Schlechte Zeiten für einen Anfang?
Corona und Jobeinstieg

Der Arbeitsmarkt scheint zu Pandemiezeiten ein besonders wackeliges Pflaster. Was für Erfahrungen haben Menschen in der Region mit Corona und Jobeinstieg gemacht? Die SZ hat nachgefragt.
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  • Der Arbeitsmarkt scheint zu Pandemiezeiten ein besonders wackeliges Pflaster. Was für Erfahrungen haben Menschen in der Region mit Corona und Jobeinstieg gemacht? Die SZ hat nachgefragt.
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ap/sabe Siegen. Australien nach dem Abi, Auszeit nach dem Studium, Sabbatical statt Arbeitsalltag. Eine Lücke im Lebenslauf ist längst kein Problem mehr, macht sogar beim Arbeitgeber mit guter Erklärung in petto – Auslandsjahr, Tierschutz, Weltreise – oft richtig Eindruck. Wird die Vita aber nicht aus Eigen- sondern Außenantrieb umgeschrieben, verliert die Unterbrechung ihren schillernden Charakter. Und das nicht nur bei Berufseinsteigern. Corona hat die Wirtschaft lahmgelegt und viele Neueinsteiger, Jobwechsler und Bewerbungsmuntere in Zwangspause geschickt. Das Virus hat sich nicht nur bei tausenden Absolventen in diesem Jahr zwischen Abschlusszeugnis und Arbeitsvertrag gedrängt, auch für Arbeitssuchende und Aspiranten der Neuorientierung scheint der Arbeitsmarkt zu Pandemiezeiten ein wackeliges Pflaster. Schlechte Zeiten für einen Anfang? Welche ganz persönlichen Einschnitte und Erfahrungen Menschen in der Region mit Corona und Jobeinstieg gemacht haben – die SZ hat nachgefragt.

Katharina Schäfer (30)
Das brauchte Mut: Anfang des Jahres verließ Katharina Schäfer (30) ihre sichere Festanstellung als Store Managerin für einen Job in einer völlig neuen Sparte. Heute ist sie Apothekenreferentin für einen großen Pharmakonzern. Noch nicht genug der Herausforderung, kam dann auch noch Corona. Als es im neuen Arbeitsumfeld so richtig losgehen sollte, schlitterte die Siegenerin ins Home-Office. Was eigentlich volle Präsenz und Ausstrahlung bedurft hätte, musste jetzt via Telefon passieren. „Wie organisierst du dich, wenn es eigentlich Bestandteil deiner Arbeit ist, knapp 300 Kunden vierteljährlich zu besuchen?“ Aber: „Ich glaube ich habe den Draht so gut es ging auch so aufbauen können. Trotzdem war das Anfangs eine richtig schwierige Sache.“ Und jetzt? Bauchschmerzen, die wohl alle Neueinsteiger in der Verbindung Pandemie- und Probezeit haben dürften, sind mittlerweile Geschichte. „Die Firma hat mir in keiner Weise das Gefühl vermittelt, ich müsste jetzt coronabedingt wieder gehen.“

Katharina Schäfer

Rick Hoffmann (25)
Nicht das ganze, aber doch den letzten, den besonders feierlichen, den abschließenden Teil des Studiums hat Corona bei Rick Hoffmann mächtig durcheinander gebracht. Zehn Semester gebüffelt, Staatsexamen bestanden, Examensfeier ins Wasser gefallen. „Man studiert Jahre miteinander, hat ein Ziel erreicht und dann kann man nicht gemeinsam mit diesem Lebensabschnitt abschließen“, sagt der angehende Lehrer, den es aus seinem Wittgensteiner Heimatort Rückershausen gen Marburg zog. Noch während des laufenden Studiums gab es starke (virusbedingte) Einschnitte. Zwei Prüfungen, wie die mündliche Abschlussprüfung, entfielen gänzlich, dafür wurden andere – vormals als nicht examensrelevant festgelegte – Module, in die Notenfindung mit einbezogen. „Das war dann zum Teil auch super intransparent und für uns nicht nachvollziehbar, wie sich diese Note dann zusammengesetzt hat.“ Jetzt, auf sein „Ref“ wartend – „ich habe noch keine Ahnung, wohin es mich dann letztendlich verschlägt“ –, stünden gemischte Gefühle vor dem neuen Lebensabschnitt. „Klar, man freut sich, fragt sich aber auch, ob man da dann das zeigen kann, was man gerne möchte. Man kann seine Kompetenzen schließlich nicht digital nachweisen. Vor den Abläufen der ersten Monaten steht noch ein großes Fragezeichen.“

Rick Hoffmann

Teresa Muhl (23)
Realschulabschluss, Ausbildung zur Kosmetikerin, Berufserfahrung, Arbeitslosigkeit. „Meinen neuen Vollzeitjob konnte ich drei Monate ausführen, dann kam der Lockdown“, blickt Teresa Muhl zurück. Die 23-Jährige befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Probezeit, wurde gekündigt und arbeitet jetzt wieder für zwölf Stunden die Woche in dem Kosmetikstudio. Sie zeigt sich verständnisvoll: „Viele Bereiche bleiben aufgrund der strengen Auflagen geschlossen. Dadurch kommen natürlich auch weniger Kunden als vorher.“ Um irgendwie über die Runden zu kommen, habe sie einen Nebenjob in einem Zoofachmarkt angefangen, bei dem sie zukünftig noch mehr Stunden machen kann. „Der Markt ist krisensicher, gehört zum Grundbedarf und kann nicht geschlossen werden, sollte eine zweite Welle kommen“, erklärt Teresa. Ihr Herz schlage aber für den kosmetischen Bereich. „Eigentlich wollte ich mich gerne selbstständig machen. Das ist dieses Jahr zwar auf Eis gelegt, aber vielleicht nächstes Jahr.“

Teresa Muhl

Tobias Lehmann (32)
Nach seiner Ausbildung zum IT-Systemkaufmann steht Tobias Lehmann jetzt auf der Straße. Das hatte er sich vor ein paar Monaten noch ganz anders vorgestellt. „Ich habe meine Ausbildung auf zwei Jahre verkürzt, um schnell im Berufsleben Fuß zu fassen“, erklärt der Siegener. Dadurch, dass viele Aufträge durch die Coronakrise weggebrochen seien, habe sich nicht nur eine Stelle, die ihm mündlich zugesagt wurde, sondern auch die Existenz dieses jungen Unternehmens zerschlagen. Die Kosten laufen natürlich weiter, er habe ein kleines Kind zu versorgen, seine Frau studiere und seine Familie müsse schließlich von etwas leben. „Das schlägt schon rein“, sorgt sich der 32-Jährige. „Ich arbeite, seit ich 13 bin, habe angefangen mit Zeitungen austragen, war schon in vielen verschiedenen Bereichen tätig. Trotzdem hagelt es wegen fehlender Erfahrung nur Absagen“, schildert Tobias. „Aktuell bin ich für alles offen. Hauptsache arbeiten und Geld verdienen.“

Tobias Lehmann

Kathrin Walke (24)
Der Masterabschluss machte ihr mächtig Lust auf die Arbeitswelt. Mit viel Motivation musste die ehemalige „Marketing and Finance“- Studentin also auch nicht lange auf einen gern gesehenen Praktikumsplatz in einer großen Unternehmensberatung warten, in dessen Stätten es ihr nicht nur „sehr gut gefallen“ hatte, sondern die auch gleichzeitig eine fast wasserdichte Übernahmewahrscheinlichkeit für die 24-Jährige bereit hielt. Aber: Auch in diesen Jobeinstieg grätschte das Virus hinein. „Ich musste das Praktikum dann vorzeitig absagen.“ Aus Bad Laasphe stammend und fürs Studium nach Maastricht gezogen, war es für Walke dann erstmal eine „etwas ernüchternde Situation“. Dann aber, mit neuem Aufschwung, ging es ans erneute Bewerben. „Ich habe drei Bewerbungen geschrieben und wurde dreimal eingeladen“, so die positive Resonanz. Aber: „Viele Unternehmen laden zwar derzeit ein, stellen dann aber erst für Anfang nächsten Jahres ein oder halten einen hin.

Kathrin Walke

Viola Haberkorn (19)
„Corona hat all meine Pläne zerstört“, erzählt Abiturientin Viola Haberkorn traurig. Schulische Zwangspause, keine Mottowoche, Zeugnisverleihung ohne Begleitung, keine Party. „All das, worauf wir uns schon so lange gefreut hatten, ist komplett ins Wasser gefallen“, schildert die 19-Jährige betrübt. Auch die Zeit danach gestaltet sich nun ganz anders als gedacht. „Ich wollte nach der Schule eigentlich nach Guatemala reisen und beim Aufbau von Schulen helfen. Dafür hatte ich schon alles geplant.“ Unbeschwert in die weite Welt, fremde Kulturen kennenlernen, einfach mal was anderes sehen – all das habe die Pandemie zunichte gemacht. Auch ihr Hebammenwissenschaften-Studium werde sie dieses Wintersemester nicht beginnen können. „Voraussetzung für den dualen Studiengang ist, dass man vorab ein dreimonatiges Praktikum absolviert“, erklärt Viola. Geplant sei zwar, dieses dann endlich zum 1. September zu beginnen, aber „natürlich alles unter Vorbehalt.“

Viola Haberkorn
Autor:

Sarah Benscheidt (Volontärin) aus Siegen

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