„Damenbart“, Akne und gestörter Zyklus

pebe Siegen. Sie ist ans Kreuz genagelt, in ihrem Gesicht wächst ein Bart. Die „heilige Kümmernis“ oder „Wilgefortis“ war im Mittelalter eine in der Volksfrömmigkeit sehr bekannte Frauenfigur. Bild und Geschichte der „bärtigen Frau“ sind in der Legende mit starkem Willen, aber auch großem Leid verbunden. Dieses Leiden können heute allein in Deutschland etwa eine Million Frauen nachempfinden, die vom „Polyzystischen Ovarsyndrom“, kurz PCOS, betroffen sind – eine Erkrankung, die für die Patientinnen Kreuz und Leid zugleich bedeutet. Denn wie Wilgefortis haben sie übermäßig starken, männlich ausgeprägten Haarwuchs, sie fühlen sich durch eine nicht berechenbare, oft ausbleibende oder viel zu spät einsetzende Regel in ihrer Weiblichkeit verunsichert und verletzt und leiden meist unter weiteren Symptomen der Krankheit wie Übergewicht oder Akne.

Eine der PCOS-Betroffenen ist die 30-jährige Nadine T. (Name geändert). „Ich habe schon länger gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war“, berichtet sie im Gespräch mit der SZ, „meine Periode war sehr unregelmäßig, aber weil ich die Pille nehme, fiel es mir nicht weiter auf.“ Irritierend seien für sie jedoch die auch nach der Pubertät nicht besser werdenden Hautprobleme und eine massive Akne gewesen, erinnert sie sich. Als sie die künstliche Hormonzufuhr der Pille absetzte, blieb ihre Regel aus. „Vor zwei Jahren habe ich dann angefangen zu überlegen, ob ich wohl je Kinder bekommen kann, wenn ich eine so unregelmäßige Periode habe.“

Ein Hormontest beim Frauenarzt brachte einen ersten Hinweis: Ein männliches Hormon war bei ihr erhöht. Weil sie kein Cortison schlucken wollte, nahm sie wieder die Pille, eine Zeit lang wurden ihre Hautprobleme wieder besser. Das kam ihr merkwürdig vor. Nach Arztbesuchen vermutete erst eine Heilpraktikerin, dass es sich um PCOS handeln könne und riet ihr zum Test. Seit Mai vorigen Jahres hat Nadine T. die sichere Diagnose.

PCOS ist, so lässt es sich im Internet recherchieren, die häufigste endokrinologische, also auf Drüsentätigkeit zurückzuführende Erkrankung von Frauen. Dabei sind die männlichen Hormone erhöht, es kommt zu Zyklusstörungen, Akne, Haarausfall oder aber vermehrter Körperbehaarung (Hirsutismus). Häufig kommt auch eine Insulinintoleranz vor, d. h. die Zellen entfernen den Zucker im Blut nicht genügend, der Pankreas produziert deshalb mehr Insulin, das wieder stimuliert die Hirnanhangdrüse, und die reagiert letztlich mit einer Mehrproduktion männlicher Hormone – ein Teufelskreis. Oft erkranken Patientinnen auch an einem Diabetes. Und es bilden sich die sog. „polyzystischen“ Ovarien (Eierstöcke), die der Krankheit ihren Namen geben. Dabei nehmen die einzelnen Follikel, die Hüllen der Eizellen, zystenähnlich aufgeblähte Ausmaße an und sind leer.

Die teilweise gravierenden Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild und der meist nicht erfüllbare Kinderwunsch stellen für die betroffenen Frauen eine massive psychische und soziale Belastung dar. „Es könnte für mich schwierig sein, schwanger zu werden, das belastet mich unglaublich“, bestätigt Nadine T. „PCOS hat ganz viel mit positiv erlebbarer Weiblichkeit, mit Selbstwert und Selbstbewusstsein zu tun und damit, dem eigenen Frausein zu genügen“, fährt sie fort. Heilbar, so weiß die 30-Jährige, ist die Krankheit nicht, auch ihre Entstehung ist unbekannt. Allerdings lassen sich in vielen Fällen in Absprache mit Endokrinologen und Gynäkologen wenigstens die Symptome so lindern, dass die psychische Belastung deutlich abnimmt. Aber auch da hat Nadine T. ihre eigenen Erfahrungen: Zwar ist sie nicht übergewichtig, aber ihre Akne wurde in den vergangenen Monaten immer schlimmer, selbst medikamentöse „Hämmer“ hätten kaum noch geholfen. „Manchmal will ich morgens nicht rausgehen, wenn ich mich im Spiegel sehe.“Nadine T. will eine Selbsthilfegruppe für PCOS- Betroffene gründen. „Es ist ein sensibles Thema, mit dem man nicht hausieren geht“, sagt sie. Der Austausch im geschützten Raum der Gruppe solle den betroffenen Frauen helfen, aus dem stillen Leiden auszubrechen und mit der Belastung nicht allein zu bleiben. Frauen, die mit der Diagnose „PCOS“ leben müssen oder vermuten, dass sie an PCOS erkrankt sind, können sich für weitere Informationen an Gabi Gaumann von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen der Diakonie Südwestfalen (Tel. 02 71/3 33-64 22) wenden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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