SZ

Rückkehr zur Präsenzlehre gewünscht
Der "Prof" und die digitale Anonymität

Dr. Roland Koch ist Schriftsteller und seit 2008 Dozent an der Uni Siegen. Präsenz sagt er, sei für seine kreativen Kurse eigentlich Voraussetzung.
  • Dr. Roland Koch ist Schriftsteller und seit 2008 Dozent an der Uni Siegen. Präsenz sagt er, sei für seine kreativen Kurse eigentlich Voraussetzung.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

sabe Siegen. Einige Studenten sind mittlerweile im dritten Semester und haben die Uni nicht einmal von Innen gesehen. Die Kommilitonen bleiben lasche Bildschirmaufnahmen. Der „Prof“ auch. Dass 2D mit der Wirklichkeit nicht mithalten kann, ist kein Geheimnis. Dass viele der jungen Menschen darunter leiden, auch nicht. Die Pandemie schluckt nicht nur Semester, sondern ganze Lebensabschnitte. Aber wie geht es eigentlich dem Bildschirm-Gegenüber, den Lehrenden, nach dieser lange Zeit ohne volle Vorlesungssäle?

Dr. Roland Koch ist Schriftsteller und seit 2008 Dozent an der Uni Siegen. Er gibt Kurse wie „Szenisches Lesen“, oder „Kreatives Schreiben“. In einem Raum hat er mit seinen Studenten aber schon lange nicht mehr gesessen.

sabe Siegen. Einige Studenten sind mittlerweile im dritten Semester und haben die Uni nicht einmal von Innen gesehen. Die Kommilitonen bleiben lasche Bildschirmaufnahmen. Der „Prof“ auch. Dass 2D mit der Wirklichkeit nicht mithalten kann, ist kein Geheimnis. Dass viele der jungen Menschen darunter leiden, auch nicht. Die Pandemie schluckt nicht nur Semester, sondern ganze Lebensabschnitte. Aber wie geht es eigentlich dem Bildschirm-Gegenüber, den Lehrenden, nach dieser lange Zeit ohne volle Vorlesungssäle?

Dr. Roland Koch ist Schriftsteller und seit 2008 Dozent an der Uni Siegen. Er gibt Kurse wie „Szenisches Lesen“, oder „Kreatives Schreiben“. In einem Raum hat er mit seinen Studenten aber schon lange nicht mehr gesessen. Er hätte nie gedacht, sagt der Kölner, dass er Siegen einmal so sehr vermissen würde. Ein Gespräch über Anonymität, Depressionen und warum Theater nicht auf Distanz geht.

"Mehr Differenzierung" erhofft

Herr Koch, das waren für sie keine guten Nachrichten, die die Uni letzte Woche zu vermelden hatte.
Nein, nicht wirklich. Ich hätte mir echte Neuigkeiten gewünscht. Aber das waren ja eigentlich keine. Es geht ja weiter wie bisher.

Mit digitaler Lehre meinen Sie?
Ja.

Also hätten sie sich mit Blick auf die sinkenden Inzidenzen gewünscht, dass die Uni auch offener für andere Formate ist?
Ich kann das jetzt nur für mich sagen, weil ich kleine Gruppen habe. Aber ich hätte mir schon gewünscht, dass ich mich mit den sechs oder acht Leuten mit Abstand auf die Wiese setzen kann oder in einem großen Raum von 100 Quadratmetern mit offenem Fenster zusammenkommen kann, mehr Differenzierung. In einer kreativen Übung, wie ich sie anbiete, entstehen kreative Prozesse ja gerade mit der Präsenz. Theater zum Beispiel, beim szenischen Lesen, ist das Gegenteil von Distanz. Und vor allem tun mir die Studierenden leid. Ich bin ja an der Basis und frage dann auch viele immer, wie es so geht. Seit dem letzten Jahr habe ich ununterbrochen telefoniert.

