehr schnell lernt, für die man dann zwei Jahre später unendlich mehr Zeit braucht; oder wenn ich sehe, wie schwierig es jetzt gerade für junge Menschen in der Pubertät ist, ohne ihre Peergroup ihre soziale Rolle einzuüben und ihren Platz zu finden, dann ist der Fokus, der in den Diskussionen immer wieder auf Kinder und Jugendliche gelegt wird, völlig richtig.

Haben wir gesunde Streitkultur eigentlich verlernt?

  • Nicht unbedingt. Aber Corona hat den Hang zur Polarisierung schon verstärkt. Das bezeichnet man ja neuerdings gerne als Blasenbildung oder Nachrichtendusche. Man unterhält sich natürlich am liebsten mit denen, die ungefähr der gleichen Meinung sind wie man selbst. Gleichzeitig versucht man die, die einen irgendwie irritieren könnten, wegzubeißen. Dabei fühlt man sich wohl. Und wenn es nach innen kuschelig ist, wird es nach außen oft stachelig.

Sind Nachrichtenduschen Nährboden für Verschwörungstheorien?

  • Verschwörungstheorien zeichnen sich ja immer dadurch aus, dass sie extrem einfache Erklärungen bieten. Meistens, indem sie bestimmte Schuldige nennen. Ich glaube, diese Sehnsucht nach Einfachheit ist das, was den Verschwörungstheorien den meisten Zulauf verschafft.

Brauchen Menschen einen Schuldigen?

  • Eine Neigung von uns ist sicherlich, dass wir davon ausgehen, dass alles, was passiert, auch von irgend jemandem verursacht worden ist. Was ja gar nicht sein muss. Diese arme Fledermaus in China, die dann von einem Menschen gegessen worden ist, der sich dann infiziert hat. Da ist weder die Fledermaus noch der Mensch schuld. Wenn man aber jemanden hat, der schuldig ist, dann hat man zumindest eine einfache Erklärung für schwierige Zusammenhänge. Das ist ein ähnliches Phänomen wie bei den Verschwörungstheoretikern. Auch habe ich dann für mich selbst die Sicherheit, dass ich nicht schuld bin. Und das hat ja durchaus etwas Befreiendes. Auch wenn es in vielen Fällen Selbstbetrug ist.

Wie sehr hilft es Ihnen in der Corona-Krise, Philosoph zu sein?

  • Der Beruf des Philosophen ist es, alles infrage zu stellen und für jede Antwort Gründe zu fordern. Ein leichtgläubiger Philosoph ist ein Widerspruch in sich. Und das ist von Vorteil in einer Situation wie der jetzigen: Immer wieder auf kritische Distanz zu gehen, auf Prozesse zu schauen.

Je länger der Lockdown, desto geringer das Verständnis für die Maßnahmen.

  • Eben solche Zusammenhänge untersuche ich gerade mit meinen Philosophiestudenten im Seminar: Corona und die Philosophie. Da geht es z. B. um die Fragen: Was kann ein Philosoph zur Einschränkung von Freiheitsrechten sagen? Was kann er zur Legitimität staatlicher Verordnungen sagen? Die Akzeptanz der Maßnahmen ist dabei auch ein wichtiges Thema.

Wie wird darüber diskutiert?

  • Philosophen drängen immer darauf, dass möglichst viele Entscheidungen mit möglichst großer Beteiligung getroffen werden. Die aktuelle Verordnungspolitik steht ja manchmal in dem schlechten Ruf, in Hinterzimmern gemacht zu werden.

Wie könnte es denn besser gehen?

  • Für die weitere Akzeptanz ist es wichtig, dass man von Regierungsseite deutlich macht, warum und wie man die konkreten Entscheidungen getroffen hat. Da reicht es nicht zu sagen: Es gibt keine Alternative. Natürlich gibt es Alternativen. Wenn ich aber als Bürger merke, die Argumente, die mir wichtig sind, haben in der Diskussion der Verantwortlichen eine Rolle gespielt, dann bin ich schon zufriedener. Selbst wenn am Ende anders entschieden wurde.

Es können nicht 80 Millionen bei politischen Entscheidungen mitdiskutieren.

  • Nein, aber es muss ein Spektrum von Argumenten, Vorschlägen, möglichen Maßnahmen auf den Tisch. Und es muss deutlich werden, wer diskutiert hat und worüber. Warum man sich für Option A und nicht für B entschieden hat. Das finde ich viel wichtiger als Durchhalteparolen.

Stichwort Durchhalten: Brauchen wir neben Transparenz mehr Perspektive?

  • Ja. Das ist ein wichtiger Punkt. Und den könnte man positiv aufgreifen, indem man seine Hoffnung nicht nur in die nächste Ministerpräsidentenrunde mit der Kanzlerin legt, also darein, welche Liberalisierung vielleicht ab einem Tag erlaubt ist. Kurzfristig wird sich gar nichts ändern.

Aber langfristig?

  • Die Perspektive muss auf eine weitere Entfernung gesucht werden. Wir sollten überlegen: Wie würden wir gerne nach der Krise leben? Und dafür Ideen entwickeln. Jetzt haben wir die Zeit. Dann ist es nicht mehr ganz so wichtig, ob der Lockdown nun noch zwei Wochen länger dauert oder nicht. Darin liegt die Chance. Dinge nach dem Wiederhochfahren zu ändern, bei denen durch den Brennglaseffekt klar geworden ist: die können so nicht weitergehen.

Was für Dinge sind das?

  • Ich denke da in Richtung Verkehrswende, Klimaschutz und Ernährung. Da sollten etwa wirtschaftliche und finanzielle Impulse vonseiten der Politik gesetzt werden. Es gibt so viele Themen, die kennen wir nicht erst seit Fridays for Future oder dem Tönnies-Skandal.

Braucht es für die Kraft der Zuversicht Visionen?

  • Ja. Es ist eigentlich immer so, dass eine schlimme Situation ein Motiv ist, etwas zu verändern. Aber wirklich etwas verändern werden Menschen erst dann, wenn sie eine positive Vision haben. Vielleicht ist die Bereitschaft, solchen Ideen zu folgen, durch die Corona-Pandemie gewachsen.
Wer an Verschwörung glaubt, entlastet sich auch selbst.
Prof. Michael Bongardt lehrt an der Universität Siegen.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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