SZ

Aufarbeitung der Corona-Pandemie beginnt
"Dafür gibt's kein Drehbuch"

Die Corona-Pandemie hat vielen Menschen vieles abverlangt – auch politischen Entscheidungsträgern. Im Interview zieht Andreas Müller, der Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein, eine erste Bilanz und blickt nach vorne.
  • Die Corona-Pandemie hat vielen Menschen vieles abverlangt – auch politischen Entscheidungsträgern. Im Interview zieht Andreas Müller, der Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein, eine erste Bilanz und blickt nach vorne.
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sabe Siegen. Obwohl die Corona-Pandemie noch nicht ausgestanden ist, beginnt allmählich die Aufarbeitung der vergangenen Monate. Welche Schlüsse für Siegen-Wittgenstein daraus gezogen werden könnten, darüber spricht Landrat Andreas Müller im Interview mit der SZ.

Herr Müller, Sie sind im vergangenen Jahr als Landrat sehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Oder sollte man lieber sagen, als Pandemiebekämpfer?
Wir fanden uns ja alle in neuen Rollen, in neuen Tagesstrukturen, in neuen Situationen wieder. Mit völlig neuen Ansprüchen und Anforderungen. Das Ganze war für mich, wie wahrscheinlich für viele, erstmal sehr unwirklich. Man hat ja vorher nicht gelernt, eine Pandemie zu bekämpfen oder Krisenszenarien über Monate fortzuführen.

sabe Siegen. Obwohl die Corona-Pandemie noch nicht ausgestanden ist, beginnt allmählich die Aufarbeitung der vergangenen Monate. Welche Schlüsse für Siegen-Wittgenstein daraus gezogen werden könnten, darüber spricht Landrat Andreas Müller im Interview mit der SZ.

Herr Müller, Sie sind im vergangenen Jahr als Landrat sehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Oder sollte man lieber sagen, als Pandemiebekämpfer?
Wir fanden uns ja alle in neuen Rollen, in neuen Tagesstrukturen, in neuen Situationen wieder. Mit völlig neuen Ansprüchen und Anforderungen. Das Ganze war für mich, wie wahrscheinlich für viele, erstmal sehr unwirklich. Man hat ja vorher nicht gelernt, eine Pandemie zu bekämpfen oder Krisenszenarien über Monate fortzuführen. Ich habe mir vorher noch nie Gedanken darüber gemacht, wie man eine Allgemeinverfügung schreibt.

Sie mussten auch Ausgangssperren verhängen. Was war das für ein Gefühl?
Ich bin normalerweise mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet. Aber bei der Frage der Ausgangssperre habe ich nicht gut geschlafen. Einschränkungen in diesem Maße beschließt man nicht leichtfertig. Genau wie Schließungen von Schulen oder Kindergärten. Man beschäftigt sich natürlich nicht nur sehr intensiv damit, welche Maßnahmen bei der Eindämmung des Virus helfen, sondern auch damit, was diese Einschränkungen an Nachteilen für welchen Teil der Bevölkerung haben. Und so ist das jedes Mal eine neue Abwägung.

In der Rückschau: Was lief ihrer Meinung nach gut?
Dass die Siegerländer und Wittgensteiner sehr treue, pflichtbewusste, verständliche, einsichtige Menschen sind, die zu einem großen Teil jede Einschränkung mitgetragen haben. Das braucht es natürlich zu einer Krisenbewältigung. Und der andere Teil, und darauf glaube ich, dürfen wir nach wie vor auch stolz sein, ist die Hilfsbereitschaft, das ehrenamtliche Engagement, die Solidarität. Die Reaktivierung des Krankenhauses in Kredenbach ist so ein Leuchtturm-Beispiel gewesen. Von einem auf den anderen Tag gab es Hunderte Helfer beim Einrichten des Hauses, genauso wie Pflegekräfte, Helferinnen und Helfer, die gesagt haben: „Wenn ihr Hilfe braucht, ruft mich an, ich komme!“

Aber es lief nicht immer alles rund. Was hätte besser laufen können?
Also vorweg, ich gehöre auch zu denen, die sagen: Da gibt’s kein Drehbuch. Wir wissen vorher nicht, welche Maßnahme welche Wirkung entfaltet. Vergangenes Jahr im Herbst allerdings, hat man aus meiner Sicht einen Fehler gemacht. Die Politik hat mit bestimmten Ankündigungen Hoffnungen und Erwartungen geschürt, die man reihenweise nicht einhalten konnte. Bund und Land sind in eine Ankündigungspolitik verfallen.

