Der Zeuge kam mit einer »Leibgarde«

52. Tag im »Rotlicht-Prozess«: Kleine Adrenalinstöße auf allen Seiten / Belastende Aussagen

pebe Siegen. Ein interessanter Vorschlag des 52. Verhandlungstags im Siegener »Rotlicht-Prozess« kam von Rechtsanwalt Dr. Jürgen Fischer. Der stellte nämlich den Antrag, die Hauptverhandlung auszusetzen bzw. zu unterbrechen. Er müsse sich, so der Frankfurter Anwalt, noch durch die Vorstrafenakte eines Zeugen arbeiten, der gestern gehört werden sollte. Kurzfristig kam angesichts der Aussicht auf den Frühling außerhalb des fensterlosen Schwurgerichtssaals Freude auf. Auch Fischers Kollege Dr. Ulrich Endres schien der Märzsonne nicht abgeneigt zu sein und schloss sich dem Antrag an – nicht ohne die maliziöse Frage, ob denn wohl Staatsanwalt Manfred Lischeck mit dem Zeugen die Sitzung vorbereitet habe.

Lischecks Reaktion kam prompt: Er weise die Unterstellung zurück. Und an Fischer gewandt, meinte der Ankläger: »Ihr Antrag dient nichts anderem als der Verzögerung des Verfahrens.« Also Adrenalinstoß im Rotlicht statt Glückshormon im Sonnenschein. Das Gericht wies die Anträge später zurück.

Der Zeuge, der mehrmals wegen angeblicher Drohungen gegen seine Familie nicht ausgesagt hatte, kam mit vier Beamten vom Personenschutz. Fischer hakte nach: Ob denn die Sicherheit des Zeugen nicht gewährleistet sei. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Münker beruhigte: Es gebe keine aktuelle Bedrohung, die Sicherheitsmaßnahmen seien trotzdem angeordnet. Diese »Inszenierung« störe ihn, insistierte der Anwalt. »Dann ignorieren Sie es doch einfach«, entgegnete Münker. Endres monierte, die vier Beamten würden »Wichtigkeit vorgaukeln«. Da konterte der Richter scharf: Diese Kammer bestimme die Wichtigkeit eines Zeugen nicht nach dessen Begleitbeamten. Basta.

»Lange her«, sagte der 40-jährige Zeuge öfters, als es um seine Erinnerungen im Zusammenhang mit der Autobombe ging. Er habe damals mit dem Angeklagten Rolf S., dem im Prozess Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird, geschäft- und freundschaftliche Kontakte gepflegt. Da sie sich täglich gesehen hätten, »hat man halt was mitbekommen«. Alle Angeklagten hätten bei Rolf S. verkehrt, inklusive des mitangeklagten Hauptkommissars.

Es sei, so fuhr der Zeuge fort, besprochen worden, wie man Winnie R.’s Kontrahenten »Richie« loswerden könne. Gerd F., ebenfalls der Beihilfe zum Mord angeklagt, habe sich »darum kümmern« sollen, an »Richies« Auto eine Bombe anzubringen. Und F. habe besorgen sollen, was man dazu benötigte. Später habe man überlegt, wie die Bombe angebracht werden könne. Der Angeklagte Peter K. habe den Sprengstoff besorgt – eine Aussage, die neu im Verfahren ist. Ob letztlich Harry S. oder Peter L. die Bombe angebracht hätten, wisse er nicht (beide Angeklagten sind mit Winnie R. des Mordes und versuchten Mordes angeklagt).

Ein bis zwei Tage nach dem Attentat sei bei Rolf S. »Trubel« gewesen, weil statt »Richie« dessen Freundin ums Leben gekommen sei. Alle Beteiligten hätten sich »rechtfertigen« müssen, dass der Anschlag »schief gelaufen« sei. Gerd F. habe sich mit den Worten gewehrt: »Was kann ich dafür, wenn die Idioten das falsch anbringen?« Nach F.’s Verhaftung habe S. gesagt: »Hoffentlich hält der die Schnauze.«

Interessiert war der Kammervorsitzende auch an den Beziehungen der Angeklagten untereinander und am Verhältnis des Zeugen zu ihnen. Dabei interessierte den Richter besonders, welche Rolle der mitangeklagte Polizist gespielt habe. Den, so der Zeuge, habe er seit Beginn der 80er Jahre gekannt. Der Beamte habe damals von ihm für »Dienste« zwei- oder dreimal »unter 1000 DM« bekommen. Dabei sei es um Halterabfragen und Tipps vor Hausdurchsuchungen gegangen. Rolf S. habe einmal erwähnt, dass er den Polizisten »bezahle«. Aber all diese Sachen wisse er nur vom Hörensagen. Von Winnie R. sei der Kommissar mit Geld und »Naturalien« bezahlt worden. Im Zusammenhang mit der Autobombe sei gesagt worden, man brauche sich keine Gedanken zu machen, der »Bekannte« werde schon helfen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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