Der Mensch im Mittelpunkt

 Bei Vollbeschäftigung braucht man doch keine Agentur für Arbeit mehr in Wittgenstein, oder? Oliver Walter und Nina Appel sagen, warum doch. Foto: Holger Weber
  • Bei Vollbeschäftigung braucht man doch keine Agentur für Arbeit mehr in Wittgenstein, oder? Oliver Walter und Nina Appel sagen, warum doch. Foto: Holger Weber
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

howe - Das Image ist angestaubt, und zwar seit Jahren. Im „Arbeitsamt“ sitzen nur müde Beamte und der Arbeitnehmer muss sich komplett nackig machen, wenn er dort vorstellig wird. Ist das wirklich so? Die Siegener Zeitung fühlte der Agentur für Arbeit Mal auf den Zahn und schaute dort vorbei – einfach Mal sehen, ob die Leute wirklich so sind, wie immer noch zum Teil in der Gesellschaft angenommen wird. Dabei stellte der SZ-Redakteur eine für Wittgenstein ganz entscheidende, bewusst provokative Frage: Wofür braucht man hier eigentlich noch eine Agentur für Arbeit, wo wir doch in Wittgenstein nahezu Vollbeschäftigung haben?

„Gute Frage“, lacht der Bad Berleburger Geschäftsstellenleiter Oliver Walter und beantwortet sie: Zunächst sei die Agentur für Arbeit „gar nicht mehr die Stempelbude wie vor Jahren, sondern ein Dienstleister“. Und dann erklärt Oliver Walter sehr anschaulich, wie der Arbeitsmarkt ständig in Bewegung ist, dass die Beratung im Vordergrund steht und die Mitarbeiter das Ziel verfolgten, die Beschäftigungslosigkeit „schnellstmöglich“ zu beenden.

„Ja“, gibt Oliver Walter zu, „das ist so mit der nahezu Vollbeschäftigung“. Aber man müsse da Mal in die Tiefe gehen. Bevor der Geschäftsstellenleiter das macht, liefert Pressesprecherin Nina Appel Zahlen: Die aktuelle Arbeitslosenquote in Wittgenstein lag im März bei 3,0 Prozent. Im Vorjahr betrug sie 3,4 Prozent. Es sieht also ganz danach aus, als gebe es in Wittgenstein tatsächlich so etwas wie Vollbeschäftigung.

Aber Oliver Walter lenkt ein. Die absolute Zahl dieser 3,0 Prozent lautet rund 740 Arbeitslose im Bereich von Arbeitsagentur und Jobcenter. „Wir sind stetig mit den Zahlen runtergegangen, also ist unsere Wirtschaft stabil“, konstatiert Oliver Walter. Und dennoch: „Ich sage immer, es sind 740 Leute.“ Nina Appel liefert eine weitere Zahl: Von den 740 Personen seien 45,8 Prozent über 50 Jahre alt. Ganz häufig hätten diese Menschen gesundheitliche Einschränkungen. „Das wird ganz schwer. Die Beratung fängt also ganz woanders an“, sagt Oliver Walter. Und noch etwas: Es handelt sich bei den 740 Leuten nicht immer um die gleichen Personen. Im Januar seien es 177 neue Arbeitslose gewesen, schließlich sei ja auch das Thema Langzeitarbeitslosigkeit eher etwas für das Jobcenter, nicht aber für die Arbeitsagentur. Das Beratungsspektrum ist groß. So kontaktiert der Mitarbeiter auch die Firmen. In der Produktion gibt es in Wittgenstein die großen, bekannten Unternehmen. Sie haben über Jahre auch über Verleihfirmen eingestellt. Inzwischen ist die Tendenz zur Übernahme größer geworden. Das wiederum ist eine Chance.

Hier setzt die Beratung der Agentur für Arbeit ein. „Wir erklären den Arbeitnehmern, dass sie die Chance nutzen müssen.“ Und man erläutere dem Arbeitgeber, dass er nicht immer den Mindestlohn zahlen kann, damit die Leute bleiben. Zu betrachten bei alledem seien auch bestimmte Lebensumstände, wie Oliver Walter beschreibt. Persönliche Rahmenbedingungen, wie etwa Teilzeit oder ungelernte Tätigkeiten, spielten eine Rolle. Und wie gesagt: gesundheitliche Einschränkungen. „Wir kümmern uns auch um die berufsvorbereitenden Dinge.“ Wer 30 Jahre lang gearbeitet habe, krank werde und einen neuen Job suche, der müsse erst einmal wissen, wie er sich bewerbe, so Oliver Walter. „Oft arbeiten wir mit den Leuten, bevor sie überhaupt beschäftigungslos sind. Wir sind also auch präventiv unterwegs.“ Im Blick haben die Arbeitsagentur-Mitarbeiter auch alltägliche Dinge wie Teilzeit, Schichtdienst oder Kinderbetreuung. Bei 800 freien Stellen 740 Suchende, das hört sich zwar schön an, „geht aber nie 1:1 auf“, sagt Oliver Walter.

Solche Fragestellungen seien Sachen, mit denen sich die Agentur für Arbeit befassen müsse. „Wir versuchen dann, mit unseren Netzwerkpartnern Lösungen zu finden.“ Hinzu kommen neue Berufsbilder mit ganz neuen Heraus- und Anforderungen. Was die Agentur für Arbeit heutzutage auch leistet, da hätte man vor Jahren noch von geträumt: eine sogenannte Integrationsberatung – um auch solche Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen, die eine Sucht- oder Schuldenproblematik haben. Würden diese Menschen in Beschäftigung kommen, würden sie sogar begleitet. „Die Berater gehen in die Lebenslagen rein“, erläutert Oliver Walter. „Wir haben das als Dienstleister festgestellt. Dass wir jemanden brauchen, der sich darum kümmert.“ Solche Angebote, erklärt Nina Appel, hätten mit der Arbeitsvermittlung noch nichts zu tun. Hier müssten erst andere Probleme gelöst werden. Insofern sei die Beratung auch viel komplexer geworden.

Die Arbeitsagentur klopft Neigungen ab, will aber auch wissen, welche privaten Interessen eine Rolle spielen. Fährt jemand gerne Traktor und ist in der Landwirtschaft tätig, könnten sich sicher mehr Türen öffnen als wenn man diese Informationen nicht hätte. „Die Gespräche mit den Menschen sind heute viel tiefer und nicht nur oberflächlich.“ Schließlich müsse heutzutage jeder Beruf einzeln betrachtet werden. Und dann sei zu hinterfragen, was der Arbeitsmarkt hergebe.

Nina Appel bringt es mit einem schönen Satz auf den Punkt. Zitat: „Wir gehen von der Arbeit her ganz weit weg vom Massengeschäft.“ Man sei da für Rat-Suchende. Und Oliver Walter schließt treffend ab: „Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt.“ Holger Weber

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen