Einer der wichtigen Drucker der Reformation arbeitete in Herborn und Siegen
Corvin und seine Zeit

An der Hohen Schule zu Herborn (und in Siegen) arbeitete der Drucker Corvin.
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  • Foto: Dr. Friedrich Weber
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sz - Vor 400 Jahren starb der bedeutende Buchdrucker Christoph Corvin, der  national und international renommiert war.
sz Siegen.Buchdruckkunst und Reformation gehören zusammen: Die neue geistliche und gesellschaftlich-politische Bewegung des 16. Jahrhunderts nutzte die modernen Medien ihrer Zeit. Auch in Siegen. Christian Brachthäuser (Stadtarchiv Siegen) hat sich mit dem für die Region und auch darüber hinaus bedeutenden Buchdrucker Christoph Corvin beschäftigt, stellt den Gelehrten und Buchdrucker vor und ordnet ihn geistig und geografisch in seine Zeit ein. Schon der Name – Corvin ist die latinisierte Form von Rabe, wie der Drucker auf Deutsch hieß – gibt Auskunft über Corvins geistiges Umfeld. Nachzulesen sind Brachthäusers Forschungen in „Buchdruckkunst in der Grafschaft Nassau“ (universi Verlag). Christian Brachthäuser erläutert sein Interesse an Corvin, reißt Ergebnisse seiner Forschungen an und entwirft das spannende Bild einer bewegten Epoche.
Wie kam Ihr Interesse an Christoph Corvin (1552 – 1620) zustande?
Ein Jubiläum. 2020 jährt sich zum 400. Mal der Tod des ersten akademischen Druckers und Verlegers in der Stadt Siegen. Da stellten sich unweigerlich viele Fragen: In welchem Milieu bewegte sich der Drucker und Verleger während seines Aufenthalts in Siegen? Welche Buchveröffentlichungen erblickten hier das Licht der Welt? Wie sah der damalige Arbeitsalltag eines Buchmanufakturisten aus? Corvin verstarb zwar am 19. Januar 1620 in Herborn, wo eine Grabplatte mit lateinischer Inschrift in der ev. Stadtkirche bis heute an den reformierten Buchhersteller im Dienste der Hohen Schule erinnert. Doch für die universitäre Tradition Siegens ist Corvin sicher von ganz besonderer Bedeutung.
Inwiefern?
Die Ende des 16. Jahrhunderts von Graf Johann VI. zu Nassau (1536 – 1606) in Herborn gegründete Hohe Schule, eine reformierte Lehranstalt mit angeschlossenem Pädagogium zur Vorbereitung auf spätere Hochschulstudien, wurde zweimal nach Siegen verlegt. Von 1594 bis 1599 und nochmals von 1606 bis 1609 ließ sich die universitätsähnliche Einrichtung in den Räumen des ehemaligen Siegener Franziskanerklosters nieder. Den ersten Umzug nach Siegen machte auch Christoph Corvin mit. Hier arbeitete er bis 1598 an rund 50 Titeln aus verschiedenen Wissensgebieten und förderte dadurch die Forschung auf den Gebieten Theologie, Philosophie und Medizin. Nette Notiz am Rande: Dort, wo heute die Universitätsteilbibliothek Siegen im modernisierten Ambiente des Unteren Schlosses Studierende und Literaturbeflissene mit Medien versorgt, befanden sich einst die Druckerpressen Corvins und die Hochschulbibliothek. Insofern ist sein Name in gewisser Hinsicht sogar räumlich eng mit der universitären Tradition Siegens verknüpft.

Buchdruck und Wirtschaftlichkeit

Ein Buchdrucker in unserer Region – gab es dafür überhaupt genügend Interessenten?
Durchaus, auch wenn sich seine Klientel in erster Linie auf Dozenten und Studenten der Hohen Schule sowie auf einen intellektuellen Leserkreis im In- und Ausland erstreckte. Hierzu muss man zwei Dinge wissen: Einerseits wurde Corvin ganz bewusst in der Grafschaft Nassau installiert, um den Bildungsbetrieb zu fördern und in Zeiten konfessioneller Auseinandersetzungen gewissermaßen das geistige Rüstzeug zur Festigung des reformierten Bekenntnisses bzw. des calvinistischen Glaubens zu liefern.
Waren die Hohe Schule Herborn und Corvins Druckerei nur von lokaler Bedeutung?
1595 waren rund 100 Studenten in Siegen eingeschrieben, im Jahr darauf folgten nochmals mehr als 60 Immatrikulationen. Andererseits war Corvin gemäß der Hochschulstatuten dazu verpflichtet, die entsprechende Fachlektüre zu produzieren und die wissenschaftlichen Studien zu bereichern. In Siegen, in Nassau, natürlich aber auch darüber hinaus, denn die Hohe Schule war eine Bildungsstätte mit europäischer Strahlkraft. Allein aus der Tatsache, dass seine Piscator-Bibel, eine vierbändige Übersetzung der Heiligen Schrift mit umfangreicher Kommentierung aus der Feder des reformierten Theologen Johannes Piscator (1546 – 1625), gemäß eines Kostenvoranschlags von 1596 in einer Auflage von 1600 Exemplaren aus 192 Ballen Papier hergestellt werden sollte, spricht für die verlegerische Leistung Corvins. Nach der Rückverlegung der Hohen Schule nach Herborn 1599 engagierte er nicht von ungefähr zehn Druckergesellen. Auch dies ist sicher ein Indiz für seine Reputation. Eigene kommerzielle Interessen verfolgte er jedoch nicht, durfte er auch gar nicht. Die positive Entwicklung der Buchdruckerei Corvins resultierte in erster Linie aus der literarischen Schaffenskraft der Professoren an der Hohen Schule und aus dem Erfolg der Bildungsakademie.

Die Verbreitung von Corvins Drucken

Stichwort Piscator-Bibel: Corvin druckte „die reformierten“ Werke seiner Zeit. Wurden die auch überregional wahrgenommen?
Corvin war eingebunden in ein Netzwerk reformierter Gelehrter, verfügte über Kontakte ins europäische Ausland und sollte ganz bewusst als Multiplikator dienen, um einen breiten reformierten Adressatenkreis anzusprechen und Werbung für die Hohe Schule zu machen. Insofern wurden seine juristischen Traktate, geisteswissenschaftliche Abhandlungen und theologischen Streitschriften weit über die Grenzen Nassaus hinaus gelesen und kommentiert. Davon kündet im Übrigen die überraschend internationale Ausrichtung der gedruckten Titel. Ich denke, dass gerade dieser Aspekt ganz besonders erwähnenswert ist, denn Corvin bot nicht nur eine Veröffentlichungsplattform für namhafte reformierte Kapazitäten aus dem deutschsprachigen Bereich, ich denke da beispielsweise an den Staatsrechtler Johannes Althusius (1563 – 1638). Um beim Beispiel Siegen zu bleiben: Hier erschien 1596 posthum ein Titel des einflussreichen britischen Theologen William Whitaker (1548 – 1595), ein Jahr später eine Schrift des Norwegers Cort Aslaksson (1564 – 1624), der sich von 1590 bis 1593 als Assistent des berühmten Astronomen Tycho Brahe betätigt und später an der Universität Kopenhagen in Dänemark gelehrt hat. Und im gleichen Jahr erschien in Siegen dann auch noch ein Werk des französischen Staatsmanns Philippe de Mornay (1549 – 1623). Das ist insofern bemerkenswert, als ein wirtschaftlich schwaches Territorium wie Nassau, zumindest damals, noch kein Global Player auf politischer Bühne war. Daher ist es umso faszinierender, dass vor mehr als vier Jahrhunderten die Werke von Geistesgrößen aus dem europäischen Raum hier in Siegen gedruckt, verlegt und studiert wurden.
Sie deuteten an, dass Corvin trotz seiner enormen Leistung aber nur sporadisch entlohnt wurde. Wie sah sein Verhältnis zum Landesherrn aus, in dessen Auftrag er die Buchtitel veröffentlichte?
Oh, das war ganz bestimmt nicht immer ganz einfach und konfliktfrei, ganz im Gegenteil. Neben der unregelmäßigen Bezahlung seines bescheidenen Druckerlohnes sah sich Corvin mit strengen Auflagen und Vorzensuren konfrontiert. Die ihm auferlegten Dienstvereinbarungen sahen etwa vor, keine Werke ohne vorherige Erlaubnis des Schulrats oder des Grafen persönlich zu publizieren. Externe Druckaufträge und Verlagsabsichten durften nur mit ausdrücklicher landesherrlicher Genehmigung ausgeführt werden. Aus eigener Initiative bzw. eigenen Interessen konnte Corvin also nicht publizieren. Zuweilen musste er kleinere Schulschriften sogar aus eigener Tasche finanzieren, wenn man ihm dafür keine Papierbögen zur Verfügung stellen konnte – oder wollte. Nicht immer ging die Zusammenarbeit also reibungslos vonstatten. In einem konkreten Fall kam es nach der Veröffentlichung der „Nassauischen Chronik“ (1617) von Johannes Textor aus Haiger aufgrund angeblich kompromittierender Passagen sogar zum Streit Corvins mit dem Grafenhaus Nassau. Auch Graf Johann VII., genannt der Mittlere, zu Nassau-Siegen (1561 – 1623) entzog seine Unterstützung und wies Corvin an, bereits in Umlauf gebrachte Exemplare wieder herbeizuschaffen. 

