Der Ball ist rund - und die Raute kippt um

Wenn es einen gibt, der persönlich für die sportliche Wiederauferstehung der Siegener Fußballer "haftet", dann der Gelsenkirchener Trainer Michael Boris, der den Spielern die Struktur und Ordnung des modernen Fußballs erläutert und eintrainiert hat. Foto: cst
  • Wenn es einen gibt, der persönlich für die sportliche Wiederauferstehung der Siegener Fußballer "haftet", dann der Gelsenkirchener Trainer Michael Boris, der den Spielern die Struktur und Ordnung des modernen Fußballs erläutert und eintrainiert hat. Foto: cst
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

geo - Das beliebteste Spiel der Deutschen hat auch ein anderes "Spiel" beliebt gemacht - nämlich das mit der deutschen Sprache. Sepp Herbergers elementaren Grundsätze des (Ball-)Lebens waren deshalb so einprägsam, weil sie jeder verstand. Mittlerweile bedient sich auch die hohe Politik der gelebten Floskeln und weiß, dass ein Spiel eben doch "immer 90 Minuten dauert", wenn man damit ausdrücken will, dass Entscheidungen noch nicht gefällt wurden. Und der Satz, dass "nach dem Spiel stets vor dem Spiel" ist, wurde längst zum Kulturgut, weil ja auch nach der Wahl wieder "vor der Wahl" ist.

Die Feinjustierung von Sprache macht natürlich auch vor Journalisten
nicht halt, vor Sportjournalisten schon gar nicht. Da wird "genetzt"
und "eingelocht" und zuweilen die "Murmel geledert". Auch der
berüchtigte Hang zu Anglizismen ist am Genre der Sportschreiber
natürlich nicht spurlos vorüber gegangen, weshalb "Keeper" sich dem "Top-Scorer" in den Weg stellen, was im übrigen noch befremdlicher
klingt als der schon altehrwürdig eingedeutschte "Goalgetter". Doch
wenn die Sprache des Fußballs so ist und "auf'm Platz" eben "wichtig
ist", dann darf das geschriebene Wort in Maßen sich dem Wort- und
Sprachschatz seiner Leser annähern - man will ja gelesen und verstanden
werden.

Immer mehr "Fußball-Versteher"

In jüngerer Zeit aber scheint das einst so einfache Spiel ("Ball rund
muss in Tor eckig") seine einfachen Wahrheiten zwanghaft abstreifen zu
wollen. Gut ist heute offenbar nicht mehr, wenn man "den Gegner früh
stört" - was unsereins noch mit dem leicht sperrigen "Fore-Checking"
adaptierte. Gut ist heute, wenn man "aggressiv gegen den Ball
arbeitet", so als verberge sich wirklich ein geheimes, vielleicht gar
vierbeiniges, Monster in dem längst nicht mehr ledernen Spielgerät.
Immer mehr Medien machen es sich zur Aufgabe, Lesern und TV-Zuschauern
das Spiel neu zu erklären, so das ZDF-Sportstudio mit seiner
3D-Analyse, so immer häufiger wahre "Fußball-Versteher" in
einschlägigen Magazinen. Die große Frage, die sich einer kleinen Sportredaktion wie der Siegener Zeitung dabei stellt, ist die, ob auch wir unseren Lesern das
Fußballspiel so erklären sollen, als wollten wir den
Fußball-Lehrer-Lehrgang mit der "Note 2" abschließen.

"Fluidales Mittelfeld"

Sollen wir vom "fluidalen Mittelfeld" oder von "freien
Aufrückbewegungen" berichten, oder dass "die Raute umkippte"? Sollen in
unseren Sportberichten die Flügelspieler "breiter stehen" (was übrigens
nichts mit der zu Lockerungsübungen einst angeordneten Grätschstellung
gemein hat). Ja, wir könnten dem Stürmer attestieren, das er wegen "des fehlenden
Zehners isoliert" gestanden habe, dass aber immerhin die
Mittelfeldspieler "situativ nachgerückt" seien. Sie dürfen sich dann
nicht wundern, wenn "Halbräume" - was für ein absurder Begriff - "schwer zugänglich" erscheinen. Und wenn Sven Michel künftig "höher"
steht, hat er keineswegs Schraubstollen der Länge 42 gewählt.

Vielleicht wird Siegens Mittelfeld in der Rückrunde ein "kontrolliertes
Zirkulationsspiel im engen Zentrum" aufbauen und Alexander Hettich "Schnittstellen öffnen", was ihn im übrigen nicht zum blutsaugenden
Fußball-Vampir werden lässt. Sicherlich ist es wichtig, denjenigen, die da waren, kompetent zu
erklären, warum ein Spiel so oder so ausging. Und auch diejenigen, die
von einem Spiel nur aus der Zeitung erfahren, sollen das Gefühl
erhalten, dennoch dabei gewesen zu sein.

Großwesir des modernen Fußballs

Doch was ist dazu Ihre Meinung? Sollen wir uns zu verbalen "Spielverlagerern" weiterentwickeln und Einzelunterricht bei Michael
Boris beantragen, den wir durchaus auf das Höchste schätzen, der aber
die "Tiefe" des Fußballspiels manchmal so rasant ver-theoretisiert,
dass man am liebsten die Klappe hält und eifrig nickt, um gegenüber dem
lokalen Großwesir des modernen Fußballs nicht als fußballerischer "Vollpfosten" dazustehen?

Klar, eine Sportredaktion sollte mit der Zeit gehen und immer auf
Augenhöhe agieren. So eine Zeitung kostet schließlich auch montags 1,30
Euro. Sollen wir also "tiefer verteidigen" und "höher pressen"? Oder
genügt es, zu erklären, dass man sich vorne nicht durchsetzen konnte
und hinten offen wie ein Scheunentor war? Sagen Sie uns doch Ihre Meinung, "klicken" sie auf die kleine Weltkugel rechts oben und schicken Sie uns eine E-Mail an sport@siegener-zeitung.de. Wollen Sie
Fußball lieber erklärt bekommen oder lieber einfach verstehen? 

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.