Dem Diesel geht die Luft aus

 Die Entwicklung ist klar: Die Nachfrage nach Dieselfahrzeugen geht in den Keller. Die Verunsicherung bei vielen Kunden ist groß, berichten auch heimische Autohäuser. Foto: Archiv
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  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

tika - Für ein Umdenken hat die Diskussion allemal gesorgt. Fraglich bleibt, ob selbiges nachhaltig ist. Unter dem Strich steht aber, dass Dieselfahrzeuge derzeit alles andere als hoch im Kurs stehen. Dies jedenfalls geht aus einer Umfrage der Siegener Zeitung in einigen Wittgensteiner Autohäuser hervor. Der andauernde Dieselskandal und drohende Fahrverbote in den Innenstädten sorgen des Öfteren für große Verunsicherung bei den Kunden. Dabei betreffen die Verbote zumindest den Altkreis und seine Peripherie bis auf Weiteres nicht.

„Der Trend ist eindeutig – viele Kunden sind verunsichert“, brachte es Birgit Althaus-Schulz auf den Punkt. Die Geschäftsführerin des Autohauses Althaus in Bad Berleburg hat seit Beginn des Dieselskandals sowie der Diskussion um Fahrverbote eine klare Entwicklung ausgemacht: Viele Kunden setzen beim Neuwagenkauf eher auf einen Benziner. „In den vergangenen ein, zwei Wochen gab es wieder einen leichten Anstieg der Nachfrage nach Diesel-Autos. Und dies ist bei Neufahrzeugen ohnehin kein Problem, unsere Autos erfüllen die Euro-6-Norm – das ist zukunftssicher“, erklärte die Geschäftsführerin aus dem Peugot-Autohaus. Weiterhin nimmt selbiges alte Diesel-Pkw in Zahlung, Abstriche müssen Kunden in diesem Fall aber beim gebotenen Preis machen: „Der Wiederverkauf geht schließlich wiederum nur über den Preis“, erklärte Birgit Althaus-Schulz vielsagend.

Die Geschäftsführerin forderte vor allem mehr Handlungsbereitschaft auf politischer Ebene und sprach sich für eine blaue Plakette aus, die Dieselfahrzeugen die Euro-6-Norm attestiert. „Dieses Vorgehen wäre transparent für alle. Stattdessen schnappt die Mehrheit überall Informationen auf, aber niemand weiß etwas Konkretes“, haderte die Wittgensteinerin aufgrund des durchaus gefährlichen Halbwissens in der gesamten Diskussion.

Ähnlich sieht dies Sven Gesper: „Dass es überhaupt zu dieser Problematik gekommen ist, ist politisch verschuldet. Die Regierung hat es verschlafen, geltende Grenzwerte zu überprüfen. Es war klar, dass die bestehenden Vorgaben nicht ausreichen, um die Auflagen der EU zu erfüllen.“ Der Geschäftsführer des gleichnamigen Mitsubishi-Autohauses in Feudingen wünscht sich vor allem, dass die Dramatik aus der Diskussion weicht. „Viele Kunden wollten schon panisch ihr Dieselfahrzeug verkaufen. Davon kann ich nur abraten, zumal sie in Wittgenstein von etwaigen Fahrverboten nicht betroffen sind. Das gilt für Städte wie Düsseldorf oder Stuttgart – relevanter für uns wäre es, wenn es Städte wie Siegen oder Marburg beträfe“, erklärte der Geschäftsführer, in dessen Autohaus in der jüngeren Vergangenheit eindeutig mehr „Benziner“ als „Diesel“ den Besitzer gewechselt haben.

Grundsätzlich glaubt der Feudinger nicht, dass Fahrverbote in einzelnen Städten problemlos durchsetzbar sind. „Es geht nicht ohne viele Ausnahmen. Ein Beispiel sind da die Handwerksbetriebe, die ihre Diesel-Transporter gerade erst umgerüstet haben, um eine grüne Plakette zu erhalten“, wusste Sven Gesper. Tatsächlich würde ein Fahrverbot ohne Ausnahmen für einige Handwerksbetriebe wohl den finanziellen Ruin bedeuten – vor allem in urbanen Gegenden. Aber auch solche aus heimischen Gefilden, die überregional operieren, müssten beträchtliche Summen zur neuerlichen Umrüstung investieren. Grundsätzlich hat das Autohaus Gesper sein Vorgehen ob der andauernden Diskussion nicht geändert: „Wir nehmen natürlich auch weiterhin Dieselfahrzeuge in Zahlung. Klar ist aber auch, dass dies zu einem etwas geringeren Preis geschieht als noch vor zwei Jahren. Unter dem Strich kann ich aber nur jedem Fahrer eines Dieselfahrzeugs raten, entspannt zu bleiben.“

Dass die Diskussion nicht zuletzt auch den Gebrauchtwagenmarkt empfindlich trifft, daraus machte Stefan Kroh keinen Hehl. „Gebrauchte Dieselfahrzeuge geraten natürlich unter Druck. Das betrifft gerade den Markt in großen Städten, aber auch im ländlichen Raum. Wir nehmen die Dieselfahrzeuge zu einem Preis in Zahlung, zu dem sie auf dem Markt auch wieder zu veräußern sind“, machte der Geschäftsführer des Autohaus Kroh in Bad Berleburg deutlich. Sein Betrieb verkauft sowohl Fabrikate von Opel als auch Toyota. „Die Neufahrzeuge von Opel sind alle mit der Euro-6-Norm ausgestattet – auch wenn noch keine politische Entscheidung gefallen ist, soll dies ja reichen, um weiterhin in Innenstädten unterwegs sein zu dürfen. Der Punkt ist aber ein ganz anderer: Wie die möglichen Verbote letztlich aussehen, ist Kaffeesatzleserei. Letztlich ist die geführte Diskussion eine Scheindiskussion“, konstatierte Stefan Kroh.

Wenig problematisch sieht er die Situation indes auch beim zweiten Fabrikat, dass das Bad Berleburger Autohaus verkauft. „Hybrid-Antriebe sind derzeit ein großes Thema bei Toyota. Bei dieser Marke werden nicht einmal mehr reine Benzin-Motoren groß nachgefragt – der Hersteller wurde für diese Technik lange belächelt, ist aber rückblickend ein Vorreiter gewesen“, wusste der Geschäftsführer. Unter dem Strich mahnte er zur Ruhe: „Jeder Autofahrer in Wittgenstein sollte mal überlegen, wann er zuletzt in einer größeren Innenstadt unterwegs war und wie häufig dies vorkommt.“

Klaus Löcker indes betrachtet die Diskussion mit einer gewissen sachlichen Distanz, die er sich grundsätzlich wünscht. „Das Thema wird viel zu emotional diskutiert. Grundsätzlich gilt es, eine klare Linie zu definieren. Es ist einfach nicht fair, dass die Menschen verrückt gemacht werden“, erklärte der Geschäftsführer des Autohauses Müller in Schameder. Die neuen Dieselfahrzeuge des Mercedes-Händlers sind ohnehin mit der vielzitierten Euro-6-Norm ausgestattet, dennoch steigen viele Kunden auf einen Benzinmotor um. „Die Preise von Dieselfahrzeugen fallen gerade, vor allem bei Fremdfabrikaten“, berichtete Klaus Löcker. Der Geschäftsführer warf einen Blick auf die Alternativen: „Benzin und Elektromotoren sind nicht automatisch umweltfreundlich. Keiner denkt darüber nach, was passiert, wenn wir den Diesel abschaffen. Dann steigt der CO2-Ausstoß drastisch, denn kein Motor verbrennt sauberer als der Diesel.“ Von etwaigen Grenzwerten für Feinstaub in Innenstädten – das Jahresmittel soll bei maximal 40 µg/m3 liegen – hält Klaus Löcker nichts. „Wenn man bedenkt, dass der Mittelwert in Büros im Mittel fünf Mal so hoch sein darf wie auf den Straßen, dann ist die Diskussion schon pervers.“

Klar ist: Die Thematik ist sensibel. Manche Autohäuser wollten sich auch deshalb nicht äußern, andere hielten sich hinsichtlich der Entwicklung der Verkaufszahlen bedeckt. „Der Punkt ist, dass wir in Wittgenstein von drohenden Fahrverboten nicht betroffen sind. Fahrverbote wären aus meiner Sicht grundsätzlich eine Entmündigung des Bürgers und sind schon deshalb nicht durchsetzbar“, erklärte Reiner Völkel. Der Geschäftsführer des gleichnamigen Autohauses in Erndtebrück, das Volkswagen, Audi und Skoda verkauft, wollte sich zur Verkaufsentwicklung nicht äußern. Stattdessen wirbt der VW-Konzern derzeit mit einer Umweltprämie für alte Dieselfahrzeuge – auch auf der Internetseite des Händlers. Ein Schritt des Wolfsburger Autokonzerns, der mehr als tausend Worte spricht.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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