Die 105000-DM-Lachnummer der Bahn

Hochmoderner Zug in Siegen sollte Verspätungen vermeiden – doch es ist kein Fahrer da

Siegen. Die Deutsche Bahn (DB), finanziell stehen bei ihr die Zeichen auf Rot. In den nächsten drei Jahren wird das Unternehmen Verluste von jährlich 800 Mill. bis 1,2 Mrd. DM schreiben. Wie die Bahn Geld aus dem fahrenden Zug wirft, hier ein Beispiel aus der Region.

Im Siegener Bahnhof steht der moderne Triebwagen VT 640. Er gehört zur „mobilen Herbst-Einsatzgruppe” der Bahn. Das moderne Fahrzeug ist nach Siegen „befohlen” worden, um Verspätungen auf der Strecke Siegen-Bad Berleburg zu vermeiden (die SZ berichtete).

Hintergrund: Laub auf den Schienen lässt die Räder der eingesetzten „leichten” Triebwagen vom Typ VT 628 durchdrehen. Auf der „Gebirgsstrecke” ins Wittgensteiner Land kann es vorkommen, dass die Lok nicht von der Stelle kommt, trotz des eingebauten Gleitschutzes. Abhilfe sollte an „laubreichen Herbsttagen” der neue, schwerere Triebwagen VT 640 schaffen.

105000 DM hat sich das Unternehmen mit Unterstützung des NRW-Verkehrsministeriums die ständige Bereitschaft des straßenbahnähnlichen Zuges im Siegener Bahnhof kosten lassen. Was das Vorhaben scheitern lässt: Der Triebwagen ist so modern, dass ihn keiner fahren kann. Zumindest nicht in Siegen. Das bestätigte gestern Manfred Pietschmann, DB-Pressesprecher in Düsseldorf. „Sechs Siegener Mitarbeiter befinden sich aber derzeit in der Ausbildung.” Jeder Zug könne nur mit dem entsprechenden „Zugführerschein” gefahren werden.

Erst vor vier Wochen hatte die Bahn die modernen Züge als wirksames Mittel gegen die Herbst-Verspätungen gefeiert. Jetzt entpuppt sich die hochgelobte „Ausweich-Maßnahme” (DB) als 105000 DM teure Lachnummer. Die modernen Triebwagen stehen unbenutzt im Bahnhof, die „alten” Baureihen drehen sich die Räder eckig.

Verspätungen sind an der Tagesordnung. Die bittere Schienen-Realität auf der Strecke der „Rothaarbahn”, eine Gruppe von SZ-Lesern hat sie jetzt hautnah zu spüren bekommen: „Planmäßige Abfahrt 14.56 Uhr von Siegen nach Bad Berleburg, tatsächliche Abfahrt 15 Uhr. Bis Erndtebrück dann 45 Minuten Verspätung. Zwischen Hilchenbach und Lützel kroch der Zug im Schritttempo den Berg hoch. Immer wieder drehten die Räder durch. Der Anschluss nach Marburg war weg. Deshalb wieder zurück nach Siegen. Der Gegenzug hatte schließlich in Erndtebrück gewartet. Bis Hilchenbach hatte dieser Zug dann 40 Minuten Verspätung. Hier musste der Zug auf den planmäßigen Zug von Siegen warten. Abfahrt dann mit 70 Minuten Verspätung. Im Siegener Bahnhof kam der Zug dann mit 83(!) Minuten Verspätung an.”

Ein derartiges Debakel, so hatte es die Bahn geplant, sollte durch den Triebwagen VT 640 vermieden werden. Doch an die Ausbildung der Triebwagenführer hat keiner gedacht. „Stimmt”, gibt Manfred Pietschmann zu, „das hätte man sicherlich vorher machen müssen.”

Jetzt müssten die Kunden der Bahn einfach mit Verspätungen rechnen. Der DB-Pressesprecher: „Solange bis das letzte Blatt von den Bäumen gefallen ist.” Oder bis einer der sechs Lokführer seinen Führerschein gemacht hat. mavo

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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