Der Gastgeber entscheidet

 Aus der Klosterbibliothek lässt sich der Innenhof beim Pontifikalamt perfekt überblicken.  Abtpräses Anselm van der Linde hatte eine klare Botschaft mitgebracht.
  • Aus der Klosterbibliothek lässt sich der Innenhof beim Pontifikalamt perfekt überblicken. Abtpräses Anselm van der Linde hatte eine klare Botschaft mitgebracht.
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damo - Traditionen pflegen und mit ihnen brechen: Beides hat seine Berechtigung – das wurde am Donnerstag in Marienstatt mehr als deutlich.

Einerseits nämlich lebt die Große Wallfahrt von der Tradition: Wie sonst ist die enorme Strahlkraft der Veranstaltung zu erklären? Auch hierzulande kann ein durchschnittlich begabter Erstklässler in vielen Kirchen problemlos die Gottesdienstbesucher zählen – aber gleichzeitig machen sich alljährlich einige tausend Wallfahrer am Donnerstag nach Fronleichnam zu Fuß auf den Weg zum Zisterzienser-Kloster.

Sicher spielen auch pilgernde Promis eine Rolle, und dass „Kirche immer dann besonders attraktiv ist, wenn sie besondere Ereignisse bietet“, passe ins „Zeitalter der Eventkultur“, lieferte Pater Ignatius im Gespräch mit der SZ weitere Erklärungen für die ungebrochene Bedeutung der Wallfahrt. Aber auch der neue Wallfahrtsleiter ist sich im Klaren darüber, „dass die Tradition wohl der stärkste Grund ist“.

In der Tat: Dass es für viele Katholiken in der Region selbstverständlich ist, nach Marienstatt zu pilgern, kristallisierte sich auch in den Gesprächen mit den Pilgern heraus. Heinz Bunse aus Brachbach zum Beispiel: Er hat Zeit seines Berufslebens immer seinen Urlaubsbeginn auf den Wallfahrtstag gelegt: „Das ist ein ungeschriebenes Gesetz, bei der Wallfahrt dabei zu sein.“ Ähnlich sieht das die 22-Jährige Franziska Weib aus Rosenheim. Die Studentin hat selbstverständlich gestern nicht im Hörsaal in Koblenz gesessen: „Da hab’ ich nicht überlegen müssen. Ich war bestimmt schon 20-mal dabei, das ist einfach ein Muss.“

Und für Carina Helmert, ebenfalls aus Rosenheim, ist es beinahe ein Naturgesetz, dass diesmal auch ihre Tochter nach Marienstatt gepilgert ist: „Sie hat in zwei Jahren Kommunion. Ich habe ihr erklärt, worum es geht und dass es kein Spaziergang mit Rumtoben wird. Und sie hat sich darauf gefreut. Für mich ist es wichtig, solche Traditionen zu pflegen.“

Manchmal aber lohnt es auch, mit Traditionen zu brechen, scheinbar unverrückbare Eckpfeiler anzutasten und zu verschieben. Ein aktuelles Beispiel dafür lieferte gestern Abt Anselm van der Linde in seiner Predigt. Die kam bei den Gläubigen so gut an, dass auf dem Abteihof spontaner Beifall aufbrandete – während der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki sicher keinen Spaß an den Ausführungen van der Lindes gehabt hätte.

Denn der zeigte klare Kante: Er rückte den gemeinschaftsbildenden Charakter des Abendmahls in den Mittelpunkt seiner Predigt und sprach sich zugleich entschieden dagegen aus, Menschen davon auszugrenzen. „Die Entscheidung, ob ein Mensch zur Teilnahme würdig ist, liegt nicht bei der Gemeinschaft, sondern beim Gastgeber Jesus Christus“, erteilte er Woelkis Kurs eine klare Absage. Brot und Wein seien Segensgaben, die die Menschen an Gottes Liebe teilhaben ließen: „Wir sind eingeladen, in unserer Verschiedenheit angenommen zu werden.“

Diese Sichtweise verdankt der Abtpräses der Zisterzienser-Kongregation sicher auch seiner Vita: Er ist in Südafrika aufgewachsen und vom Calvinismus zum katholischen Glauben konvertiert. Und mit seinem Blickwinkel sprach er offenbar vielen Menschen aus der Seele: Die Pilger gestern bedachten ihn mit langanhaltendem Applaus. Wen wundert’s: Schließlich wird auf Gemeindeebene schon seit Jahren sehr offen (und vor allem selbstverständlich) mit dem Thema Ökumene umgegangen. Und im Angesicht von Kriegen, Hunger, Ungerechtigkeit und einer fortschreitenden Zerstörung der Umwelt stehen auch die großen Kirchen vor drängenden Problemen, derer sie sich annehmen dürfen – und zwar gemeinsam. Daniel Montanus

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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