Diabetes, Hepatitis und andere

Woody Allens »Gott«: Auf der Suche nach Ouzo und Ehre

gmz Siegen. An Godot kommt niemand vorbei. An der Frage nach Gott erst recht nicht. Auch Woody Allen nicht, dessen Stück »Gott« am Freitagabend vom Mülheimer Theater an der Ruhr in der Siegener Stadtbühne aufgeführt wurde, in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Roberto Ciulli. Wie Vladimir und Estragon sitzen Diabetes, der Schauspieler (Albert Bork), und Hepatitis, der Schriftsteller (Peter Schröder), da und warten.

Warten allerdings nicht auf einen Godot, einen Deus ex Machina, wie die Beckett’schen Figuren, sondern darauf, dass ihnen ein guter Schluss für Hepatitis’ Drama einfällt. Dann kann der endlich mal den Athener Dramen-Wettbewerb gewinnen (wir schreiben das Jahr 500 vor) – übrigens, nicht wegen der vielen Kisten Ouzo, sondern der Ehre wegen! – und Diabetes erlebt dann vielleicht sein großes Comeback als Schauspieler.

Doch noch sitzen sie da und klagen über das Nichts – das Nichts an Schluss, natürlich. Gelöst wird ihr Problem (fast) schließlich dann doch durch einen Deus ex Machina, der bei Woody Allen (im Gegensatz zu Beckett) auftaucht. Aber das Problem dann eigentlich doch nicht löst ... Denn die Botschaft, die »Message« überbringt der Telegrammbote. Und sie stammt u.a. von Billardkugel und Kaserne. Und lautet: Gott ist tot, ihr seid allein auf der Welt. Das ist auch keine neue Antwort!

Doch die eigentliche Frage (die Figuren im Stück spielen, Gertrude-Stein-gleich, natürlich auch das Spiel »Was ist die Antwort« – »Was ist die Frage?«), die alle Allen-Figuren umtreibt, lautet: Wie real sind wir eigentlich? Und deshalb stellt die Botschaft vom toten Gott keine existentielle Bedrohung für die Allen’schen Figuren dar. Sie wenden sich schon den Folge- oder Vorausproblemen zu: Sind wir erfunden, oder, frei nach Shakespeare, der »Stoff, aus dem die Träume sind«, die Träume der anderen natürlich? Wie weit reicht unsere Freiheit? Wie stark werden wir manipuliert?

Woody Allen dekliniert seine Figuren, den tuntigen König (Klaus Herzog) wie den willigen Sklaven (Albert Bork) und die aufbegehrende, aber fast allzeit bereite Sklavin Doris Levine (Nicola Thomas), durch die verschiedensten Seins- und Zeit-Ebenen hindurch, von Athen nach Brooklyn (»wir sind ja nicht wählerisch!«) und zurück. Erfindet weitere Autoren, sich selbst inbegriffen, Orgasmen und Zeus-Maschinen, Begegnungen der anderen Art (eine toll gespielte Persiflage auf den Lucky-Monolog und eine Hommage an die Marx-Brothers: Ferhade Feqi und Rupert J. Seidl als Bob und Wendy Schicksal!), bindet den antiken Chor und das aktuelle Publikum ein, zieht alle Tricks der Theaterkiste, um Parallelen und Posen hehrer und scheinbar unabhängiger Traditionen zu verdeutlichen, und setzt noch einen drauf. Und verweist so die grundlegenden philosophischen Fragen der westlichen Geisteswelt auf die Analytiker-Couch, auf der Woody Allen seine Neurosen so gerne lebt.

Woody Allen hat eine absurde, überdrehte und auch überfrachtete Abrechnung mit Kultur-Traditionen und ihren Protagonisten vorgelegt. Die Schauspieler (in der stimmigen und nie langatmigen Inszenierung von Ciulli) haben ihr so viel Leben eingehaucht, wie Allen den Theater-Traditionen noch gelassen hat - wofür das Publikum sie auch mit viel Applaus bedachte. Doch irgendwie schien es, als fehlte Woody Allens Abrechnung, wie seinem Stückeschreiber, Anfang, Mitte und Schluss: also das Problem. Irgendwie waren es zu viele »fiktive Tätigkeiten« auf einmal! Und Fiktion muss bekanntlich darauf achten, nicht unerheblich zu werden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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