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Das vergessene Genie
Der Siegener Helmut Stief

Helmut Stief revolutionierte die Kurzschrift. Acht Jahre Gefängnis in Bautzen  bekam er von den Sowjets wegen "Spionage".
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  • Helmut Stief revolutionierte die Kurzschrift. Acht Jahre Gefängnis in Bautzen bekam er von den Sowjets wegen "Spionage".
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goeb Siegen. Kennen Sie Steno? Im Jahr 2007 – das hat eine Nachfrage der Siegener Zeitung bei der Volkshochschule Siegen-Wittgenstein ergeben – wurde in der Krönchenstadt der letzte Stenografie-Kurs angeboten. "Die Nachfrage war in den folgenden Jahren aber stark rückläufig und schien dem Interesse der Öffentlichkeit nicht mehr ausreichend zu entsprechen – leider", heißt es weiter. 2010 unternahm die VHS einen letzten Versuch, doch die Kursanmeldungen blieben aus. Steno wird seither nicht mehr angeboten.
In Gefangenschaft an neuer Kurzschrift gearbeitet
Dabei erblickte in Siegen 1906 ein Mann das Licht der Welt, der Zeitgenossen als Wunderkind galt und der einen wahrhaft abenteuerlichen Lebenslauf hingelegt hat – Helmut Stief.

goeb Siegen. Kennen Sie Steno? Im Jahr 2007 – das hat eine Nachfrage der Siegener Zeitung bei der Volkshochschule Siegen-Wittgenstein ergeben – wurde in der Krönchenstadt der letzte Stenografie-Kurs angeboten. "Die Nachfrage war in den folgenden Jahren aber stark rückläufig und schien dem Interesse der Öffentlichkeit nicht mehr ausreichend zu entsprechen – leider", heißt es weiter. 2010 unternahm die VHS einen letzten Versuch, doch die Kursanmeldungen blieben aus. Steno wird seither nicht mehr angeboten.

In Gefangenschaft an neuer Kurzschrift gearbeitet

Dabei erblickte in Siegen 1906 ein Mann das Licht der Welt, der Zeitgenossen als Wunderkind galt und der einen wahrhaft abenteuerlichen Lebenslauf hingelegt hat – Helmut Stief. Dass der junge Mann einiges draufhatte, bewies er 1928, als er vom damaligen Oberbürgermeister Fißmer eine Anerkennungsurkunde für seinen Weltrekord in der Deutschen Einheits-Kurzschrift erhielt. Damals war Helmut Stief 22 Jahre alt. Der begabte junge Mann wurde in Essen zunächst Pressestenograph, dann Wirtschaftssekretär. Nach wechselvollem Schicksal im Krieg wurde er 1945 Pressechef des Thüringischen Landtages und bald darauf auch dessen Direktor. Drei Jahre später erfolgte die Verhaftung wegen "Spionage, Sabotage und illegaler Gruppenbildung" durch die Sowjets. Eine achtjährige Odyssee durch sowjetzonale Zuchthäuser in der DDR begann.

Die Stiefographie gilt als geniale Weiterentwicklung der Stenographie. Entwickelt wurde sie von dem gebürtigen Siegener Helmut Stief.
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Schaut man sich Berichte im Archiv unserer Zeitung an, wird klar, dass er seine Zeit in der Gefangenschaft dazu nutzte, "wie ein Besessener" an seiner neuen Kurzschrift zu arbeiten. In Bautzen waren die Gefangenen jetzt von früh um sechs bis abends um acht zu Untätigkeit verurteilt. "Wer damals nicht irgendetwas tat, ging zugrunde. Die verrücktesten Leidenschaften ergriffen einige von uns", berichtete Stief. In dieser Zeit reifte eine Idee. Stief war wie gesagt ein Top-Stenograph. Aber die Schrift, die deutsche Einheitskurzschrift war voller Kompromisse und Unregelmäßigkeiten. Man müsste eine neue Schrift erfinden und lehren...

Helmut Stief revolutionierte die Kurzschrift. Acht Jahre Gefängnis in Bautzen  bekam er von den Sowjets wegen "Spionage".
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Viele sahen in der ''Stiefographie'' eine Möglichkeit

Die ersten Zeichen ritzte Stief ins Mauerwerk der Zellenwand, in das Holz der Pritsche. Mit Seife schrieb er auf das Zellenfenster, mit dem Saft von Roter Bete auf schmutzige Fetzen Papier. Silben und Buchstaben wurden ausgezählt, eine Million insgesamt. Hinter dem Rücken der Gefängniswärter, im Dunkel der Zelle, entstand so die neue Schrift. Stief begann, einen regelrechten Unterricht in der Geheimschrift zu erteilen. Im ganzen Gefängnis lernte man die Stiefschen Geheimzeichen. Der Tod Stalins, der Sturz Malenkows und die Machtübernahme Chruschtschows wurden in der neuen Schrift unter den Häftlingen weitergegeben, bevor die Wärter davon wussten. Mehr als zweihundert Mitgefangene erlernten unter Lebensgefahr seine Schrift. Aus dem Gedächtnis entstanden "Faust, 1. Teil" und das Neue Testament. Viele Häftlinge sahen in der "Stiefographie" die einzige Möglichkeit, geistig und seelisch nicht zu verkümmern. 

Die Stiefographie gilt als geniale Weiterentwicklung der Stenographie. Entwickelt wurde sie von dem gebürtigen Siegener Helmut Stief.
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''Er ist frei. Und macht Gebrauch von seiner Freiheit''

Alle vier Monate durften die Häftlinge einen Brief von 15 Zeilen empfangen und schreiben. Seine Frau sah Stief in all den langen Jahren nicht ein einziges Mal. Lange Zeit wusste sie nicht einmal, ob ihr Mann noch am Leben war. Ein Zufall kam zu Hilfe: "1950 wurde das Zuchthaus Bautzen von den deutschen Behörden übernommen. Die Russen hatten jedoch die Zahl der Gefangenen niedriger als in Wirklichkeit angegeben, sodass nach der Übernahme viel zu wenig Nahrungsmittel für die Versorgung der Häftlinge zur Verfügung standen. Damals wurden die Angehörigen der Häftlinge benachrichtigt, dass sie Pakete mit Nahrungsmitteln in das Zuchthaus schicken durften. So erfuhr meine Frau, dass ich noch am Leben war", berichtete Stief später nach seiner Entlassung.

Er ließ sich die Kerkerjahre nie anmerken und hegte auch keinen Groll. Auch wenn in der Sowjetzeit von den 32.000 Häftlingen in Bautzen 20.000 die Freiheit niemals wiedergesehen haben. Vergeben hieß für ihn aber nicht vergessen: "Schon einmal", sagte er auf einer Pressekonferenz, "hat man uns mit Recht den Vorwurf gemacht, dass wir uns für das Unrecht während der Nazizeit nicht interessierten. Wollen wir den Fehler wiederholen, indem wir vergessen, dass drüben immer noch Tausende unschuldig im Zuchthaus sitzen?" Stief wurde später Lehrer an einer Wirtschaftsfachschule in Frankfurt a. M. und blieb trotz eines aus der Zeit der Gefangenschaft zurückbehaltenen Leidens voller Tatendrang. Die Hamburger "Welt" schrieb über ihn: "Er ist frei. Und er macht Gebrauch von seiner Freiheit."

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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