Denkmalschutz: Aufschub in Sicht

Gut 400 Menschen strömten gestern Abend zur Informationsveranstaltung in die ev. Kirche

sob Geisweid. Ad acta gelegt ist die Kontroverse um den Denkmalschutz für die Vordere Wenschtsiedlung nicht. Aber wenn der Vorschlag von Bürgermeister Ulf Stötzel bei der gestrigen Einwohnerversammlung in der ev. Kirche greift, dann könnte der Konflikt zumindest vertagt werden – etwa um ein Jahr. So regte der Bürgermeister vor rund 400 Wenscht-Bewohnern an, zunächst das Bebauungsplanverfahren und die Gestaltungssatzung unter Dach und Fach zu bringen, und auf dieser Basis anschließend über den Denkmalschutz zu entscheiden. Ein Vorschlag, mit dem Stötzel nach eigenem Bekunden zuvor auch im politischen Raum auf Zustimmung gestoßen war und für den er auch in der Versammlung Applaus erntete.

Auch Dr. Hans Hanke vom Westfälischen Amt für Denkmalschutz, auf dessen Gutachten die geplante Unterschutzstellung fußt, sagte zu einer solchen Verabredung nicht grundsätzlich Nein: »Wenn wir uns darauf einigen können, dass wir die Baumaßnahmen bis dahin nicht laufen lassen, wäre das sinnvoll. Aber es muss schnell gehen.«

Schnell, das hieße etwa ein Jahr, denn diese Zeit benötigt die Stadt nach überschlägiger Kalkulation des Bürgermeisters vom Aufstellungsbeschluss bis zum Inkrafttreten des neuen Bebauungsplans schon. Die Zeit soll laut Stötzel genutzt werden, um die Überarbeitung des aus dem Jahr 1976 stammenden Bebauungsplans voranzutreiben, öffentliche Parkflächen, Raum für Garagen und Carports und anderes mehr auszuweisen und sich mit den Anwohnern hinsichtlich ihrer Aus- oder Umbauwünsche zu beraten und möglichst auch zu verständigen. Damit es zwischenzeitlich zu keinen baulichen Verwerfungen kommt, sollen laut Stötzel im Zuge des Aufstellungsbeschlusses für den Bebauungsplan nicht passende Bauvorhaben um ein Jahr zurückgestellt werden.

Soweit der Stötzel-Plan. Was für die Wenscht-Anwohner dabei herumkäme, bleibt abzuwarten. Entscheidend für sie dürfte sein, inwieweit der Bebauungsplan ihre Wünsche und Vorstellungen berücksichtigt und inwieweit bei seiner Erstellung das Münsteraner Amt für Denkmalschutz bereits »begleitend« und vielleicht auch kopfschüttelnd mit am Tisch sitzt.

In der Sache selbst wurden sich Anwohner und Denkmalschützer nämlich auch gestern Abend nicht einig. Während Hanke, unterstützt von Stadtbaurat Joachim Brune und Stadtplanerin Isabel Rehm den Denkmalschutz als unabdingbar für den Erhalt einer »in NRW einmaligen Nachkriegssiedlung« priesen, sahen sich die Anwohner bevormundet und die Wohnqualität durch behördliche Auflagen torpediert. Der 82-jährige Herbert Dickfoss sprach da vielen aus der Seele: »Wir haben aus diesen kleinen Häusern das Beste gemacht, und das werden wir auch in 50 Jahren noch haben, ohne den Denkmalschutz.« Insgesamt spiegelte die trotz der mitschwingenden Emotionen sachlich geführte Diskussion den Kernkonflikt wider: Den Denkmalschützern geht es um den Erhalt des als bundesweite Besonderheit ausgemachten Siedlungs-Ensembles, den Bewohnern aber vorrangig um den praktischen und Veränderungen unterworfenen Wohnwert, den sie durch Auflagen des Denkmalschutzes behindert sehen. Wem nutzt, so fragte der ehemalige Stahlwerke-Betriebsratschef Peter Schäfer in die Runde, ein denkmalgeschützes Haus, wenn niemand mehr darin wohnt und es zur Bauruine verkommt? Eine Antwort bekam er vom Podium nicht.

Auch Landrat Paul Breuer, Anrainer der anvisierten Siedlung und Aufsichtsratsvorsitzender ihres größten Immobilieneigentümers, der Kreissiedlungsgesellschaft (KSG), stieg in die Eisen. Offenkundig um das Behörden-Handeln mit einem Fragezeichen zu versehen, zitierte er aus einem internen Brune-Schreiben an die KSG-Geschäftsführung, in dem Brune die KSG bittet, die Durchführung einer zuvor erteilten Baugenehmigung für technisch erforderliche Umbauten an einigen KSG-Häusern noch einmal zu überdenken. Und die Stadt Siegen erinnerte der Landrat daran, dass sie Herr des Verfahrens und Hanke gegenüber der Stadt nicht weisungsberechtigt sei. Und an Hanke direkt gewandt: »Sie sind nicht der oberste Denkmalschützer des Landes, das ist immer noch der Bauminister.« Bürgermeister Stötzel zeigte sich »reichlich erschüttert über das, was ich hier hören musste«. Und reagierte scharf: »Wir benötigen keine Hinweise des Landrats, wir wissen um unsere Zuständigkeiten.«

Ein Nachgespräch ist also nicht nur in der Frage des Denkmalschutzes in den kommunalen Gremien vonnöten, ein Nachgespräch dürfte es auch zwischen Breuer und Stötzel geben. Frage ist nur: Wer ruft wen wegen eines Termins an?

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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