"Den persönlichen Kontakt mit jemandem kann nichts ersetzen"
Dr. Roland Koch
Dozent und Schriftsteller

Sie nutzen lieber Telefon als Zoom?
Ich brauche nicht mehr Digitalisierung. Nicht noch mehr Laptops und noch schnelleres Internet. Darum geht es hier nicht. Es geht beim Schreiben ja auch um Gefühle, irrationales. Und natürlich gibt es dann am Telefon auch mal Bewegung. Dass einer lacht oder weint. Aber ich würde das lieber sehen. Ich finde, den persönlichen Kontakt mit jemandem kann nichts ersetzen.

Trotzdem stehen Sie mit ihren Seminarteilnehmern in vergleichsweise engem Austausch. Andere referieren vor 200 dunklen Bildschirmen. Erzählen Ihnen die Studenten auch etwas über ihre Sorgen?
Ich habe sehr viel über Belastungen durch Einsamkeit und durch Isolation gehört. Depressionen spielen auch in manchen der selbstgeschriebenen Texte eine Rolle.

Wie sehr vermissen Sie persönlich den Hochschulbetrieb, die Seminare, die Studierenden?
Schmerzlich. Es ist ja auch meine alte Uni. Ich habe in den frühen 80er Jahren dort studiert, als sie noch ganz klein war. Und zwar mit großer Begeisterung. Weil man als Studierender immer einen engen Kontakt zu seinen Professoren, weil man immer wenig Anonymität hatte. Auch ich versuche das.

Barrieren brechen statt bewahren

Weniger Anonymität?
Ja, ich finde das wichtig. Mir alle Namen der Studierenden zu merken, sie persönlich anzusprechen, ein kurzes Gespräch auf dem Gang. Sowas geht natürlich gerade alles nicht.

Ist das denn für die Lehrveranstaltung so wichtig?
Durch dieses ungezwungene, humorvolle, lockere Miteinander, was dann irgendwann entsteht, wenn eine Gruppe sich kennenlernt und zusammenarbeitet, brechen ja auch Barrieren auf. Dann denken die Studenten plötzlich nicht mehr: ,Der ist jetzt Dozent, der weiß alles, kann alles und ich muss alles machen, was der erwartet’, sondern man wird untereinander offener, ehrlicher, auch mal emotional. Und darum geht es ja beim Schreiben. Und so entwickelt sich dann auch ein Seminar, aus der Gruppe heraus. Ein Seminar, das genau so läuft, wie es geplant war, das ist Mist (lacht).

Sie geben auch Kurse wie die Schreibwerkstatt, da kommen die Studierenden freiwillig hin.
Und das ist für mich das schönste Seminar, weil ich bin nur ein Moderator. Aber die Kritik kommt von den Kommilitonen. Ich finde, das ist viel nachhaltiger. Solche Gruppengefüge müssen aber wachsen. Und das geht kaum digital.

"Müssen uns alle angucken können"

Wird das universitäre Leben dann nach Corona völlig anonym, weil man verlernt hat, miteinander zu sprechen?
Das glaube ich nicht. Aber manche Studierende kennen das Uni-Leben ja tatsächlich gar nicht, sondern nur das virtuelle Lernen. Ich muss dann wieder ganz von vorne anfangen mit meiner Übung. Dass ich jedem verständlich mache, weshalb wir uns bei Vorstellungsrunden in einen Kreis und nicht hintereinander sitzen. Wir müssen uns alle angucken können, wenn wir miteinander reden. Alles andere habe ich noch nie ertragen.

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Pizzeria da Pino in Geisweid wird 30 Jahre alt. Das Team freut sich über und mit seinen Gästen.
3 Bilder

"Unsere Gäste haben zu uns gehalten"
Pizzeria da Pino feiert Geburtstag

In diesem Jahr wird die Pizzeria da Pino an der Röntgenstraße 9 in Geisweid 30 Jahre alt und hat das mit Gästen und Freunden in geselliger Runde gefeiert. „Wir sind einfach froh und dankbar, dass unsere Kunden und ihre Kinder und Enkelkinder uns so lange die Treue gehalten haben und immer noch halten”, sagt Maria Giannetti. "Unsere Gäste haben zu uns gehalten"„Gerade die zurückliegenden Monate der Pandemie waren für uns alles andere als einfach. Aber umso mehr haben wir uns darüber gefreut,...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen