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Fachleute geben der Fichte keine Chance
Der Borkenkäfer bleibt bis zum bitteren Ende

Die heimische Landschaft hat sich sehr verändert, in vielen Ortslagen erkennt man sie nicht wieder. Was passiert mit den von kranken und abgestorbenen Fichten geräumten Flächen? Zwei Jahre warten und dann punktuell pflanzen, sagt das Forstamt. Doch an einigen Stellen sieht man bereits Fichten-Nachpflanzungen in Reinkultur.
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  • Die heimische Landschaft hat sich sehr verändert, in vielen Ortslagen erkennt man sie nicht wieder. Was passiert mit den von kranken und abgestorbenen Fichten geräumten Flächen? Zwei Jahre warten und dann punktuell pflanzen, sagt das Forstamt. Doch an einigen Stellen sieht man bereits Fichten-Nachpflanzungen in Reinkultur.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

goeb Siegen/Bad Berleburg. Waldbesitzer suchen stets nach Baumarten, die wenig Arbeit machen. Die Fichte, der „Brotbaum“ unserer Region, ist so eine Baumart – oder sollte man besser sagen: Sie war es? Spaziergänger und Wanderer entdecken hier und da – in letzter Zeit sogar wieder vermehrt – Nachpflanzungen der Fichte in Kultur.
Auf die Frage, ob die Fichte hier noch eine Zukunft hat, zögert Forstamtsdirektor Manfred Gertz mit der Antwort. „Wenn es genug Regen gibt, ja“, sagt er zögerlich und meint eigentlich nein, denn seine Erläuterungen zum Phänomen der Trockenheit in den vergangenen Jahren weisen in eine andere Richtung. „Der Klimawandel ist da, und es besteht wenig Anlass zur Hoffnung, dass es in Zukunft regelmäßig ausreichend Niederschlag gibt und uns Dürreperioden erspart bleiben.

goeb Siegen/Bad Berleburg. Waldbesitzer suchen stets nach Baumarten, die wenig Arbeit machen. Die Fichte, der „Brotbaum“ unserer Region, ist so eine Baumart – oder sollte man besser sagen: Sie war es? Spaziergänger und Wanderer entdecken hier und da – in letzter Zeit sogar wieder vermehrt – Nachpflanzungen der Fichte in Kultur.
Auf die Frage, ob die Fichte hier noch eine Zukunft hat, zögert Forstamtsdirektor Manfred Gertz mit der Antwort. „Wenn es genug Regen gibt, ja“, sagt er zögerlich und meint eigentlich nein, denn seine Erläuterungen zum Phänomen der Trockenheit in den vergangenen Jahren weisen in eine andere Richtung. „Der Klimawandel ist da, und es besteht wenig Anlass zur Hoffnung, dass es in Zukunft regelmäßig ausreichend Niederschlag gibt und uns Dürreperioden erspart bleiben.“

Drei große Dürren haben die Fichten in der Region vernichtet

Drei aufeinanderfolgende Dürren haben ab 2018 große Teile der Fichtenbestände im Sieger- und Sauerland vernichtet. Zwar meinte man die hochgelegenen Bestände in 600 Metern Höhe in Sicherheit, doch selbst dort frisst der „Sargnagel“ der Fichte, der Borkenkäfer, inzwischen in den Beständen.
Das Insekt werden auch regenreiche Sommer und kalte Winter vorerst nicht verscheuchen. „Die Messe ist gelesen, fürchte ich“, entgegnet Gertz. Zu viele Generationen des Schädlings hat es gegeben, das feuchte und kühle Jahr 2021 kann, wenn es für den Forst gut läuft, vielleicht eine weitere Generation des Käfers verhindern. „Dem Käfer an sich schadet jetzt nichts mehr, es sind einfach zu viele“, sagt Gertz. Das bedeutet auch: „Wer jetzt Fichte pflanzt, geht ein hohes Risiko ein. Deshalb raten wir davon ab.“

Forstdirektor Manfred Gertz.

