Denis Scheck sortierte Bücher

 In rasantem Tempo arbeitet sich Literaturkritiker Denis Scheck im Lÿz durch seinen Bücherstapel, der neben „Logorroeh“ auch hervorragende Literatur beinhaltete. Foto: ba
  • In rasantem Tempo arbeitet sich Literaturkritiker Denis Scheck im Lÿz durch seinen Bücherstapel, der neben „Logorroeh“ auch hervorragende Literatur beinhaltete. Foto: ba
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ba - Ein Stuhl, ein Tisch und eine nicht unerhebliche Anzahl an Büchern ließen im Kleinen Theater des ausverkauften Kulturhauses Lÿz in Siegen erahnen, was die Zuschauer zu erwarten hatten: Einen Abend mit dem Literaturkritiker Denis Scheck, der gemäß seinem eher cineastisch anmutenden Programmtitel „The Good, the Bad & the Ugly“ aus den mehr als 90.000 Neuerscheinungen, die hierzulande jährlich den Büchermarkt überschwemmen, aufzeigen wollte „was sich zu lesen lohnt“. „Literaturkritiker dürfen nicht lügen“ lautet sein Credo. Dementsprechend gefürchtet, aber auch mit Spannung erwartet, sind Schecks schonungslos ehrliche Bewertungen, mit denen er u. a. im ARD-Literaturmagazin „Druckfrisch“ und in der SWR-Sendung „Lesenswert“ Leseinteressierte beglückt und gleichzeitig Autoren in angstvolle Erwartung versetzt. Dabei widmet er sich mit Vorliebe den zehn meistverkauften Sachbüchern und Romanen auf der Spiegel-Bestsellerliste, um aufzuzeigen, dass hohe Verkaufszahlen nicht zwingend für gute Qualität sprechen.

Oliver Kahn möge es ihm verzeihen, aber erneut muss erneut ein Satz aus seinem ersten Buch als schillerndes Beispiel für einen Fauxpas fungieren, „Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun“, schrieb Kahn und lieferte damit ungewollt eine Steilvorlage für Denis Scheck, dessen analytisch scharfer Verstand unstimmige Aussagen gnadenlos zerpflückt. Nicht nur bei Promi-Autoren, sondern auch bei preisgekrönten Schriftstellerinnen wie Nino Haratischwili, deren Roman „Die Katze und der General“ ihm „nicht so gelungen“ erscheint, auch da er die astronomische Ahnungslosigkeit der Autorin offenbare. „Da verliere ich jedes Vertrauen“, resümiert Scheck, bevor er im Schnelldurchgang den Titel „Kann weg“ von Susanne Fröhlichs Roman wörtlich nimmt („zu vulgär“), um ihm unerbittlich „Ohne meinen Mann wär ich glücklich verheiratet“ von Monika Bittel („dürftig getarnter Egoismus“) folgen zu lassen. Als „Logorrhoe“ bezeichnet er Werke, in denen die kausalen Zusammenhänge fehlen, und verweigert dem vielversprechenden Titel, „Warum wir wollen, dass Sie reich werden“ von Donald Trump und Robert T. Kiyosaki seinen Zuspruch. Ungebremst auf dem Bühnenboden des Lÿz landet anschließend das „selbstbewusste Männerbuch“ von Kollegah mit dem aussagekräftigen Titel „Das ist Alpha“. Ein Werk, das Denis Scheck schlussfolgern lässt, die Spiegel-Bestseller-Liste als Warnung zu verstehen mit der simplen Aussage: Bitte nicht lesen!

Überzeugende Literatur muss wohl auf weniger ausgetretenen Pfaden gesucht werden. „Mein Leben als Sohn“ von Philip Roth, der „Literatur souverän in Realismus verwandelt“, überzeugt den Kritiker dabei ebenso wie Daniel Kehlmanns „Tyll“, ein, wie er meint, „herausragend guter Roman“ oder auch „Heimat“ von Nora Krug, die sich literarisch und grafisch auf familiäre Spurensuche begibt und ein Buch kreiert hat, das laut Scheck „in die Hände von jedem gehört, der sich ein bisschen für Geschichte und Heimat interessiert“. Scheck arbeitet sich immer rasanter durch die Bücherstapel auf seinem Tisch, verweist auf das neue Werk von Michael Ondaatje, „Kriegslicht“, das einen mit dem ersten Satz am Haken habe, streift Jonas Jonasson, J. R. R. Tolkien, Gabriel Tallent oder auch Svenja Flasspöhler, die in „Die potente Frau“ mit den Strömungen des Feminismus abrechnet.

Einen kurzen Blick gönnt er auch den Sachbüchern inklusive provozierender Gartenliteratur von Christian Feierabend („Garten ist Krieg“) und Rezepten („Unsere Waldküche“) der TV-Köche Martina (Martina Meuth) und Moritz (Bernd Neuner-Duttenhofer), bevor er den Literaturexkurs mit der Empfehlung für drei Bücher beschließt, die ihm besonders am Herzen liegen: „Edison“ von Torben Kuhlmann, „Geschöpfe“ von Judith Kerr sowie passend zum Fontane-Jahr 2019, „Emilie und Theodor Fontane. Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles“, einen Briefwechsel, der tiefe Einblicke in „die DNA einer guten Ehe und wie man es vielleicht nicht machen sollte“ gibt. Mit diesem literarischen Sahnehäubchen schließt er einen unterhaltsamen und lehrreichen Abend ab, der sicherlich manchen Besucher animiert, schleunigst die nächste Buchhandlung aufzusuchen.

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