„Das müssten die alten Doktors erleben“

Praxis zu Pferd – heute undenkbar, aber vor noch gar nicht allzu langer Zeit war das gang und gäbe. Foto: Siegerländer Heimatverein
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juli Siegen. Der Ärzteverein Siegen wurde 1884 gegründet. Hauptziel war „neben der Pflege der Kollegialität und der Berufspolitik die Pflege der Wissenschaft“, schreibt Prof. Dr. Fritz Stähler, der Ehrenmitglied des Ärztevereins war, in der 1975 erschienenen Abhandlung „90 Jahre Medizin im Siegerland“.

Die damaligen Umstände waren in jeder Hinsicht bescheiden, auch wenn Stähler von 1901 bis 1935 nach eigenen Angaben von 27 Kaiserschnitten auf dem Küchentisch 26 mit Erfolg durchführte. Man bedenke: Bluttransfusionen gab es nicht, Narkosen höchstens in Form von Chloroform. Behandelt wurde fast nur zuhause.

Als „nüchtern, ärmlich, hilflos und medizinisch bedauernswert“ bezeichnet Stähler die praktische Welt des Arztes in dieser Zeit. Zu Fuß, auf dem Pferd oder in der Kutsche machten die Mediziner sich auf ihre langen Wege durchs Siegerland zu Hausbesuchen. Stähler schreibt: „Sanitätsrat Vogel musste zu langer Geburt von Siegen nach Wilnsdorf reiten und kam am übernächsten Tag zurück.“ Ob mit einem Erfolg in der Arzttasche, wird nicht berichtet. Wochenbettfieber endete zu 30 Prozent tödlich, von 207 Tuberkulosekranken in einem Jahr starben 30.

Ende des 19. Jahrhunderts werden im Verein erste chirurgische Erfolge registriert. Ausnahmsweise erlagen Patienten nicht dem Wundfieber, etwa bei einer Oberarmamputation oder einer geheilten Darmresektion nach einem Messerstich. Um die Jahrhundertwende gibt es erste Fachärzte: Augenarzt Bucholtz beispielsweise feiert einen „Riesenmagnet-Erfolg bei einer Eisensplitterverletzung in der hiesigen Industrie“. Von einer stürmischen Entwicklung der Medizin ist die Rede. Stähler berichtet aus seinem Fachgebiet, der Geburtshilfe: Die Müttersterblichkeit habe um 1900 noch zugenommen, 1950 habe sie gleich Null betragen. Die Schwangerenvorsorge habe im Siegerland lange vor den Staatsmaßnahmen mit der Einführung von Mütterpässen schon 1950 systematisch begonnen.

„Das müßten die alten Doktors noch erleben, was heute nach 90 Jahren selbstverständlich geworden ist, daß man nicht mehr am Wundfieber oder Wochenbettfieber stirbt, [...], daß von bestimmten Krebsarten 95 Prozent heilbar sind, [...], daß Herzoperationen, künstliche Gelenke und so vieles mehr möglich geworden sind“, schreibt Stähler 1975. Das sei alles der Verdienst der wissenschaftlichen Forschung in der Medizin. Und darin sei der Verein vorbildlich. Schon damals seien zu den zu monatlichen wissenschaftlichen Abenden selten auswärtige Experten geholt worden.„Die Förderung der wissenschaftlichen Fortbildung“ ist auch heute eine zentrale Aufgabe des Vereins. So ist es in der Satzung von 1998 festgelegt. Weitere Aufgabe ist die „Wahrnehmung aller gemeinsamen Standesinteressen der Mitglieder“. So verhandelt der Ärzteverein auch regelmäßig mit den Krankenkassen über verschiedene Probleme und Streitfragen im Gesundheitssystem, „auf dem kleinen Dienstweg“, sagt Klock. Ganz wichtig ist dem Verein laut Klock die kollegiale Zusammenarbeit der Ärzte „zum Wohle der Patienten“.Der Verein hat heute rund 390 Mitglieder, darunter fast alle niedergelassenen Ärzte des Altkreises Siegen und viele Klinikärzte. An diesem Wochenende kommen viele Mediziner, Klock erwartet über 100, zum 2. Siegener Symposium des Ärztevereins mit einem breiten Themenspektrum und zum Sommerfest im Haus der Siegerländer Wirtschaft zusammen. Das Symposium soll jährlich stattfinden, um die neuen Erkenntnisse auf allen medizinischen Gebieten zu kommunizieren.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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