»Der« Tante Emma auf Rädern

Bürbacher Pierre Verhulst rollt mit seinem Lebensmittelwagen durch das Siegerland

mavo Bürbach. Seit zwei Jahren ist Pierre Verhulst Tante Emma auf Rädern. Jeden Tag ist der 34-Jährige mit seinem rollenden Laden im Siegerland unterwegs. Seine Touren sind fast immer die gleichen: Dreis-Tiefenbach, Giersberg, Kaan, Rosterberg, Lindenberg. Die Kunden im Milchwagen sind ganz unkomplizierte Menschen. Sie machen keine Preisvergleiche, der nächste Supermarkt ist ihnen zu weit weg oder zu anonym. Mit Pierre, dem »Zimmermanns Peter« aus Bürbach, kann man ein bisschen quatschen. Der »Milchmann«–kennt seine Kunden mitsamt ihrer Sorgen: Ärger mit der lästigen Schwiegertochter, die Schmerzen am Knie, die schlimme Krankheit der Oma.

Unterwegs auf der Dienstags-Tour im Milchwagen. Erste Station ist Dreis-Tiefenbach. »Die älteren Damen hier warten sicher schon auf mich«, sagt Pierre um kurz vor 10 Uhr, während er mit der rechten Hand seinen Wagen an den Straßenrand steuert, mit der linken den Knopf hinter dem Fahrersitz drückt, der die schrille Glocke anwirft, die hell und laut den Milchwagen ankündigt.

Hinter einem Fenster im Wohnhaus gegenüber schiebt sich eine Gardine zur Seite. Wenig später steht eine ältere Dame mit einem Einkaufszettel in der Hand im Wagen. »Suppenwürfel«, sagt sie, »und Butter, die fürs Brot.« ––»Kein Problem«, antwortet Pierre, holt die Ware aus den dicht gepackten Regalen im Wagen. »Die Birnen sind schön diese Woche, richtig lecker«, preist der 34-Jährige sein frisches Obst an. Mit Erfolg: »Gib mir drei davon«, lässt sich die Dame nicht lange bitten. »Ach und übrigens, danke für die Blümchen«, gibt die alte Dame ihrem Milchmann noch mit auf den Weg. »Gerne geschehen!«

Pierre Verhulst trägt Einkaufstaschen ins Haus, bringt das Leergut weg, ist ein guter Zuhörer beim Kaffeekränzchen, und manchmal überrascht er seine Kunden auch mit ein paar Blümchen. »Für meine Kunden tue ich alles«, sagt er. Die danken es ihm mit dicken Einkäufen. »Mein Geld verdiene ich mit der Masse, nicht über den Preis«, erklärt Verhulst seine Geschäftsidee. Der Tante-Emma-Laden, der direkt vor die Haustür rollt, in etwas abgelegenen Gegenden scheinbar eine Marktlücke: »Ich überlege, mir noch ein zweites Auto anzuschaffen«, sagt Milchmann Pierre.

Der nächste Halt in Dreis-Tiefenbach. Wieder eine ältere Frau, die über die vier Treppen in den Wagen einsteigt. »Ach Peter«, begrüßt sie ihren »Milchmann«, steuert dabei zielstrebig auf die Porree-Stangen zu. Die Kunden von Pierre Verhulst wissen, dass das Obst unten rechts liegt, die getrockneten Pflaumen ganz hinten links, die Konserven ganz oben im Regal und das Hundefutter (»3 Snacks für den Hund«) in der Ablage über dem Fahrersitz.

Jeden Tag bekommt der »Milchmann« frische Ware: Obst, Wurst, Brötchen und Brot. Jeden Morgen – sein Tag beginnt um kurz vor 6 Uhr – geht Pierre Verhulst einkaufen. Zu besorgen gibt es eine ganze Menge. Schließlich beliefert der »Milchmann« aus Bürbach auch die Justizvollzugsanstalt in Siegen. »Die Inhaftierten schreiben ihre Wünsche auf einen Einkaufszettel. Einem Russen habe ich jetzt Zeitungen in seiner Sprache besorgt«, plaudert Verhulst.

Pierre Verhulst macht noch einmal Halt in Dreis-Tiefenbach. »Wie war es auf der Messe?«, begrüßt er eine Frau, die zu ihm in den Wagen steigt. »Stressig, wie immer«, sagt sie, erledigt in Ruhe ihre Einkäufe. Warum sie regelmäßig im Milchwagen einkauft: »Weil ich berufstätig bin, wenig Zeit habe. Ich komme nicht dazu in ein Lebensmittelgeschäft zu fahren. Da ist es doch toll, wenn der Laden zu mir kommt.«

Die Idee mit dem Milchwagen, Pierre Verhulst hatte sie vor genau zwei Jahren. Bäcker hat er gelernt, seit der Lehre erfolgreich im Beruf gearbeitet. »Mein Traum war es schon immer, mich selbstständig zu machen«, erzählt er. Im vergangenen Jahr hat der »Milchmann« in Bürbach zusätzlich einen »stationären Tante-Emma-Laden« eröffnet, »Kättches Lädchen« heißt das Geschäft.

Die Schattenseite vom Leben als Milchmann. Verhulst: »Mir gehen alle Beziehungen zu Frauen in die Brüche, den Stress mit diesen Arbeitszeiten will keine mitmachen.« Irgendwann kommt vielleicht auch für Tante Emma die Richtige.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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