Das „Leben von innen“

 Anne von Canal las aus ihrem Buch  „Der Grund“, und eröffnete so die neue Saison im Siegener Lÿz. Foto: gmz
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gmz - Ein Pianobar-Pianist ist jemand, der nicht wahrgenommen wird und dessen Musik völlig in den Hintergrund des Gesprächs, des Nachdenkens oder des Trinkens tritt, der aber selbst alles um sich herum wahrnimmt und beobachtet. Ein solches Leben der unbeobachteten Präsenz könne nur auf einem Bruch in der Biografie des Pianobar-Pianisten (und des oft genug hervorragenden Klavierspielers) beruhen, meinte Anne von Canal beobachtet zu haben, als sie in jungen Jahren oft die Fähre von Schweden nach Kiel benutzte und Gelegenheit hatte, die Schiffspianisten zu beobachten. Diesen Bruch zu erforschen war ein Anlass für ihr Buch, so erzählte die aus Weidenau stammende Autorin, die lange Jahre als Lektorin gearbeitet hat, bevor sie sich selbst ans Schreiben begab (wir berichteten). Am Samstag stellte sie ihren Erstlingsroman „Der Grund“ im Siegener Lÿz vor und läutete damit gleichzeitig, so Patrick Zöller vom Kulturbüro des Kreises, die neue Lÿz-Saison ein.

Sie las gemeinsam mit dem bekannten Schauspieler Heikko Deutschmann, der auch das Hörbuch gesprochen hat, einige Ausschnitte aus ihrem Roman, in dem es um den schwedischen Arzt Laurits geht, der den Lesern zunächst als Schiffspianist begegnet, sein aktuelles Leben in Tagebucheinträgen beschreibt und in Rückblenden erläutert, wie er vom Konzertpianisten zum Arzt, der „das Leben von innen“ erforschen will, zum Schiffspianisten wurde, und warum er sich immer wieder „neu erfinden“ muss.

Anne von Canal und Heikko Deutschmann lasen die spannend ausgewählten Ausschnitte packend und gekonnt vor, unprätentiös, sachlich fast, da die Emotionen von der Sprache getragen wurden und nicht von der Art des Vortrags evoziert werden mussten. Dabei half Anne von Canals Fähigkeit, eine Sprache zu finden, die mit ungewöhnlichen Bildern fesselte, ohne bemüht zu wirken, und die genaue Beobachtung, Analyse und Erleben geschickt verband. Der junge Laurits wurde so zu einer Figur, der sich die Welt emotional nur mühsam erschloss, der aber zunächst in der Musik, dann in der Liebe Halt fand, aber offenbar nie einen festen Grund unter den Füßen hatte.

Warum das so ist, hätte man gerne erfahren, in der Lesung erschloss sich das den Zuhörern nicht. Vielleicht wäre es da besser gewesen, den Zuhörern mehr Textpassagen anzubieten, als sich über das Buch auszutauschen (ohne dabei zu viel zu verraten). Der Versuch, der auch als solcher angekündigt war, von Anne von Canal und Heikko Deutschmann, im Gespräch „etwas Neues“ zu bieten, gestaltete sich als manchmal etwas zäh und selbstreferentiell: Der Austausch nahm nämlich, von einigen Informationen zum historischen Hintergrund abgesehen, eher auf das Vorlesepaar Bezug als auf den Leser, der mit seinem Interesse an der Geschichte und ihren Entwicklungspunkten so etwas ins Leere lief. Insofern wäre mehr Lesen und weniger Reden mehr gewesen, denn Anne von Canals sprachliche Gestaltung der Figuren war wirklich Anreiz genug, die Geschichte kennenlernen zu wollen!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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