Der »Barbier vom Hofbach-Stadion«

Raue Luft bei den »Sportfreunden«:

Spieler wurden offenbar »rasiert« / Bettenstaedt fällt aus / Kassels Wiederauferstehung

geo Siegen. Vor der heutigen Abfahrt der Siegener »Sportfreunde« zum Auswärtsspiel der Regionalliga Süd bei Aufsteiger Hessen Kassel machte ein Spruch aus Spielermunde die Runde: »Diese Woche sind wir ganz schön rasiert worden!« Nun haben die Siegener keineswegs einen Friseur eingestellt, und allgemeine Verschönerungsaktionen standen angesichts zweier 1:2-Niederlagen in Folge auch nicht auf dem Programm. Vielmehr handelte es sich natürlich um des Wortes geflügelter Bedeutung - soll heißen: bei den »Sportfreunden« ging es diese Woche derbe rund.

Also befragten wir Trainer Ralf Loose nach den Übungsabläufen, doch der wiegelte ab, wie immer mit der üblichen Prise schwarzen Humors: »Wenn die Spieler das als Rasieren empfunden habe, dann weiß ich es nicht. Das war ja eher harmlos. Aber vielleicht hat ja der eine oder andere das mit einem Training bei Mario Basler oder so verwechselt.«

Aber ganz so »eher harmlos« war es dann doch nicht, denn so trocken wie lapidar hängte Siegens Cheftrainer an: »Wir konnten nach diesen beiden Niederlagen doch nicht zur Tagesordnung übergehen. Wir haben sehr intensiv trainiert, und jetzt sind mehrere Spieler angeschlagen.« Wir fragten höflich nach, ob es bei den Trainingsspielen vielleicht ein wenig rüde zugegangen sei, wodurch sich folglich die Blessuren erklären ließen. Dann Loose: »Wir haben es jetzt in zwei Spielen versäumt, in der 1. Halbzeit zu laufen. Also sind wir im Training viel gelaufen. Aber vielleicht ist die Belastung für einige Spieler ja doch zu hoch!«

Hoppla! Nachtigall ick hör dir tapsen! War das nun etwa eine versteckte Kampfansage ans kickende Personal! Denn die Liste der angeschlagenen Spieler ist kein Geheimnis. Til Bettenstaedt fällt mit einer Hüftzerrung definitiv aus (gestern). Hinter dem Einsatz von Thomas Richter, Peter Nemeth und Daniel Bogusz stehen Fragezeichen (Robert Vujevic und Marco Laaser waren schon vorher ausgefallen).

Wer Looses Rhetorik Woche für Woche einsaugt, weiß natürlich zu genau, dass in den vergangenenen Tagen im Trainingsquartier Hofbach-Stadion eben doch das Barbier-Messer gezückt und mächtig »rasiert« wurde. Ihr Fett bekamen gestern gleich noch die Bank-Akteure mit ab. Nein, das Testspiel in Marburg habe keine neuen Erkenntnisse gebracht. Najeh Braham (immerhin zweifacher Torschütze in besagtem Übungskick am Dienstag) sei fit, trumpfe aber nicht so auf, wie er, Loose, sich das so vorstelle. »Sechs, setzen!«

Bleibt die Frage, wer morgen im Aue-Stadion überhaupt die Gnade findet, ein Trikot mit Rückennummer hinten und Kfz-Kennzeichen vornedrauf zu tragen. Fast sicher erscheint die bereits vor einer Woche ernsthaft erwogene Variante, Alexander Blessin als einzige echte Spitze aufzubieten. Gaetan Krebs könnte seinen Part dahinter übernehmen. Marcel Heller käme wie immer aus dem Nichts. Das lag bei ihm zuletzt meist auf der linken Seite. Doch dann wird es schon eng, was das offensive Personal angeht. Denis Berger, Andreas Nauroth, Youssef Sofiane - des Trainers Augen leuchten nicht gerade hell bei diesen Namen. Er wiegelt ab: »Vielleicht nehmen wir heute ein paar Spieler mehr nach Kassel mit, da noch ungewiss ist, wer spielen kann.«

Am Ende wurde dann auch noch über Kassel geredet, jene Metropole Nordhessens, die sich als Kunst- und Kulturstadt einen Namen gemacht hat und die exakt am Sonntag vor 63 Jahren bei einem verheerenden Luftangriff in Schutt und Asche versank. Weniger bedeutsam waren die Nachkriegsschlagzeilen des 1946 gegründeten KSV Hessen Kassel in sportlicher Hinsicht. Immerhin klopfte man mehrfach ans Tor zur Bundesliga, wobei auch der im Dillkreis groß gewordene Peter Cestonaro als Torjäger seinen Anteil hatte. Danach setzte eine Talfahrt mit zwischenzeitlicher Vereinsumbenennung ein Den Tiefpunkt erreichte der neue, aber auch schon wieder bankrotte FC Hessen Kassel 1998. Der ganz »neue« KSV Hessen Kassel startete sodann in der Kreisliga A und schaffte nun den Sprung in die 3. Liga. Auf einen phänomenalen Start folgte eine ebensolche Talfahrt, vor den Augen des Siegener Trainers dann aber am Samstag ein beachtliches 2:2 beim 1. FC Saarbrücken.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.