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SZ-Interview: Homeoffice trifft auf Homeschooling
"Das Wichtigste ist die Verlässlichkeit"

Prof. Dr. Ingo Witzke, Mathematikdidaktiker an der Universität Siegen (links), und Kevin-Lee Hörnberger, Lehrer an der Gesamtschule Eiserfeld, gaben im großen SZ-Live-Interview jede Menge Tipps wie man den Lernerfolg steigert.
  • Prof. Dr. Ingo Witzke, Mathematikdidaktiker an der Universität Siegen (links), und Kevin-Lee Hörnberger, Lehrer an der Gesamtschule Eiserfeld, gaben im großen SZ-Live-Interview jede Menge Tipps wie man den Lernerfolg steigert.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

ch/juka Siegen/Olpe/Betzdorf. Eigentlich müsste das mit dem Homeschooling reibungslos klappen. Schließlich haben Eltern und Kinder schon im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 zu Hausegemeinsam gelernt – und vielleicht auch zwischendurch, weil der eine oder andere in Corona-Quarantäne musste. Doch als am Montag die Schule mitten im zweiten, harten Lockdown wieder losging, waren sie plötzlich wieder alle da, die Fragen zum Unterricht in den eigenen vier Wänden: Wie teilt man den Tag sinnvoll ein? Was ist mit den Pausen? Was ist, wenn der Sohn eine Aufgabe einfach nicht versteht? Und wie und in welcher Lernumgebung schafft es die Tochter, sich zu konzentrieren? Prof. Dr.

ch/juka Siegen/Olpe/Betzdorf. Eigentlich müsste das mit dem Homeschooling reibungslos klappen. Schließlich haben Eltern und Kinder schon im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 zu Hausegemeinsam gelernt – und vielleicht auch zwischendurch, weil der eine oder andere in Corona-Quarantäne musste. Doch als am Montag die Schule mitten im zweiten, harten Lockdown wieder losging, waren sie plötzlich wieder alle da, die Fragen zum Unterricht in den eigenen vier Wänden: Wie teilt man den Tag sinnvoll ein? Was ist mit den Pausen? Was ist, wenn der Sohn eine Aufgabe einfach nicht versteht? Und wie und in welcher Lernumgebung schafft es die Tochter, sich zu konzentrieren? Prof. Dr. Ingo Witzke, Mathematikdidaktiker an der Universität Siegen, und Kevin-Lee Hörnberger, Lehrer an der Gesamtschule Eiserfeld, gaben am Mittwoch im SZ-Live-Talk und am Lesertelefon jede Menge Tipps, die den Lernerfolg steigern. Und die – vor allem, wenn die Mädchen und Jungen im Homeschooling auf Eltern im Homeofficetreffen – die Nerven aller schonen.

Ist die Distanz zu den Schülern gestiegen?
Im Gegenteil, findet Hörnberger. „Wir sind eher näher zusammengerückt“, erklärt der Pädagoge. „Wir sind gemeinsam einen schwierigen Weg gegangen und haben Lösungen gefunden“, zeigt Hörnberger auf.

Welche Rolle spielen die Eltern?
„Ich habe großen Respekt davor, wenn sich Eltern mit ihren Kindern hinsetzen und schauen, dass sie alles mitmachen und beisammen haben. Aber das birgt natürlich auch große Stressfaktoren“, ist sich Hörnberger bewusst. Daher sei es manchmal auch einfacher, das Kind alleine in seinem Zimmer am Unterricht teilnehmen zu lassen. „Die Schulen sind auf einem guten Weg, die Elternhäuser zu entlasten“, ist sich der Lehrer sicher.

Wie wichtig sind feste Strukturen am Tag?
Sehr wichtig, da sind sich die beiden Experten einig. „Wir wünschen uns, dass die Kinder in ihrer alten Struktur drin bleiben und wissen, dass morgens der Schultag beginnt“, erklärt Hörnberger die Vorgehensweise der Gesamtschule Eiserfeld. „Es ist auch wichtig, sich aus dem Trubel zuhause heraus zu nehmen, um sich auch intensiv mit den Inhalten beschäftigen zu können“, fügt Witzke hinzu. Darüber hinaus müssten auch Pausen und Endzeiten klar definiert werden.

Was hat sich für die Lehrer geändert?
„Es ist intensiver und über den Tag verteilter geworden“, erklärt Hörnberger. Durch die digitalen Möglichkeiten über Handys oder Laptops sei man nicht mehr so sehr auf gewisse Tageszeiten begrenzt. „Planungstechnisch ist es auch intensiver geworden. Was früher an die Tafel gezeichnet und dort erklärt worden wäre, muss nun im Vorhinein, zum Beispiel über Videos, visualisiert und den Schülern digital zu Verfügung gestellt werden“, erklärt der Lehrer.

Was wird von der Politik gefordert?
„Das Wichtigste ist Verlässlichkeit“, stellt Witzke klar. Auch schmerzhafte Dinge müssten zeitnah entschieden werden. „Es wäre für alle einfacher, wenn schwierige Entscheidungen nicht am Donnerstag für Montag getroffen würden“, mahnt Hörnberger. „Eltern, Schüler und Lehrer würden davon profitieren.“

Hat man über die Zeit dazu gelernt?
Im Vergleich zum ersten Lockdown habe sich einiges verändert, finden Hörnberger und Witzke. „Die Schulen sind besser auf das vorbereitet, was gerade passiert. Es gibt gewisse Abläufe, die sich eingespielt haben“, findet der Wissenschaftler. Dennoch sei man noch weit davon entfernt, davon sprechen zu können, dass alles perfekt läuft. „Die Schüler haben aber auch gemerkt, dass sie sich jetzt noch intensiver um die eigene Laufbahn kümmern müssen“, erzählt Hörnberger aus der Praxis.

Was kann man für die Zukunft mitnehmen?
Durch die aktuelle Situation entstehen auch viele Möglichkeiten, den Unterricht in Zukunft flexibler und interessanter gestaltet werden kann. „Wir dürfen es nicht wieder so machen wie vor drei Jahren und so tun als wäre nichts passiert“, fordert Witzke. Stattdessen müsse man die fortschrittlichen Dinge aufgreifen und weiter nutzen.

Wie zufrieden sind die Schüler derzeit?
„Die Zufriedenheit ist höher als noch vor dem Sommer“, erklärt Hörnberger aus eigenen Erfahrungen mit seiner Klasse. Die Spielregeln seien mittlerweile klarer als im ersten Lockdown und so sei es für die Schüler auch einfacher, sich mit der aktuellen Situation ein wenig anzufreunden.

Leiden bestimmte Fächer besonders?
Ja, findet Prof. Dr. Witzke. Besonders naturwissenschaftliche Fächer hätten es momentan schwer. „Physik, Biologie, Chemie oder Informatik fallen derzeit ein bisschen hinten runter“, zählt der Mathematikdidaktiker auf. Denn durch den hohen Anteil von Experimenten in diesen Bereichen sei der Zugang noch schwieriger geworden, betont Witzke. „Da muss man beispielsweise Möglichkeiten über Simulationen finden.“ Der Unterricht dürfe sich nicht nur auf Fächer wie Mathe und Deutsch beschränken.

Wie lange kann die Phase andauern?
„Solange es nötig ist“, stellt Witzke klar. Dennoch müsse man, sobald es möglich ist, auch wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren. „Denn Schule besteht ja nicht nur aus dem Lernstoff, der vermittelt wird, sondern auch das Thema Sozialkompetenz spielt eine richtige Rolle. Und das geht nur in Präsenz“, findet der Mathematikdidaktiker. „Auch für die Prüfungsvorbereitung ist das enorm wichtig“, fügt Hörnberger mit Blick auf die zentralen Abschlussprüfungen (ZAP) und das Abitur an.

Wie sollen Schüler und Lehrer mit möglichen Problemen umgehen?
„Der größte Fehler wäre, nicht zu sagen wenn es welche gibt“, betont Hörnberger. Auch bei Schwierigkeiten mit einer nicht vorhandenen Internetverbindung oder mangelhaften Ausrüstung solle man sich an die Schulen wenden. „Man sollte sich auf keinen Fall scheuen nachzufragen.“ Das unterstreicht auch Prof. Dr. Watzke, der davon warnt, dass die Bildungsschere ansonsten aufgrund von unterschiedlichen Voraussetzungen weiter auseinandergehen könnte.

An welchem Ort sollten die Schüler zuhause lernen?
„Es sollte ein ruhigerer Arbeitsplatz sein, losgelöst vom Rest der Familie“, findet Hörnberger. Somit sollte es nicht unbedingt der Küchentisch sein, sondern eher der eigentliche Schreibtisch, an dem auch im normalen Schulbetrieb die Aufgaben erledigt werden. Sonst wäre es auch schwierig, eine gewisse Abgrenzung zur Freizeit oder zu Pausen zu schaffen. „Das ist aber leider nicht überall möglich“, schränkt Witzke ein.

Autor:

Julian Kaiser (Volontär) aus Siegen

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