Der »Giresse hinter den Bergen«

Kleiner Gaetan Krebs entzückt die »Sportfreunde«-Fans / Zukunft noch offen

geo Siegen. Er ist klein, und er ist leichtfüßig – aber er ist kein »Bruder Leichtfuß«. Wenn er durchs Mittelfeld eilt, scheint er die Grenzen der Schwerelosigkeit verändern zu wollen. Körpertäuschungen, mal links, mal rechts, haucht er nur so dahin. Gegner müssen dann zu Mitteln aus dem Repertoire der Jäger-und-Sammler-Zeit greifen – aber klar: Fangen Sie mal eine Gazelle!Deshalb mögen Sie ihn in Siegen. Das »Sportfreunde«-Forum platzt fast vor Huldigungen und Respektsbekundungen. Und wenn er ihnen jetzt noch auf Deutsch erklärt, was »Riewekooche« sind, werden Sie ihn richtig lieben. Wenn es denn so weit kommt. Die Rede ist von Gaetan Krebs, dem nächsten Senkrechtstarter im Team des Siegener Drittligisten. Man muss schon ein wenig den Hut vor den Herren Loose und Gärtner ziehen. Was sie da mit Heller und dem kleinen Elsässer aus dem Ärmel gezaubert haben – alle Achtung.

Sprachübungen an der Uni Siegen

Doch während der erdverbundene Rheinländer keinem Mikrofon aus dem Weg geht, winkte der Junge mit dem Stirnband bislang immer ab. Und weil seine Augen dabei doch immer so lustig leuchteten, nahm man ihm dies gar nicht übel. Denn Gaetan Krebs kann kein Deutsch. Na ja, ein bisschen schon, denn er lernt in Siegen intensiv an der Universität die neue Sprache.

Für das erste Siegerländer Interview des Franzosen mit dem deutschen Nachnamen bedurfte es daher der sprachlichen Fähigkeiten zweier Frauen: Sowohl seine französische Freundin Melanie Klein als auch SZ-Redakteurin Katja Knoche dolmetschten nach Kräften. Nicht immer ganz einfach, weil man so gerne den Kerl hinter diesen lustigen Augen kennen lernen möchte – ohne Sprachfilter.

Wir versuchten es trotzdem, erfuhren, das schon der kleine Bub nur Fußball im Kopf hatte (keine Überraschung), dass er im Fußball-Internat des damaligen Erstligisten Racing Straßburg das Abitur machte (keine Überraschung), dass er das Niveau der deutschen höher als das der französischen 3. Liga einstuft (keine Überraschung), und dass in Siegen nicht so hart und körperbetont trainiert werde wie in Frankreich (Überraschung!). Vielleicht hat ihm, dem Techniker und »Bauchfußballer«, gerade das den Eingewöhnungsprozess erleichtert. Denn der Wechsel ins Ausland (ohne Sprachkenntnisse) ist nun mal ein gewagter Schritt.

Siegen? Qu’est ce que c’est? Das fragten seine Eltern, die vom Wechsel »hinter die Berge« anfangs überhaupt nichts hielten. Gaetan schon. Obwohl auch er erst mal im Atlas nachschauen musste. Mit ihm kam nicht nur Mannschaftskamerad Yann Schneider ins Siegerland, sondern auch Freundin Melanie, die ihr Studium (Kunst und Dekoration) an einer Pariser Universität per E-Mail fortsetzt (Fernstudium).

Also weiter mit dem »Interview«. Zu den Standardfragen eines Sportjournalisten gehört die nach Vorbildern oder Idolen. Da macht es klick. Alain Giresse vielleicht? Das mussten wir Gaetan Krebs nicht übersetzen. Ja, er sei mal angesprochen worden, dass sein Spielstil Giresse sehr ähnele. Der wurde mit Frankreich Europameister, da war Gaetan Krebs allerdings noch nicht geboren. Aber wirklich, auch der einstige Bordeaux-Star war ein Leichtgewicht. 1,64 Zentimeter groß, 62 Kilogramm leicht, spuckt unsere Datenbank am Nachmittag aus. Und im legendären Trio mit Michel Platini und Jean Tigana war Giresse auch der Zielstrebige und Torgefährliche.

Die Gegner schelmisch düpiert

In Siegen war der »Neue« davon anfangs weit entfernt. Der Start geriet holprig, weil Gaetan Krebs vom Erstliga-Absteiger Straßburg eine Oberschenkelverletzung mitbrachte und erst einmal zusehen musste. Doch dann spielte er immer öfter. Und wie. Schelmisch sieht es aus, wenn er seine Gegner düpiert. Doch er ist kein Schelm zum Selbstzweck. Das Ziel dieses Spiels hat er immer fest vor Augen. Deshalb ist Krebs nicht nur ein genialer Wegbereiter, Fintenschläger, Dauerläufer und Freistoßspezialist. Nein, er bringt Rundes und Eckiges auch direkt zusammen. Fünf Tore hat er bislang erzielt und steht damit in einer Reihe mit Heller, Bettenstaedt und Blessin.

Wer aber genau hinschaut, dem wird nicht verborgen bleiben, dass der Akku des Franzosen sich so nach 60, 70 Minuten beständig leert. Wege werden kürzer, Zweikämpfe seltener. Hier erkennt man die fehlende Saisonvorbereitung. Aber eben auch die Tatsache, dass in den 62 kg, verteilt auf nur 165 cm Körpergröße, nach 20 vollendeten Lebensjahren noch lange nicht die »Kraft der zwei Herzen« steckt.

Doch da will er hin. Nach oben. Irgendwann. Viele Wege führen dorthin, doch die meisten enden in einer Sackgasse, nämlich auf der Ersatzbank. Und davon hat Krebs definitiv die Nase voll. Aber das war nun trotzdem ein Thema, bei dem unsere »Gesprächsampel« von »locker« auf »heikel« umschaltete. Denn bekanntlich ist Gaetan Krebs von Siegen nur für ein Jahr ausgeliehen. Alle Vertragsrechte liegen weiter bei Racing Straßburg. Aber es hat sich schon herumgesprochen, dass Harald Gärtner und der Noch-Vorsitzende Hans-Dieter Blecker vor kurzem in Straßburg weilten. Sicher nicht, um das einzigartige »Münster« zu bestaunen und wie Gott in Frankreich zu speisen. Tatsächlich wurde vor Ort ausgelotet, wie sehr oder wenig Racing Straßburg an seinem Ex-Spieler hängt und klammert.

Auch bei Niederlagen freundliche Fans

Jetzt drucksen sie beide ’rum, Gaetan und Melanie. Wie es mit ihm weitergehe, das sei eine Sache, für die er Zeit brauche. Aber er sagt auch dies: Er wolle in seiner weiteren Karriere Schritt für Schritt machen. Ob das so zu verstehen sei, dass er sein Potenzial auszuschöpfen gedenke, indem er erst mal eine Weile in Siegen Woche für Woche spiele, fragen wir listig nach. Wieder gelingt es den beiden, die Klippe zu umschiffen und thematisch abzulenken. Er fühle sich in Siegen sehr wohl, er sei erstaunt darüber, wie freundlich die Fans seien, selbst nach Niederlagen. Und überhaupt sei es schön, immer vor vielen Zuschauern spielen zu können.

Noch ein letzter Versuch, zu des Pudels Kern vorzudringen. Bleibt er oder bleibt er nicht? Gaetan Krebs legt die Gabel beiseite, die Tortellini werden kalt. Die Situation ist ihm unangenehm. Er leidet fast unter ihr. Also Abbruch. Wir schauen uns aber noch in die Augen, und tief drinnen keimt bei mir so etwas wie Hoffnung, dass wir noch viel öfter in diese lustigen Augen blicken dürfen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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