Bewegender Brief
Das Corona-Leid einer berufstätigen Mutter

Einblicke in den nervenraubenden Alltag einer berufstätigen Mutter in Zeiten der Pandemie fasste SZ-Leserin Martina Rezic eindrücklich in Worte.
  • Einblicke in den nervenraubenden Alltag einer berufstätigen Mutter in Zeiten der Pandemie fasste SZ-Leserin Martina Rezic eindrücklich in Worte.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

sz/nja Siegen. „Corona-Müdigkeit“, dieses Wort macht im zweiten Jahr der Pandemie die Runde, es beschreibt ein Gefühl, das wohl viele kennen. Wenn in Zeiten der Kontaktminimierung Büro und Klassenzimmer in die eigenen vier Wände eingezogen sind, man nicht nur Job und Familie unter einen Hut bringen muss, sondern auch noch zur Aushilfelehrerin mutiert, ist Erschöpfung doch eigentlich eine gesunde Reaktion... Martina Rezic aus Siegen ließ jetzt in einem Brief an die SZ Dampf ab – und dies auf so eloquente Weise, dass ihm wenig hinzuzufügen ist:
„Hallo Welt! Ich bin eine Mutter. Ich korrigiere: Ich bin eine berufstätige Mutter. Ich möchte schreiben, mich mitteilen und gehört werden. Ehrlich, direkt und unzensiert. Einfach so, weil es mir mein Herz sagt. Ja, ich höre es noch. Irgendwie. Irgendwo... Aber auf Anfang: Ich bin eine berufstätige Mutter. Meine Kinder? Zwei entzückende aufgeweckte Mädchen im Alter von acht und neun Jahren, die beide in die Grundschule gehen. Ihre schulischen Leistungen bisher: tadellos. So darf es gerne bleiben. Ob es so bleiben wird? Das steht in den Sternen...

"Eine endlose Liste"

Bisher hatte ich immer zwei Jobs. Zum einen bin ich ganztags als Familienmanagerin tätig. 24 Stunden. Nonstop. Mama sein ist toll. Ich liebe meine Mädchen. Ich liebe auch meinen Mann. Meine Familie ist alles für mich. Aber ich würde jetzt lügen, wenn ich behaupte, dass immer alles Friede, Freude, Eierkuchen wäre. Im Gegenteil. Jede Mutter weiß in diesem Moment ganz genau wovon ich spreche. Wir lieben nicht nur, wir organisieren, planen, putzen, waschen, kochen, schimpfen, trösten, fluchen, erklären, verzweifeln, etc... Eine endlose Liste.
Fazit: Ich liebe diesen Job trotzdem. Meine zweite Stelle übe ich an fünf Tagen die Woche jeden Vormittag bei einer Versicherung im Innendienst aus. Ich telefoniere, plane, organisiere, recherchiere, fluche, schimpfe, etc... Klingt ähnlich, genau. Man tut was man kann, von nichts kommt nichts. Ist klar. Ich will mich ja nicht beschweren. So. Das waren sie, meine beiden Jobs. Die Betonung liegt auf „waren“. Wie sagt man schließlich so schön: „ Alle guten Dinge sind drei!“

Jetzt auch noch der Job als Aushilfslehrerin

Also musste auch ein dritter Job her: als Aushilfslehrerin. Unverblümt. Steuerfrei. Unbezahlt. Ein Traum jeder Mutter. Was soll ich schon sagen? Es läuft. Irgendwie. Muss es ja. Nur frage ich mich immer wieder: Zu welchem Preis? Da sitzt man nun als berufstätige Mutter, gefühlt völlig alleine gelassen und versucht sich Tag für Tag irgendwie durchzukämpfen. Ich jongliere seit Wochen zwischen Mama sein, Haushalt, Homeschooling, Homeoffice, Terminen und Videokonferenzen. Meine Laufschuhe verstauben, der Hintern wird immer größer und meine Nerven? Die sind irgendwo zwischen den letzten Mathe-Hausaufgaben, der Wäsche und dem Tablet verloren gegangen.
Von meinen Stimmbändern verabschiede ich mich ebenfalls Stück für Stück, meinen Mann wirds freuen. Also, wo bitte soll das noch hinführen? Ich mag nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Meine Kinder leiden. Unser ganzes Familienleben leidet. Ich leide. „Mama, du machst das so toll!“, lobte mich meine Kleine jetzt und streichelte mir über die Schulter. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Auf der einen Seite hätte ich vor Stolz platzen können, aber auf der anderen Seite machte es mich einfach nur traurig. Ist es denn heutzutage tatsächlich die Aufgabe der Kinder, uns Mütter zu loben?

Täglicher Kampf für die Bildung der Töchter

Kinder spüren es, wenn es den Mamis schlecht geht. Wenn sie gestresst und verzweifelt sind, weil sie mal wieder nicht wissen, wem sie es zuerst recht machen sollen. Ich kämpfe jeden Tag. Ich kämpfe für die Bildung unserer Töchter. Ich hoffe und bete jeden Tag dafür, dass die Schulen wieder öffnen. Dass die Kinder ihre Freunde und Mitschüler wieder treffen dürfen. Dass sie lernen können. In der Schule, wo sie hingehören. Wo die richtigen Lehrer auf sie warten. Unsere Kinder wollen lernen. Sie gehen gerne in die Schule. Und die Hobbys? Davon will ich gar nicht erst anfangen ... Was möchte ich mit diesen Zeilen bezwecken? Gehör. Anderen Müttern und Vätern zeigen: Ihr seid nicht alleine!
„Haltet durch!“ Habt Geduld!“ – ich kann es nicht mehr hören. Nein! Ich habe es satt, Geduld zu haben. Wie lange soll das noch so weitergehen? Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie viele Menschen psychische und mentale Schäden davon tragen werden. Kinder, deren Bildung auf der Strecke bleibt. Kinder und Frauen, die tagtäglich häusliche Gewalt erleben und verlernen, gesunde soziale Kontakte zu pflegen. Ich könnte die Liste jetzt ewig so weiterführen. Corona ist da. Corona ist schlimm. Ich will es auch gar nicht leugnen. Aber ich frage mich mittlerweile ernsthaft, ob dieser Lockdown so in dieser Form wirklich das Richtige für uns ist. Aber was weiß ich schon? Wer bin ich? Gefragt werde ich nicht. Aber vielleicht werde ich gehört. Bleibt gesund.

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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