Den Falschen angeklagt

Ein Verfahren vor dem Siegener Schöffengericht war am Dienstag schnell beendet. Der Grund: Man hatte den Falschen angeklagt. Symbolfoto: Archiv
  • Ein Verfahren vor dem Siegener Schöffengericht war am Dienstag schnell beendet. Der Grund: Man hatte den Falschen angeklagt. Symbolfoto: Archiv
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

pebe - Zu „Sondierungsgesprächen“ über Wahrheit, Unwahrheit und ihre Konsequenzen war Richter Uwe Stark „irgendwie“ nicht aufgelegt. Und so belehrte er die Zeugen darüber, dass sie die Wahrheit zu sagen hätten, weil sie sich sonst strafbar machten. Aber er habe „bei keinem von Ihnen Zweifel, dass er die Unwahrheit sagt“. Gemeint war natürlich das genaue Gegenteil dieses Satzes, und als Stark auf seinen Versprecher aufmerksam gemacht wurde, winkte er kopfschüttelnd ab. Lockerer Auftakt zu einem Prozess, der sich um Drogenabgabe drehte und mit einer ermittlungstechnisch falsch verarbeiteten Verwechslung enden sollte.

Etliche Zeugen waren in dem Verfahren vor dem Schöffengericht gegen einen 29-jährigen Mann aus Siegen geladen. Dem warf Staatsanwältin Jahan Memarian-Gerlach vor, er habe vor ziemlich genau zwei Jahren als Erwachsener im Oranienpark in Siegen Betäubungsmittel an einen Jugendlichen abgegeben. An besagtem Nachmittag sei er zu dem bekannten innerstädtischen Drogenumschlagplatz gegangen, um Marihuana zu verkaufen. Als der 14-Jährige Interesse zeigte, sei der Angeklagte zu einem Dritten gegangen, habe diesem einen Geldschein gegeben, woraufhin der Geldschein in die Tasche eines Vierten wanderte, der ihn gegen ein Tütchen mit Drogen ausgetauscht habe.

Damit sei der Angeklagte zu dem Jugendlichen zurückgegangen, der daraufhin einen 20-Euro-Schein gereicht und dafür das Tütchen mit 0,9 Gramm Marihuana bekommen habe. Dem Angeklagten sei die Minderjährigkeit seines „Kunden“ bei der Tat bewusst gewesen, betonte die Staatsanwältin. „Ich möchte ganz höflich sagen“, ließ sich der 29-Jährige ein, „dass ich das nicht war und nichts davon weiß.“ Ob er am fraglichen Tag nicht im Oranienpark gewesen sei, wollte Stark wissen. Antwort: „Um Himmels willen, nein!“ Der Richter griff zum Observationsbericht, rief alle Prozessbeteiligten zum Richtertisch und wies auf ein Foto in den Akten hin. „Das sieht so aus, als könnte es mein Bruder sein“, überlegte der Angeklagte, „aber ich sehe ihn nur von hinten.“ Als der Richter ihn mit zwei Fragenzeichen auf der Stirn ansah, schob er hinterher, er wolle sich da aber nicht festlegen. „Wollen Sie sagen, er dealt?“, fragte Stark. „Um Gottes willen, nein!“, wehrte der Angeklagte ab. Sein Bruder sei einfach viel unterwegs und habe viele Kontakte.

Woran er denn seinen Eindruck festmache, wollte die Staatsanwältin wissen. Er habe die Jacke erkannt, antwortete der Angeklagte. „Woran?“, fragte die Anklägerin. „An der Kapuze“, bekam sie zur Antwort. Woraufhin sie einwandte, Kapuzen hätten ja wohl viele Jacken. Er wolle auch nur sagen, dass es „höchstwahrscheinlich eine Verwechslung sein kann, nicht mehr und nicht weniger“, schob der Angeklagte hinterher. „Von hinten könnte es sogar jeder auf dem Weihnachtsmarkt sein“, bemerkte Stark. Der Polizist damals habe allerdings festgehalten, es sei der Angeklagte. Der damalige jugendliche Käufer des Tütchens mit dem Hanfkraut berichtete, er habe die Drogen bei einem „Dunkelhäutigen“ gekauft. Sie seien erwischt worden, als er mit dem Käufer hinter einem Gebäude verschwunden sei, um „eine zu rauchen“. Den Angeklagten kenne er nicht, „es sind immer neue da“. Nach einem Blick auf das ominöse Lichtbild in der Akte, meinte er: „Bei dieser Person habe ich nichts gekauft.“ Allerdings habe er bei dem Mann eine Zigarette geschnorrt – nach dem Deal.

„Wie sind Sie denn auf den Angeklagten gekommen?“, fragte der Richter den Kriminalbeamten, der seinerzeit im Observationseinsatz am Oranienpark war. „Ich weiß nicht“, entgegnete der, „ob der Vermerk hier angekommen ist, dass es zu einer Namensverwechslung kam.“ Es sei nicht der Angeklagte gewesen, der verdächtigt wurde, sondern sein Bruder. Stark nahm den roten Aktenordner und bemerkte sarkastisch: „Der Vermerk kam nie hier an, der ist sicher an wichtiger Stelle in Verwahrung.“ Und fügte an: „Dann können wir uns den Rest ja sparen.“ Als er die restlichen Zeugen hereinrief, fragte ihn ein weiterer Polizist, ob denn der Aktenvermerk angekommen sei. Stark nickte freundlich: „Ja, aber anders.“ Die Anklage sei ohne Vermerk erhoben worden, „das macht nichts, der Rechtsstaat erträgt das“.

Mit nur einem Satz forderte die Staatsanwältin dann Freispruch, dem der Verteidiger sich knapp und gern anschloss. Das zwei Minuten später gefällte Urteil lautete nicht anders. „Der Sachverhalt ist klar, der Anklage war er nicht bekannt“, bemerkte Stark. Die vorgelegten Lichtbilder seien zudem unbrauchbar gewesen, weil sie nur Rücken zeigten.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen