Der Kommentar

Bei der Tageskonferenz in der SZ-Redaktion erntete der "Sport" gestern ungläubige Reaktionen von den Kollegen aus Politik, Kultur und Lokalem. Einer fragte leicht entrüstet: "Ja, sind die denn so doof, das ausgerechnet jetzt zu machen?" Er meinte natürlich die Bekanntgabe der Trennung des TuS Ferndorf von Trainer Caslav Dincic zum Saisonende und die Verpflichtung eines Nobody aus dem Jugendbereich, die in der heimischen Sport-Öffentlichkeit wie eine Bombe einschlugen. Die Antwort auf diese Frage ist zwar nicht einfach, aber eines ist sicher: "doof" ist in der Handball-Abteilung und in der TuS Ferndorf Handball GmbH niemand. Was aber um alles in der Welt hat die Verantwortlichen dann bewogen, schon gegen Ende der Winterpause Kontakt mit einem anderen, noch dazu völlig unbekannten Trainer aufzunehmen? Genau zu jenem Zeitpunkt also, als man dank des Engagements der Sponsoren personell nachlegte.

Ferndorf wieder den Ferndorfern

Die Begründung des TuS Ferndorf zur Trennung von Erfolgstrainer Dincic
weist klar in eine Richtung: Ferndorf wieder den Ferndorfern! Es sollen
dieser Erklärung zufolge nämlich mehr Jugendspieler in der 1.
Mannschaft spielen. Langfristig werde sich das dann schon auszahlen.

Zu diesem Punkte sei gesagt, dass der TuS tatsächlich über einige sehr
gute junge Handballer verfügt. Die beiden Schneider-Brüder, Patrick
Bettig und andere, die sich gerade in der Verbandsliga (!) bewähren.
Alles prima Jungs mit richtig Potenzial, denen man als Handballfreund
wirklich von Herzen alles Gute wünscht. Julian Schneider, schon ein
paar Jahre dabei, könnte sogar genau jetzt den Durchbruch schaffen.
Aber diese Spieler brauchen ansonsten Zeit, Zeit um zu reifen. Das kann
man in der Oberliga, vielleicht sogar in der 3. Liga. Aber dazu wäre es
Auftrag an die Vereinsführung gewesen, ein Konzept zu entwickeln, das
entweder die 2. Mannschaft nach oben führt oder eine Kooperation mit
einem Drittligisten vorsieht (Zweitspielrecht). Diese jedoch in der 2.
Liga zu "verheizen" wäre zum klaren Schaden des Vereins und vor allem
der Talente. Und stärken müsste man mit dem geeigneten Trainern die
Jugend in der Jugend. Die 2. Liga hätte dann als Aushängeschild mit
Strahlkraft auf die talentierten Jugendlichen in ganz Südwestfalen
fungieren können.

Vom 1. Tag an im Regen

Doch genau das hatte man beim TuS nie wirklich im Sinn. Vielmehr
entwickeln sich jetzt Beobachtungen aus den vergangenen elfeinhalb
Monaten seit der damaligen Kehrtwende hin zum "Ja" zur 2. Bundesliga zu
einem ernüchternden Gesamtbild. Denn wenn nicht alles täuscht, hatte
man nichts anderes von Anfang an geplant. 2. Liga ja, weil der Druck
der Öffentlichkeit zu stark wurde, aber dann das Projekt bitte auch so
leise und schnell wie möglich wieder beerdigen. Kein anderer Zweitligist muss ohne Co-Trainer, ohne Torwarttrainer und
vor allem ohne eine Person arbeiten, die sich den ganzen Tag um die
Belange in einer absoluten Profiliga kümmert und dem Trainer so den
Rücken frei hält. Sich um die eigenen Spieler, um die Schiedsrichter,
um die Funktionäre und um die Sponsoren kümmert. Caslav Dincic aber
stand in der 2. Liga vom ersten Tag an völlig alleine im Regen. Ob stille
Hoffnung im Hintergrund oder gar Plan - kein anderer außer dem Serben
hätte das so lange - und dann auch noch mit ständig steigendem Erfolg -
durchgehalten!

Chance, Nr.1-Marke zu werden

Gerade in den letzten Wochen passierte sogar Erstaunliches. Der Handball-Verein TuS Ferndorf überholt gerade in der öffentlichen
Aufmerksamkeit die stagnierenden Fußballer aus Siegen. Immer mehr
Sponsoren klopften an, angelockt vom exzellenten Leumund des TuS
Ferndorf und der auch über die Medien transportierten Botschaft von
prickelnden Top-Sport. Dem TuS Ferndorf eröffnete sich plötzlich eine
Chance, sich in der Region und im deutschen Sport zu einer Nr.-1-Marke
zu entwickeln.

Wie müssen sich jetzt aber die Fanclubs fühlen, die zu jedem Spiel
durch ganz Deutschland reisen. Wie die Sponsoren, die diesen Weg erst
freimachten? Und wie die Zuschauer, die sich Dauerkarten für die ganze
Saison kauften, wenn jetzt ohne jeden Grund alles über den Haufen
geworfen wird, ja sogar der "Salto rückwärts" eingeleitet wird?
Ferndorf wieder den Ferndorfern - die Region schüttelt nur den Kopf.  
 Jost-Rainer Georg

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.