Corvins Einfluss auf unsere Region

Wie lässt sich der Einfluss Corvins auf die reformierte Prägung unserer Region beschreiben?
Sein literarisches Gewerbe war ein Gewinn für die Städte Herborn und Siegen mit einer Blütezeit des Bildungs- und Verlagswesens. Corvin als Aushängeschild der „Academia Nassavensis“ veröffentlichte insgesamt rund 1000 Schriften, was sicher viel über das enorme Arbeitspensum unter dem Einfluss rigider Statuten und drohender Sanktionierungen aussagt. Ich möchte aber weiter gehen und nicht nur eine nackte Zahl anführen. Zahlreiche Editionen aus seiner Offizin, so der veraltete Begriff für die Werkstätte eines Druckers, werden bis in die Gegenwart in faksimilierter Form nachgedruckt oder rezipiert. Nehmen Sie nur Wilhelm Zeppers „Von der Christlichen Disziplin“, das 1596 in Siegen veröffentlicht wurde und nach knapp vier Jahrhunderten, 1980, einen Nachdruck erhielt, weil das Buch die Situation der Kirche im Siegerland des 16. Jahrhunderts reflektiert und uns viel über das damalige Leben in den Gemeinden mitzuteilen weiß. Oder die bereits erwähnte „Nassauische Chronik“ von 1617, die als zeitgenössisches Dokument bis heute einen wichtigen Beitrag zur Landesgeschichte darstellt und 1984 in zweifacher Ausfertigung nochmals neu verlegt wurde. Insofern steht der Name Corvin beinahe synonym für die Geschichte der zweiten Reformation und der Hinwendung zum Calvinismus, aber natürlich auch für die reformierte nassauische Landeshochschule, ihr Bildungsprogramm und ihre Dozenten. Nehmen wir beispielhaft den Philosophen Johann Heinrich Alsted (1588 – 1638). Dessen monumentale Encyclopaedia mit über drei Millionen Wörtern gehört unbestritten zu den herausragendsten Literaturzeugnissen Corvins, ja sogar der frühen Neuzeit. Hier wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts der Versuch unternommen, die Erkenntnisse sämtlicher Wissensgebiete der damaligen Zeit systematisch zusammenzufassen. Das spricht sicher auch für das Selbstverständnis Corvins, ein monumentales Nachschlagewerk zu schaffen, das darin enthaltene Wissen in die Welt hinauszutragen und es mit dem Renommee einer Bildungsstätte zu verbinden. Corvin wirkte dadurch wie ein Motor, nicht nur für die Hohe Schule an sich, sondern auch für den reformierten Glauben und die Kirchendoktrin in der Grafschaft Nassau.

Autor:

Redaktion Kultur

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