Das Netz gewährt tiefe Einblicke

Dr. Christoph Busch leitete das Lehrforschungsprojekt „Rechtsradikalismus im Internet“.  Foto: kk

kk  Siegen.  Junge Leute wachsen heute mit und teils im Internet auf. Auch extreme Gruppierungen finden dort ihre Nischen. Wie diese sich darstellen und auf welches Echo diese Darstellungen treffen, interessiert nicht zuletzt Wissenschaftler. Gewinnen sie auf diese Weise doch Einblicke in Lebens- und Gedankenwelten. Mit dem Rechtsradikalismus im Internet beschäftigten sich jüngst Sozialwissenschafts-Studierende der Universität Siegen im Rahmen eines zweisemestrigen Lehrforschungsprojektes. 26 junge Leute nahmen sich unter der Regie des Politologen Dr. Christoph Busch unterschiedlicher Aspekte an. „Die große Bandbreite des Interesses war spannend“, blickt Busch zurück. „Die Studierenden haben sich viel Mühe gegeben.“

Im Lehrforschungsprojekt suchten sich die Studierenden in Zweierteams spezielle Gesichtspunkte aus. Einer war die „New-Nazi-Economy“. Finanzielle Transaktionen im Netz standen dabei im Fokus. Die jungen Leute schauten, wie die Szene im Internet aufgestellt ist und analysierten Kundendaten. Ein Ergebnis: „Der typische Kunde eines deutschen rechtsradikalen Online-Shops ist männlich, wohnt in Deutschland, wobei zahlreiche Regionen in Frage kommen, und bestellte bislang einmal für fast 60 Euro Ware.“ Und: Die Mehrzahl der großen US-amerikanischen rechtsradikalen Online-Shops agiere als Global Player und ziele besonders auf deutsche Kunden.

Ein intensiver Blick auf „Rechtsradikale Ästhetik und Selbstinszenierung“ im Internet brachte beispielsweise hinsichtlich rechtsradikaler Kontaktbörsen Erstaunliches zutage. Zwar dominierten voremanzipatorische Rollenbilder, bei denen starke Männer im Vordergrund stehen, aber auch emanzipierte Frauen seien auf dem Vormarsch. Noch eine Besonderheit gibt es: „Viele Männer weisen auf ihren Alkoholkonsum hin.“

Unter dem Titel „Strategien der Auseinandersetzung“ schauten die jungen Leute darauf, wie Parteien mit der Thematik umgehen. Busch: „Es gibt einen großen Konsens, die Medienpädagogik zu stärken, um Jugendliche besser auf die Nutzung und die Gefahren des Internets vorzubereiten.“ Dass es nicht allzu schwer ist, eigentlich verbotene rechtsradikale Medien online aufzustöbern, bewiesen Oberstufenschüler im Verlauf eines Tests. Mithilfe von Google und Wikipedia fanden die meisten von ihnen binnen kurzer Zeit Versionen von „Mein Kampf“, verbotene Musikstücke oder Szeneklamotten.

Wie berichten Print-Medien über Rechtsradikalismus? Verglichen wurden Artikel in der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und der taz (Die Tageszeitung) seit 1995. Fazit: „Trotz unterschiedlicher Ausrichtung der Zeitungen war die Berichterstattung ähnlich.“ Die taz berichtete häufiger, die FAZ ausführlicher. Die Kriminalität stand im Vordergrund, nicht die gesellschaftliche Problematik.Die Analyse der in der Neonazi-Szene populären Webseite „Altermedia“ erbrachte, dass diese sich kaum mit geschichtlichen Themen beschäftigt, rechtsradikale Parteien skeptisch beurteilt und in der Gesamtschau „eindeutige antisemitische, rassistische und demokratiefeindliche Tendenzen“ aufweise. Die Sprache rechtsradikaler Foren im Internet lasse überwiegend auf jugendliche Nutzer schließen.Wie kann unter jungen Leuten Aufklärungsarbeit geleistet werden? Die befragten Schüler hatten genaue Vorstellungen. Die Websites müssten medial attraktiv gestaltet sein, eine Jugendlichkeit besitzen und Jugendliche dennoch ernst nehmen, multimedial aufbereitet und interaktiv angelegt sein und beispielsweise durch persönliche Erfahrungsberichte von Aussteigern eine persönliche Dimension aufweisen.Wer mehr wissen will: Die Beiträge des Projekts sind mittlerweile als Sammelband publiziert. Übrigens: Christoph Busch beschäftigt sich schon seit etlichen Jahren mit dem Thema Rechtsradikalismus – seit 2002 mit dem Rechtsradikalismus im Internet. Er promovierte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg zum Thema Demokratiepädagogik: „Ich war dort der erste Kriegsdienstverweigerer, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war.“ Sein Doktorvater, Prof. Dr. Wolfgang Gessenharter, gehörte zu den führenden Rechtsradikalismus-Forschern.Seit 2007 forscht und lehrt Busch an der Universität Siegen. Sein Schwerpunkt in der Lehre liegt auf der Methodenausbildung. Zudem arbeitet er an seiner Habilitationsschrift über die Modernisierung des Rechtsradikalismus.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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