Das virtuelle „Ladenlokal“

 Shoppen am Wochenende, stöbern zwischen zwei Vorlesungen – einer der großen Vorteile des Einkaufs im Internet ist die Entkoppelung von Raum und Zeit. Diese Freiheit kann sich der Einzelhandel seinerseits aber auch zunutze machen. Foto: Tim Lehmann
  • Shoppen am Wochenende, stöbern zwischen zwei Vorlesungen – einer der großen Vorteile des Einkaufs im Internet ist die Entkoppelung von Raum und Zeit. Diese Freiheit kann sich der Einzelhandel seinerseits aber auch zunutze machen. Foto: Tim Lehmann
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tile - Vielerorts zeichnen Leerstände eine trostlose Vision von der Zukunft des Einzelhandels. Gestern beschrieb Kollege „jak“, welche Tücken ein Verschwinden des Bargeldes mit sich brächte. Angesichts zahlreicher verwaister Ladenlokale stellt sich indes eine ganz andere Frage: Wo werden wir künftig überhaupt noch Geld ausgeben, sprich einkaufen? Als Schreckgespenst scheint das Internet durch die Hinterzimmer des Einzelhandels zu geistern. Neben infrastrukturellen Hindernissen wird häufig die digitale Konkurrenz dafür verantwortlich gemacht, dass die Kundenzahlen abnehmen. Aber ist sich die Koexistenz zwischen stationärem Handel und E-Commerce, also dem Onlinehandel, tatsächlich unmöglich?

Tatsache ist: „Die Ladenfläche wird deutlich zurückgehen“, weiß Dr. Hanna Schramm-Klein, Professorin für Marketing an der Universität Siegen. Aktuell sei davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren 30 Prozent der Geschäfte in Südwestfalen schließen werden. Es gebe aber auch einen Silberstreif am Horizont: 75 Prozent der Einkäufe werden vermutlich weiterhin im stationären Einzelhandel erfolgen. „Die Aufgabe besteht darin, sich eine erfolgreiche Marktberechtigung und eine loyale Kundschaft aufzubauen und diese zu pflegen“, erklärt die Expertin. Idealerweise werde dafür ein nicht-standardisiertes Sortiment zusammengestellt, „das es dem Kunden ermöglicht, für ihn attraktive Produkte zur richtigen Zeit einzukaufen“. Nischen zu entdecken und zu besetzen, werde demnach noch wichtiger als bisher.

Um sich im digitalen Zeitalter zu behaupten, ist es zudem erforderlich, Scheuklappen abzulegen. Denn für den Einzelhandel ist das Internet nicht nur Fluch, sondern kann auch Segen sein. Dessen müssten sich die Gewerbetreibenden bewusst sein, wünscht sich Marco Butz, zuständig für den Einzelhandel bei der Industrie- und Handelskammer Siegen. Der Großteil der Suchanfragen im Internet beziehe sich auf regionale Angebote. Wer hier nicht gefunden werde, dürfe auf keine allzu rosige Zukunft hoffen. Daher bietet die IHK aktuell Seminare für Einzelhändler an, eine Art Social-Media-Grundkurs. Welche Plattformen gibt es? Wie gehe ich mit Facebook um? Viele Händler benötigten Hilfe, sich dem Thema Internet zu nähern. Andere wiederum hätten zwar eine Onlinepräsenz, die aber hoffnungslos veraltet sei. Als „Schaufenster im Netz“ sei ein zeitgemäßer Auftritt unerlässlich, so Butz, um nicht nur im Netz gefunden, sondern auch wahrgenommen zu werden.

Während die einen noch von der Notwendigkeit einer (grunderneuerten) Homepage überzeugt werden müssen, denken andere schon über den nächsten und sogar den übernächsten Schritt nach. Es gebe zwar kein Patentrezept, sagt Hanna Schramm-Klein, aber eine „Multi-Channel-Strategie“, in der alle Marketing- und Vertriebswege einbezogen werden, sei ein vielversprechendes Modell. „Die Präsenz auf allen Kanälen verspricht höheren Erfolg“, bringt sie die Grundidee auf den Punkt. Wobei es entscheidend sei, die Kanäle sowie die Darstellung so zu wählen, dass sie zum Unternehmen passen.

Es müsse nicht gleich ein eigener Onlineshop sein. Aber wenn, dann müsse er heutzutage auch für Smartphones und Tablet kompatibel sein. Schließlich würden immer mehr User, die im Netz einkaufen, dies vermehrt unterwegs, also mobil, tun. Gerade die „Entkoppelung von Raum und Zeit ist ein Vorteil des E-Commerce“, so die Professorin. Das sei belegbar: Die meisten Online-Käufe würden nach Feierabend oder am Wochenende getätigt – also wenn die Geschäfte bereits geschlossen haben.

Ein Selbstläufer sei der Internetshop indes nicht. „Der Onlineshop ist wie eine zweite Filiale“, warnt die bundesweit gefragte Expertin zum Thema Multi Channel davor, die digitale Verkaufsplattform nur „nebenbei“ zu betreiben. Sinnvoll könne es ggf. sein, das Warenangebot aufzuteilen: ein standardisiertes Sortiment im Netz und eine außergewöhnliche Produktauswahl im stationären Handel.

Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Instagram seien ebenfalls Kanäle, über die viele potenzielle Kunden erreicht werden könnten. An dieser Stelle nur Preisangebote und Rabattaktionen zu bewerben, sei allerdings zu wenig. Wer nachhaltigen Erfolg haben möchte, „sollte seinen Kunden einen echten Mehrwert bieten“, rät Schramm-Klein. Langfristig binde man Kunden nicht über den Preis. Ausführliche Produktbeschreibungen, Tutorial-Videos, individuelle Blogs, z. B. über Mode, Styling, Essen, Einrichten etc., oder kostenlose Expertentipps seien Instrumente der Kundenbindung, die zudem von hoher Beratungskompetenz zeugten.

Das alles ist mit einem hohen Aufwand verbunden. Wer hier nicht als „Einzelkämpfer“ unterwegs sein will oder kann, sucht nach anderen Lösungen. Das Webkaufhaus Attendorn etwa bietet vielen örtlichen Einzelhändlern, Gastronomen und Dienstleistern – neben deren eigenen Homepages – eine digitale Heimat. Kunden sollen mit aktuellen Nachrichten aus dem Handel, Angeboten und Empfehlungen neugierig gemacht werden. Zudem bietet die Plattform eine thematische Orientierung.

Eine solche Wegweiser-Funktion hat auch die App „Siegen Guide“ der Gesellschaft für Stadtmarketing Siegen (GSS). Hier finden Kunden – oder auch Touristen – eine Übersicht der städtischen Händler und Gastronomen sowie Infos über das Freizeit- und Kulturangebot, zu Übernachtungsmöglichkeiten und zum Verkehrsnetz. „In wenigen Jahren werden 80 Prozent des stationären Handels nicht mehr existieren bzw. in ihrer aktuellen Form nicht mehr zukunftsfähig sein“, sagt GSS-Geschäftsführerin Astrid Schneider. Im reaktivierten Arbeitskreis „Siegen handelt“ wolle sich die GSS deshalb für das Thema E-Commerce stark machen. „Zukunftsfähig wird nur der sein, der sowohl stationär als auch digital unterwegs ist.“

Webkaufhaus, digitaler Wegweiser – Hanna Schramm-Klein schaut skeptisch auf derartige „City-Apps“ und regionale Einkaufsplattformen. Es brauche viel Zeit, bis sich solche Seiten etabliert hätten. Den großen Suchmaschinen, mit denen am häufigsten nach regionalen Angeboten gesucht werden, würden sie nie den Rang ablaufen. Häufig seien solche Plattformen zu statisch, nicht aktuell genug und förderten die Kommunikation und Interaktion zwischen Händler und User (Kunde) nicht in der wünschenswerten Intensität. Marco Butz hält solche Darstellungsformen hingegen für immens wichtig. Zahlreiche Händler nähmen ihre Aktivität in solchen Umfeldern nämlich zum Anlass, ihren eigenen Webauftritt (endlich) zu überarbeiten. „Viele Homepages sehen noch aus wie in den 1990er-Jahren“, stellt er fest.

Hat die Region die Entwicklung also verschlafen? Nicht unbedingt, aber sie wacht reichlich spät auf. Trotzdem gebe es einige lokale Anbieter, die sehr erfolgreich mit der Multi-Channel-Strategie fahren, bestätigen Schramm-Klein und Butz unabhängig voneinander. „Meistens in spezialisierten Bereichen“, verrät die Wissenschaftlerin. „Sie haben ,barrierefrei gedacht’ und sich neue Felder erschlossen.“ Manches Unternehmen habe sogar eine Entwicklung vom klassischen Einzelhandelsbetrieb vor Ort hin zu einem Spezialanbieter im Internet vollzogen, dessen verkleinertes Ladenlokal nun eine Art exklusives Schaufenster sei, ergänzt Butz. Das erfordere natürlich ein hohes Maß an Flexibilität und die Bereitschaft, das eigene Geschäftsmodell auf die Möglichkeiten des Internets auszurichten.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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