Können Sie etwas genauer werden?
Erst wurde die Hoffnung gesetzt, wir könnten Weihnachten zu Hause zusammen feiern, aber wir konnten Weihnachten nicht zusammen feiern wie sonst. Dann sollte der Lockdown jeweils immer wieder nach wenigen Wochen beendet werden. Wir wissen alle, er endete über Monate nicht. Dann sollte es überall Test-Angebote geben, damit wir uns endlich wieder treffen können. Es gab aber keine Test-Angebote. Dann sollten die Impfungen starten. Dabei wusste jeder, die können jetzt noch nicht starten.

Es wurde falsch kommuniziert?
Ja. Noch nie hat es auf der Welt in Sachen Impfstoff so schnell ein so breites Angebot gegeben, ein Wunderwerk der Wissenschaft. Und indem ein paar Wochen zu früh die Erwartungen geschürt wurden, dass jetzt die große Impfkampagne beginnt und in kurzer Zeit flächendeckend geimpft wird, ist das fast ins Negative verkehrt.

Welche Schlüsse ziehen sie daraus?
Dass vor allem die Kommunikation einer der wesentlichsten Punkte ist, der darüber entscheidet, ob wir alle gemeinsam gut oder nicht so gut durch eine Krisensituation kommen.

Viele Virologen sind sich einig, dass die Corona-Pandemie nicht die letzte war. Sind wir als Kreis Siegen-Wittgenstein für kommende Pandemien jetzt besser vorbereitet?
Die Frage ist, was sind die Bestandteile einer Vorbereitung und dann wiederum einer besseren Vorbereitung. Also natürlich gibt es auf allen Ebenen Pandemie-Pläne und es gibt Einsatzszenarien, Krisenstäbe und so weiter. Jede verantwortliche Stelle hatte auch vorher schon Pandemie-Pläne in den Schubladen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Jede Krise ist anders. Und auch jede Pandemie.

"Auch wir haben noch Papierakten und
da gilt es, so wie im ganzen Verwaltungsbereich,
weiter zu digitalisieren."

Andreas Müller
zum Thema Digitalisierung

Aber man reflektiert ja und wertet aus. Investiert man vielleicht in mehr digitale Technik fürs Gesundheitsamt?
Um den Mythos gleich zu begraben: Bei uns wurden auch zu Beginn der Pandemie im Gesundheitsamt keine Faxe verschickt. Aber ja, auch wir haben noch Papierakten und da gilt es, so wie im ganzen Verwaltungsbereich, weiter zu digitalisieren. Ich denke, vor allem braucht es jetzt eine gute Analyse. Was hat denn nun wirklich die Infektionsrate unterbrochen und was vielleicht weniger? Diese Evaluierung steht aber noch aus.

Was stimmt Sie positiv?

Wenn man aus dem bisherigen Verlauf der Pandemie etwas mitnehmen will, dann ist es aus meiner Sicht, dass wir alle mit anpacken, dass die Systeme, also auch die öffentliche Verwaltung, im Grunde so robust aufgebaut sind, dass sie mit solchen Katastrophen umgehen können. Dass das Grundgerüst im Aufbau dieses Staates und im Aufbau jeder einzelnen Verwaltungs- oder Hilfsorganisation steht, dass die Feuerwehr oder die Bundeswehr alle so aufgestellt sind, dass wir sehr schnell in der Lage sind, den Schalter umzulegen.

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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