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Trügerische Zahlen: Weniger Insolvenzanträge gestellt
Der Pleitegeier kreist

Zahlen aus Juni zeigen, dass es im Vergleich zum Vorjahr weniger Insolvenzen gegeben hat. Ein überraschendes Ergebnis, wenn man an die zu erwartenden Auswirkungen der Corona-Pandemie denkt. Aber der Schein trügt.
  • Zahlen aus Juni zeigen, dass es im Vergleich zum Vorjahr weniger Insolvenzen gegeben hat. Ein überraschendes Ergebnis, wenn man an die zu erwartenden Auswirkungen der Corona-Pandemie denkt. Aber der Schein trügt.
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sos Siegen. Betriebe bleiben lange geschlossen oder melden Kurzarbeit an, Mitarbeiter werden nicht übernommen, Aufträge bleiben aus – seit Mitte März hat Corona die Wirtschaft fest im Griff. Da kommt diese Meldung vom Landesamt Information und Technik NRW doch eher überraschend: „Im Juni gab es 3,9 Prozent weniger Anträge auf Eröffnung von Insolvenzverfahren als ein Jahr zuvor.“ Was sich zunächst nach einer guten Nachricht anhört, muss jedoch erläutert werden, um diese Entwicklung einordnen zu können.
Weniger Anträge auch in SiegenLaut Siegener Insolvenzgericht, das am Amtsgericht angesiedelt ist, sind im Juni 2019 48 Anträge eingegangen, im selben Monat waren es in diesem Jahr 42.

sos Siegen. Betriebe bleiben lange geschlossen oder melden Kurzarbeit an, Mitarbeiter werden nicht übernommen, Aufträge bleiben aus – seit Mitte März hat Corona die Wirtschaft fest im Griff. Da kommt diese Meldung vom Landesamt Information und Technik NRW doch eher überraschend: „Im Juni gab es 3,9 Prozent weniger Anträge auf Eröffnung von Insolvenzverfahren als ein Jahr zuvor.“ Was sich zunächst nach einer guten Nachricht anhört, muss jedoch erläutert werden, um diese Entwicklung einordnen zu können.

Weniger Anträge auch in Siegen

Laut Siegener Insolvenzgericht, das am Amtsgericht angesiedelt ist, sind im Juni 2019 48 Anträge eingegangen, im selben Monat waren es in diesem Jahr 42. Auf den ersten Blick bestätigt sich der NRW-Trend also, wobei zu unterscheiden ist: Während die Zahl der Anträge für Verbraucherinsolvenzen gestiegen ist, haben die von betroffenen Unternehmen deutlich abgenommen: von 25 auf acht. Bei diesen handelte es sich um Personen, die selbstständig sind oder waren.

Viele Unternehmen fürchten die Insolvenz

Die Zahlen verführten dazu zu denken, dass das Problem nicht so groß sei, so Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der IHK in Siegen. Dabei sei er sicher, dass es vielen sehr schlecht gehe. „Das dicke Ende kommt zum Schluss“, vermutet er. „Nationale und internationale Experten rechnen mit 7 Prozent mehr Insolvenzen“, so Gräbener. Auch Umfragen der IHK – auf regionaler Ebene im April, bundesweit dann acht Wochen später – seien Indikatoren für eine solche Entwicklung: 12 bzw. 10 Prozent der beteiligten Unternehmen hätten sich insolvenzbedroht gefühlt.

Insolvenzantragspflicht ausgesetzt

Woher nun also die derzeitig rückgängige Zahl der Anträge? Ein möglicher Grund sind die Corona-Soforthilfen, die dazu beitragen, dass sich Unternehmer auch in dieser schwierigen Zeit – zumindest zeitweise – über Wasser halten können. Außerdem ist die Insolvenzantragspflicht (vorerst bis Ende September) ausgesetzt. Voraussetzung ist, dass die Zahlungsunfähigkeit auf das Coronavirus zurückzuführen ist. Für die einen, die sich nach einiger Zeit wieder fangen, sei das hilfreich, bei anderen verschiebe sich das Problem möglicherweise nur, so Gräbener.

Auswirkungen werden erst später sichtbar

Wie Insolvenzverwalter Dr. Jan Janßen von der Wirtschaftskanzlei Görg erklärt, ist auch das Insolvenzantragsrecht von Gläubigern bis zum 30. September ausgesetzt. „Gläubigeranträge, z. B. von Sozialkassen oder der Finanzverwaltung, sind nur dann zulässig, wenn die Verbindlichkeiten des Schuldners aus der Zeit vor der Covid-19-Pandemie resultieren, und kommen damit aktuell kaum noch vor.“ Das ganze Ausmaß der wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona auf Insolvenzverfahren würden sicher erst gegen Ende des Jahres oder erst Anfang 2021 sichtbar. „Die Diskussionen über eine Verlängerung der oben genannten Aussetzung (bis zum Jahresende oder bis zum 31. März 2021) laufen bereits.“

Vertrauen könnte Schaden nehmen

Klaus Gräbener sieht eine Ausweitung skeptisch: „Je länger die Frist verlängert wird, desto stärker geht das zu Lasten der Gläubiger“, führt der Geschäftsführer aus. Das wiederum bedrohe womöglich andere Unternehmen. Hinzu komme, dass auch das Vertrauen unter den Beteiligten Schaden nehmen könne, wenn der Vorgang in die Länge gezogen werde. Er unterstreicht: Auch wenn die Pflicht eines Antrags ausgesetzt ist, könnte dieser durchaus sinnvoll sein. „Anwaltliche Hilfe kann nicht schaden.“

Einige Branchen besonders betroffen

Was genau noch auf die Region zukommen wird, sei schwer zu prognostizieren, sagt Jan Janßen, der von den Insolvenzgerichten Arnsberg, Hagen und Siegen bestellt wird. „Allerdings ist davon auszugehen, dass auch hier bestimmte Branchen (Hotellerie, Gastronomie, der gesamte Bereich der Veranstaltungs-/ Eventbranche) besonders schwer betroffen sind und um ihre Existenz bangen.“

Bearbeitungszeit hängt vom Fall ab

Die grundsätzliche Bearbeitungszeit am Insolvenzgericht ist im Übrigen je Fall und Komplexität ganz unterschiedlich: Von der Beantragung bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens können weniger als vier Wochen vergehen; bei anspruchsvolleren Sachverhalten sind auch drei Monate nicht ungewöhnlich. „In außergewöhnlichen Fällen kann es aber auch länger bis zur Vorlage des Gutachtens dauern“, so das Gericht.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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