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Was Patientenverfügungen regeln - und was nicht
Der Wille zählt

In der Regel greifen Patientenverfügungen dann, wenn sich der Betroffene im unmittelbaren Sterbeprozess befindet.
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  • In der Regel greifen Patientenverfügungen dann, wenn sich der Betroffene im unmittelbaren Sterbeprozess befindet.
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ihm Siegen. Haben Sie eine Patientenverfügung? Immer mehr Menschen beantworten diese Frage mit ja. Rettungskräfte, Ärzte und auch Angehörige sind froh darüber, denn schwere Entscheidungen an der Schwelle zwischen Leben und Tod können dann ruhiger und eindeutiger getroffen werden.
Angesichts der dramatischen Situationen auf den Corona-Stationen aber ist die Frage der künstlichen Beatmung in den Fokus gerückt. Viele Patientenverfügungen schließen künstliche Beatmung und künstliche Ernährung aus, heißt es. Müssen Ärzte dann einen schwer an Covid erkrankten Menschen sterben lassen? Oder gilt die Patientenverfügung in diesem Fall nicht?
Voraussetzung: keine Aussicht auf HeilungChefarzt Prof. Dr.

ihm Siegen. Haben Sie eine Patientenverfügung? Immer mehr Menschen beantworten diese Frage mit ja. Rettungskräfte, Ärzte und auch Angehörige sind froh darüber, denn schwere Entscheidungen an der Schwelle zwischen Leben und Tod können dann ruhiger und eindeutiger getroffen werden.
Angesichts der dramatischen Situationen auf den Corona-Stationen aber ist die Frage der künstlichen Beatmung in den Fokus gerückt. Viele Patientenverfügungen schließen künstliche Beatmung und künstliche Ernährung aus, heißt es. Müssen Ärzte dann einen schwer an Covid erkrankten Menschen sterben lassen? Oder gilt die Patientenverfügung in diesem Fall nicht?

Voraussetzung: keine Aussicht auf Heilung

Chefarzt Prof. Dr. Christian Tanislav vom Jung-Stilling-Krankenhaus ist bisher in keinem einzigen Fall in Konflikt mit einer Patientenverfügung geraten. „Wir hatten Patienten, die beamtet werden mussten und die eine Verfügung hatten. Aber was dort festgelegt ist, bezieht sich auf Situationen, in denen es keine Aussicht auf Heilung mehr gibt.“
Es ist also zu empfehlen, sich die eigene Patientenverfügung noch einmal genau anzuschauen, unter welchen Prämissen die Regelungen gelten. In vielen Formularen heißt es beispielsweise gleich zu Anfang:
„Situationen, für die diese Verfügung gilt:

  • wenn ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach unabwendbar im unmittelbaren Sterbeprozess befinde,
  • wenn ich mich im Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit befinde, selbst wenn der Todeszeitpunkt noch nicht absehbar ist,
  • wenn infolge eine Gehirnschädigung meine Fähigkeit, Einsichten zu gewinnen, Entscheidungen zu treffen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, ... aller Wahrscheinlichkeit nach unwiederbringlich erloschen ist,
  • wenn ich infolge eines sehr weit fortgeschrittenen Hirnabbbauprozesses (z. B. bei Demenz) auch mit ausdauernder Hilfestellung nicht mehr in der Lage bin, Nahrung und Flüssigkeit auf natürliche Weise zu mir zu nehmen.“

Covid-Infektion ist heilbar

Diese Voraussetzungen sind in der Regel bei einer akuten Covid-Infektion nicht gegeben. Denn die Krankheit, das unterstreicht Dr. Tanislav, ist ja sehr wohl heilbar. Viele der beatmeten Patienten werden gesund. „Wir hatten zum Glück nie die Situation, dass eine Verfügung etwas anderes sagt, als wir tun wollten.“
Aber der erfahrene Intensivmediziner erinnert sich auch an die alte Dame, die schwere Vorerkrankungen mitbrachte. Sie steckte sich mit dem Coronavirus an, der Verlauf war schwer. „Sie hatte keine Patientenverfügung, aber sie konnte uns sagen, dass sie nicht beatmet werden will.“ Ihr war klar, dass sie dann höchstwahrscheinlich an Corona sterben würde, aber es war ihr freier Wille. Dr. Tanislav: „Das haben wir selbstverständlich respektiert, und sie ist dann auch gestorben.“

Beatmung für Hochbetagte sehr belastend

Dass jemand aufgrund einer vielleicht unvernünftig formulierten Patientenverfügung nicht beatmet wird, wenn das sein Leben retten würde, kann sich der Intensivmediziner nicht vorstellen. „Ich bin ja auch Chefarzt der Geriatrie, und ich hatte große Befürchtungen, dass uns viele alte Menschen an Corona sterben. Das war zum Glück nicht der Fall.“ Die Beatmung sei bei den Hochbetagten, die oft viele und schwere Vorerkrankungen mitbringen, ohnehin sehr belastend. Und eine Entwöhnung von der Beatmungsmaschine sei schwer.

Im Zweifel: Entscheidung für das Leben

Aufgabe der Ärzte sei es, die Prognose des Patienten abschätzen. Das gelte auch, wenn eine Patientenverfügung vorliege. „Die Entscheidung, was zu tun ist, ist manchmal schwierig. Im Zweifel entscheiden wir immer pro vitam, also für das Leben.“ Die Ethikkommission, die jedes Krankenhaus hat, musste bei der Behandlung von Corona-Patienten nicht aktiv werden.
Erleichtert ist Dr. Tanislav darüber, dass im Jung -Stilling-Krankenhaus, ja, in ganz Deutschland während der Pandemie kein Zwang zur Triagierung entstanden ist, wie das in anderen Ländern der Fall war. Dort mussten die Ärzte entscheiden, welche Patienten die knappen Beatmungsressourcen bekamen und welche nicht. „Es wird viel geschimpft über unser Gesundheitssystem, aber so schlecht ist es eben nicht.“

In der Regel greifen Patientenverfügungen dann, wenn sich der Betroffene im unmittelbaren Sterbeprozess befindet.
Dr. Christian Tanislav.
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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