Dialektik des Lebens

Francis Bacon: „Study for a Portrait (Pope)“, 1957.  Foto: VG Bild-Kunst, Bonn, 2009

sz Siegen. In „Study for a Portrait (Pope)“ setzte sich Francis Bacon mit dem Porträt von Papst Innozenz X. auseinander. Als Inspirationsquelle und Bildvorlage diente ihm das berühmte Papstbildnis von Diego Velázquez, das 1650 als Auftragsarbeit entstanden ist. Bacon selbst kannte nur Reproduktionen dieses Bildes, was für seine Zwecke völlig ausreichte. Eine Serie von rund 50 Variationen malte er zwischen 1949 und 1971 in Auseinandersetzung mit dem barocken Gemälde, das in der Galleria Pamphilj in Rom zu sehen ist. An der Papstdarstellung des spanischen Malers faszinierte Bacon nicht nur die Darstellung einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, sondern auch die dahinter versteckte individuelle Existenz.

Im Zentrum seines 1957 entstandenen Gemäldes befindet sich die sitzende Gestalt des Papstes innerhalb eines dunklen, größtenteils schwarzen Raums. Wenige Andeutungen brauner Holzteile lassen das typische Sitzmöbel, Thron oder Sänfte, erahnen. Das Gesicht des Papstes ist verzerrt und in sich gekehrt. Augen und Mund sind geschlossen, was eigentlich ein Anzeichen für Entspannung ist, dennoch wirkt der Dargestellte angespannt. Die Arme sind erhoben, die rechte Hand zur Faust geballt. Auffällig ist die Deformation von Nase und linker Gesichtshälfte. Dadurch wirkt das Bildnis nicht nur gegenwärtig , sondern zeigt Zeichen körperlicher Vergänglichkeit. Innozenz X. tritt uns als sterblicher Mensch entgegen, eingebunden in den Kreislauf allen irdischen Lebens zwischen Werden und Vergehen, Geburt und Tod, Leidenschaft und Verzweiflung. Die Dialektik des Lebens ist das Leitthema, das Bacon in all seinen Werken verfolgte.

Für die Serie seiner Papstporträts nutzte Bacon Quellen verschiedenster Art, zu denen sowohl Reproduktionen des Velázquez-Gemäldes gehören, als auch Abbildungen aus cineastischen, journalistischen und medizinischen Veröffentlichungen. Mit dieser künstlerischen Strategie gelang es ihm, die Bildaussagen zu verstärken, oder, wie er selbst einmal sagte, das Mysterium des Lebens zu vertiefen. Francis Bacon ist einer der bedeutendsten englischen Maler des 20. Jahrhunderts. 1967 – aus heutiger Sicht zu einem sehr vorausschauenden Zeitpunkt – erhielt er den 3. Rubenspreis der Stadt Siegen. 1992 starb Bacon im Alter von 82 Jahren als gefeierter Maler. Am 28. Oktober war sein 100. Geburtstag.

Mit insgesamt fünf Gemälden von Francis Bacon besitzt die im Siegener Museum für Gegenwartskunst beheimatete Privatsammlung Lambrecht-Schadeberg nicht nur Hauptwerke des Malers. Sie kann zudem einen repräsentablen Überblick über sein Schaffen bieten, was sonst kaum ein zweites Museum kann. Derzeit sind die Bacon-Werke der Sammlung in einer Sonderpräsentation bis zum 3. Januar 2010 zu sehen. Das Kunstwerk des Monats aus dem Siegener Museum wird immer am ersten Freitag im Monat präsentiert.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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