Laut Gertz wird nur die rapide Abnahme seines Wirtsbaums den Käfer stoppen können. „Und wir wissen auch nicht, wie er sich verhält, wenn Altbestände nicht mehr in dem Maße zur Verfügung stehen wie bisher. Wir erleben jetzt schon, dass immer jüngere Bestände vom Käfer heimgesucht werden.“
Von den knapp 48.000 Hektar Fichte im Kreis Segen-Wittgenstein ist etwa die Hälfte geschädigt, erfährt man weiter. Nicht überall gleichmäßig. „Die Fichte an klimatisch milderen Standorten wie in Burbach oder Bad Laasphe hat den Käfer schon früher zu spüren bekommen“, erläutert Gertz. Entsprechend sieht es dort bereits aus.

Weiterhin große Populationen des Borkenkäfers

Natürlich schaut Förster mit Argusaugen darauf, was der kleine bullige Sechsbeiner gerade tut. Den Hauptflug verzeichnete man in der 22. Kalenderwoche (Anfang Juni). Man lockt den Käfer in Fallen, wiegt dessen Masse ab und kann so Rückschlüsse ziehen auf seine Dichte. Dass sich wieder 30.000 Käfer in den regelmäßig kontrollierten Fallen befanden (ein Spitzenwert), lässt auf permanente Flugaktivitäten schließen.

Acht Wochen benötigt der Käfer bis zur Geschlechtsreife. Im September wäre die zweite Generation fertig. Wäre es dann wirklich mal herbstlich, könnte das der Paarungslust zwar einen Dämpfer versetzen und eine dritte Generation dieses Jahr vereiteln. „Leider haben wir es aber auch mit sogenannten Geschwisterbruten zu tun“, erklärt der Fachmann. Besonders paarungsfreudige Käferweibchen bewerkstelligen eine zweite Eiablage, ehe sie sterben. Gertz gibt den Anteil der überwinternden Tiere mit 20 Prozent an. „Deshalb ist davon auszugehen, dass die Populationsdichte weiterhin hoch sein wird.“

Ein mittlerweile gewohntes Bild in der Region: Der Fichtenwald stirbt.

Fichtenbäume wird es in Zukunft trotzdem geben, das liegt an der Naturverjüngung des Baumes, da viele Samen im Boden lagern. Aber auch viele andere Arten keimen. „Deshalb raten wir zur Ruhe. Am besten wartet man zwei Jahre ab, ehe man Schritte unternimmt“, so der Chef des Regionalforstamtes. „Das predigen wir gegetsmühlenartig.“

Forstamt entwickelt App zum Thema Naturverjüngung

Birke, Eberesche, Faulbaum, Wildkirsche – begleitet von Fingerhut und Fuchskreuzkraut: Bunt gemischt reckt sich der neue Wald. Das verschafft Zeit. Man kennt das von vielen Waldflächen, die nach dem Orkan Kyrill entstanden sind.

„Man muss dann gar nicht so viel nachpflanzen, wie es anfangs scheint“, ergänzt Gertz. Von 870 Hektar geschädigtem Staatswald im Kreis ist dies schätzungsweise bei der Hälfte der Fläche der Fall. „Wenn es gut läuft, vielleicht nur bei 30 Prozent.“ Das Forstamt entwickele zurzeit eine App zum Thema Naturverjüngung, die eine Inventur erlaube und die Planung erleichtere.

Von der Durchmischung verspricht man sich einen robusteren und auch klimatisch widerstandsfähigeren Wald als bei Monokulturen. Einen Nachteil kann man allerdings nicht wegdiskutieren. Solche Aufwuchsflächen sind perfekte Wildeinstände. Und Wild in hoher Dichte ist wegen Knospenverbiss der schlimmste Feind junger Bäume.
Die nächste große Regionalkonferenz soll sich deshalb laut Gertz genau diesem Thema widmen. Pächter und Verpächter müssen eine finanzielle Übereinkunft finden, auch stelle der Staat Fördergelder u. a. für Hochsitze und Schussschneisen in Aussicht.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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