Der Tod ist mehr als nur ein Ende

Eindringliche Klänge, die die Besucher zur inneren Einkehr einluden, ließ die Capella Cantabilis am Vorabend des Totensonntags in der Nikolaikirche hören. Foto: aww
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aww Siegen. „Mit Fried und Freud ich fahr dahin …“, heißt es bei Brahms. Der Tod ist mehr als nur das Ende. Da ist noch eine Erwartung, eine Hoffnung, ein Glaube: „Mögen die Engel dich im Paradies empfangen …“, wird der Schlussteil („In paradisum“) von Maurice Duruflés lateinischsprachigem Requiem op. 9 eingeleitet. Der Trauer steht das Wissen um ein Besseres, das noch folgt, gegenüber.

Der Aspekt des Trosts war ein wesentlicher beim Konzert mit der Capella Cantabilis der Kantorei Siegen am Vorabend des Totensonntags in der Siegener Nikolaikirche (Wiederholung gestern in der Pfarrkirche St. Viktor Damme). Der kleine, von Kirchenmusikdirektorin Ute Debus sehr gut eingestellte Chor trug zwei Werke von Johannes Brahms vor, die Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ (op. 74, 1) für vier- bis sechsstimmigen Chor a cappella sowie das vierstimmige „Geistliche Lied“ op. 30 für Stimmen und Orgel. Als Haupt- und Schlusswerk des kurzen, aber intensiven Konzertabends, dem mehr Zuhörer zu wünschen gewesen wären, war das Duruflé-Requiem zu hören, bei dem wiederum Gabriel Isenberg dem Chor als Organist zur Seite stand. Der Instrumentalist lud zwischen den Gesangsstücken mit andächtigen Orgel-Kompositionen zu Besinnung und innerer Einkehr ein.

In der Brahms-Motette zu Beginn setzte der ausgesprochen rein intonierende Chor scharfe dynamische Kontraste, augenfällig bei der Frage „Warum“, die zunächst anklagend und mit Nachdruck, dann in der Wiederholung mit verzagt-leiser Stimmgebung gestellt wurde. Der getragene, elegische Trauergesang des Beginns mündet in die polyphon gesetzte, lebhafte Aufforderung „Lasset uns unser Herz …“, die die Sängerinnen und Sänger transparent darboten. Ergreifend gesungen der schlichte Choral am Schluss, dem sich Isenberg mit dem ebenso melodiösen, liedhaften „Pièce pour Grand Orgue Nr.1“ von César Franck (Transkription: Louis Vierne) anschloss – dramaturgisch gut überlegt. Hier wie auch in Augustin Bariés „Lamento“ op. 7, Nr. 2 – dazwischen sang der Chor Brahms’ geistliches Lied mit wunderbar fließenden Harmonien – arbeitete der Organist mit überwiegend gedeckten, teilweise dumpfen Klangfarben, die den kontemplativen Gesamtcharakter des Konzerts unterstrichen. Bariés farbig harmonisierte Komposition, eine fortwährende verhaltene Klage, die vehementer, eindringlicher wird, um schließlich ganz ruhig auszuklingen, führte sehr schön zu Duruflés Requiem hin.

Bei dem neunteiligen Werk zeigte sich die von Ute Debus straff dirigierte, aufmerksam folgende Capella Cantabilis als ausgereiftes Ensemble. In stark an die Gregorianik angelehnten Unisono-Passagen des Chors ebenso wie in Einzelauftritten der verschiedenen Stimmgruppen überzeugte das dichte, geschlossene Klangbild – exemplarisch seien die Soprane genannt, die etwa bei „In paradisum“ wie „eine Stimme“ sangen. Für seine geringe Größe von nicht einmal 20 Vokalisten erreichte der Chor beispielsweise bei den kraftvollen Eruptionen in „Libera Me“ eine bemerkenswerte Klangstärke. Dynamisch kann der Chor feinsinnig agieren, wie nicht nur der hauchzarte Ausklang des Requiems deutlich machte – atemberaubend.

Das Sopransolo „Pie Jesu“, das für die Sängerin eine große Tonspanne bereithält, gelang Nina Jakob sehr ausdrucksvoll. Das Chormitglied überzeugte in hohen wie in tiefen Lagen und gefiel mit einer natürlichen, im besten Sinne „unklassischen“ stimmlichen Darbietung.Nach besinnlich-sakralen Konzerten dieser Art stellt sich die Frage, ob Applaus angemessen ist. Es dauerte lang, gewiss aufgrund der inhaltlichen Bedeutung des zuvor Gehörten, bis das Publikum schließlich den Beifall einleitete. Der war dann umso länger und herzlicher. Qualität muss belohnt werden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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