SZ

"Unfassbarer Impfwahnsinn"
Demenz-WG muss sich selbst ums Impfen kümmern

Sönke Hadem ist fassungslos: Links geht es zum Seniorenwohnheim, rechts zum betreuten Wohnen. „8 Meter trennen im Haus Hadem am Donnerstag vor Ort Geimpfte und jene, die sich nun selbst um einen Termin im Impfzentrum kümmern müssen.“ Selbst Bemühungen um einen Sammeltermin in Eiserfeld scheiterten.
  • Sönke Hadem ist fassungslos: Links geht es zum Seniorenwohnheim, rechts zum betreuten Wohnen. „8 Meter trennen im Haus Hadem am Donnerstag vor Ort Geimpfte und jene, die sich nun selbst um einen Termin im Impfzentrum kümmern müssen.“ Selbst Bemühungen um einen Sammeltermin in Eiserfeld scheiterten.
  • Foto: Anja Bieler-Barth
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

nja Kreuztal/Siegen. „Drei Ampullen Impfstoff und 8 Meter trennen ,glücklich geimpft’ und ,leider Pech gehabt’ – und das innerhalb eines Hauses“: Sönke Hadem, Geschäftsführer des Kreuztaler Familienguts Haus Hadem, versteht die Welt nicht mehr und formuliert seine Fassungslosigkeit in einem Brandbrief, der auch das Siegener Kreishaus erreicht hat. Die Überschrift: „Unfassbarer Impfwahnsinn!“ Eigentlich sollten am Donnerstag – im dritten Anlauf wohlbemerkt – alle 39 Bewohner vor Ort ihre erste Corona-Schutzimpfung erhalten. Dieser heiß ersehnte Termin wurde am Montag schriftlich bestätigt. Eine halbe Stunde später aber klingelte das Telefon.

nja Kreuztal/Siegen. „Drei Ampullen Impfstoff und 8 Meter trennen ,glücklich geimpft’ und ,leider Pech gehabt’ – und das innerhalb eines Hauses“: Sönke Hadem, Geschäftsführer des Kreuztaler Familienguts Haus Hadem, versteht die Welt nicht mehr und formuliert seine Fassungslosigkeit in einem Brandbrief, der auch das Siegener Kreishaus erreicht hat. Die Überschrift: „Unfassbarer Impfwahnsinn!“ Eigentlich sollten am Donnerstag – im dritten Anlauf wohlbemerkt – alle 39 Bewohner vor Ort ihre erste Corona-Schutzimpfung erhalten. Dieser heiß ersehnte Termin wurde am Montag schriftlich bestätigt. Eine halbe Stunde später aber klingelte das Telefon. Das Impfzentrum Eiserfeld, so Hadem im SZ-Gespräch, habe mitgeteilt: Anders als bisher geplant, dürften ausschließlich die 19 Bewohner des Pflegebereichs und das Personal geimpft werden. Die derzeit 18 Mieter des „Servicewohnens“ müssten sich nun doch auf den Weg nach Eiserfeld begeben. Hadem: „Dabei sind beide Bereiche hier eine bauliche Einheit!“ 

Krankentransporte organisieren

Grund für die neue Regel ist offensichtlich der fehlende Impfstoffnachschub. „Wir reden hier über drei Ampullen mit Vakzin für die 18 Männer und Frauen, von denen einige hochbetagt sind. Wir sprechen von einem Wert von 90 Euro. Etwa eine Handvoll der Betroffenen ist körperlich nicht in der Lage, sich mal eben ins Taxi zu setzen und ins Impfzentrum zu fahren. Da muss nun in Krankentransporte investiert werden. Ganz abgesehen von den Mühen, jetzt doch noch individuelle Termine zu besorgen.“ Erste Versuche, telefonisch „durchzukommen“, seien schon gescheitert, die Enttäuschung und Verunsicherung unter den Bewohnern sei groß. „Ich habe auch schon im Impfzentrum nachgefragt, ob ich einen Sammeltermin für alle bekomme – aber auch das geht leider nicht.“

"Dem Wahnsinn ein Ende bereiten"

Laut Corona-Schutzverordnung sei er verantwortlich, „erforderliche Maßnahmen zu ergreifen, um den Eintrag von Coronaviren zu erschweren und Patienten, Bewohner und Personal zu schützen“: Das sei bisher mit viel Engagement gelungen. Angesichts der aktuellen Herausforderung fragt er nun aber NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann: „Wie soll das bitte schön funktionieren?“
Hadem fordert Andreas Müller, Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein, auf, die drei fehlenden Ampullen bereitzustellen, „um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten und damit ich meiner gesetzlichen Verpflichtung auch nachkommen kann“.

Kontrolle ja, Impfung nein

Nicht mal fünf Gehminuten vom Haus Hadem versucht auch Dietmar Braun, Geschäftsführer der Stiftung Diakoniestation Kreuztal, seine Wut in den Griff zu bekommen. „Am Montag sollte geimpft werden – am Freitag wurde der Termin gestrichen. Das gilt für alle unsere Bewohner an Martin-Luther-Straße und Ernsdorfstraße“ – also auch für die Mieter 33 betreuter Wohnungen und die zwölf Bewohner der Demenz-WG. Letztere werde alle Nase lang kontrolliert, Heimaufsicht und medizinischer Dienst der Krankenkassen „sorgen dafür, dass wir einen Haufen meines Erachtens fragwürdiger Aufgaben erfüllen“, schrieb er am Mittwoch nach Düsseldorf. Und nun das!

Impfhotline überlastet

Braun an Laumann: „Wir kommen uns veräppelt vor! Wie sollen die Senioren, die sich auf uns verlassen haben, jetzt in absehbarer Zeit einen Impftermin bekommen? Die sogenannte Impfhotline ist permanent so überlastet, dass man sie getrost als Coldline bezeichnen kann! Wir bitten Sie dringend, die Impftermine hier vor Ort zu ermöglichen!“
Er wisse von einer Einrichtung, so Braun im SZ-Gespräch, in der  die erste Impfung in der Tagespflege über die Bühne gegangen sei. Um den zweiten Pikser müssen sich die Betroffenen nun selbst kümmern. Hadem und Braun sind sich beide einig: Mit der viel zitierten Entbürokratisierung der Pflege hat das alles nichts zu tun!

Landrat teilt die Kritik Siegen-Wittgensteins Landrat Andreas Müller teilt die in dem Brandbrief aus dem Kreuztaler Haus Hadem geteilte Kritik zu 100 Prozent. „Es erschließt sich nicht, warum nur Bewohner vollstationärer Pflegeeinrichtungen und nicht auch von Senioren-Wohngemeinschaften vor Ort geimpft werden können, zumal die Wohngemeinschaften in vielen Fällen vollstationären Heimen angeschlossen sind“, teilte der Kreis auf Anfrage mit. Das Impfzentrum des Kreises bemühe sich vehement beim Land – sowohl telefonisch als auch per Mail – auf diesen Missstand hinzuweisen und die erforderlichen Impfdosen zu erhalten. „Bisher gibt es dazu keine Reaktion des Ministeriums.“ Da der Landrat sich im Rahmen der „Vorgaben und Erlasse des Landes bewegen muss und er auch nicht selbst über Impfstoff verfügt, kann er nur eindringlich an das Land appellieren, hier eine unbürokratische Lösung zu finden“.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen