Den Regenbogen gebogen

Jan Plewka überzeugte im Apollo nicht nur als starker Sänger, dessen Stimme prima zu den Songs passte, sondern auch mit darstellerischen Talenten.  Foto: bö
  • Jan Plewka überzeugte im Apollo nicht nur als starker Sänger, dessen Stimme prima zu den Songs passte, sondern auch mit darstellerischen Talenten. Foto: bö
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Siegen. Rio I. kann nicht mehr kommen. Sissi II. auch nicht. Hoheit beobachtet von ihrer Wolke den Junimond. Und den gebogenen Regenbogen. Aber das Königreich liegt nicht gänzlich in Scherben. Denn die Knappen reiten noch. Aufrecht und mit Stil. Und die (Liebes-)Lieder glänzen wie eine frisch polierte Rüstung. Gute Songs sterben nicht, sagt der Ami, und da hat er Recht. Trotzdem, bei Coverbands und Tribute-Aktionen schadet gesunde Skepsis nie, weil musikalische, zumal selbsternannte, Nachlassverwalter oft Gutes wollen, aber dem Objekt der Verehrung nicht gerecht werden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das war am Samstagabend im fast ausverkauften Siegener Theater der Fall. Bei „Apollo vokal“, die Reihe steht ansonsten meist für die im Siegerland so gerne goutierten A-cappella-Lautmalereien, wurde gerockt. Jan Plewka sang Rio Reiser, und kaum jemand dürfte unberührt durch die kalte Nacht nach Hause gegangen sein.

Am Samstag wäre Rio Reiser 60 Jahre alt geworden. Mit 46 Jahren raffte ihn der Rock-’n’-Roll-Tod dahin. Mit der Politrock-Truppe Ton, Steine, Scherben lieferte er den Soundtrack für die Berliner Hausbesetzerszene und linke Demonstranten: „Keine Macht für Niemand“. Klar, dass Plewka, der Rio Reiser alias Ralph Möbius zum Glück nicht zu imitieren versuchte, sondern sein eigenes Ding drehte, mit der Schwarz-Roten Heilsarmee im Rücken (Applaus für die kompetente Band), bei diesen Gassenhauern die große Keule schwang. Da zeigte manch einer im Saal nostalgisch, denn, sind wir ehrlich, die Zeiten sind Geschichte, noch einmal die emporgereckte Faust, die er sonst nur noch heimlich in der Tasche ballt. Klasse auch „Der Turm stürzt ein“, das die Wirtschaftskrise schon Anfang der Achtziger weitsichtig an die Wand malte. Beim Rauch-Haus-Song, der Hymne der Hausbesetzer, rückten die fünf auf der Bühne, fast pfadfindermäßig die Solidarität beschwörend, ganz eng zusammen, um dann mittels Megafon die Botschaft zu verkünden. Die Antwort kam prompt, denn ein Teil des Publikums erwies sich als ausgesprochen textsicher.

Zu diesem Wir-Gefühl gehört auch, dass Selig-Sänger Plewka und die Schwarz-Rote Heilsarmee durch die Zuschauerreihen ziehen, um Geld zu sammeln. Denn das fehlte Ton, Steine, Scherben nun einmal bei all diesen Solidaritätskonzerten und politischen Aktionen entscheidend. Wie Reiser später sang: Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt die Nerven. Als er dann als Solokünstler „König von Deutschland“ wurde, das der lustigen Melodie zum Trotz durchaus nicht unpolitisch ist, geriet der Ruf in der linken Szene ins Wanken. Dafür wurde der Karl-May- und Stones-Fan plötzlich zur Ikone der deutschsprachigen Rockmusik. Zu Recht, denn seine Texte, die Gefühle so verdichten können, wirken zeitlos. Witzig und poetisch können sie daherkommen, die Liebeslieder wirken gefühlsecht. Schade war am Samstagabend, dass der „Junimond“ als Reggae-Schunkler zum Schluss des regulären Sets zur Stimmungsmache „missbraucht“ wurde. Dieses wunderbare Lied braucht leise Töne.

Jetzt gab es bei diesem Konzert, das mit „Halt dich an deiner Liebe fest“ ganz leise angefangen hatte, stehenden Applaus und kein Halten mehr. Die Combo gab Gas, vor der Bühne und in den Reihen tanzten jüngere und ältere Menschen und selbst der Intendant schüttelte in der „Front-Row“ vor der Bühne Arme und Beine kräftig aus. Das Apollo mutierte zum Club. „Alles Lüge“? Nee, Rock and Roll pur. Nicht glatt geschliffen und auf musikalischen Wohlklang poliert, sondern rau und ungeschliffen. Rio hätte das gefallen, vielleicht hat er dafür ja ganz still und heimlich auf seiner Wolke noch einen Regenbogen gebogen. „Zauberland“ brennt jedenfalls noch …

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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