Die Abteilung „pro memoria“

Gunhild Söhn zeigt ihre Arbeiten aus der Abteilung „pro memoria“ ihrer Sammlung in der Saenger-Stiftung.  Foto: gmz
  • Gunhild Söhn zeigt ihre Arbeiten aus der Abteilung „pro memoria“ ihrer Sammlung in der Saenger-Stiftung. Foto: gmz
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gmz Siegen. Glaubt man Sophia Loren, machen Nudeln nicht nur glücklich, sondern auch attraktiv: „Alles, was Sie hier sehen, verdanke ich Spaghetti.“ So hat die Diva jedenfalls gesagt (und was sie mit „was“ meint, wohlweislich offen gelassen). Ihre selbstironische Sentenz empfängt den Besucher der Ausstellung „Machen Nudeln glücklich?“ Der Spaghetti-Ast aus Fliederholz, der in einem Türrahmen der Saenger-Stiftung, des Ausstellungsforums des Siegerlandmuseums in der Oranienstraße, hängt und der direkt aus dem Schlaraffenland zu stammen scheint, könnte ebenfalls als Beleg für diese These dienen.

Auf Einladung des Kunstvereins Siegen und mit Unterstützung des Kulturbüros des Kreises hat die in Essen lebende Künstlerin Gunhild Söhn diese Ausstellung konzipiert. Äußerer Anlass ist die Feier ihres 40-jährigen Abiturs, das sie 1970 am Siegener Mädchengymnasium ablegte. Den Grundstein für diese Schau hat sie schon vor fünf Jahren gelegt, als sie in der Galerie Magdalena Kaiser ausstellte – zum Thema „Et in Arcadia ego?“. Damals forderte sie ihre Mitschülerinnen beim Treffen zur 35-Jahr-Feier des Abiturs auf, ihr ein Foto eines „arkadischen Momentes“ in ihrem Leben zuzusenden (wir berichteten). 14 Mitschülerinnen sandten ihr Fotos zu, die Gunhild Söhn auf verschiedene Arten malerisch und/oder als Installation verwandelte.

Begleitet wurden diese Fotos von kurzen Erläuterungen, was das Glück dieses Momentes ausmachte. Diese Texte hat Gunhild Söhn bearbeitet, in Sentenzen gefasst, in Abstimmung mit den Einsenderinnen, und zu den Arbeiten gestellt. Das persönliche Erlebnis wird so in der Kunst verallgemeinert, durch die Nennung der Vornamen und der Initialen des Mädchennamens wieder diskret individualisiert.

Diese sehr persönlichen Glückserlebnisse können natürlich ohne Nudeln entstehen, auch wenn für eine Mitschülerin der Genuss des Reisens und der kulturellen Entdeckungen unabdingbar mit der Qualität einer guten Pasta, eines guten Essens verbunden ist, wie sie dazu schreibt. Ihr „Glück“ findet sich auf einem von Gunhild Söhn bemalten „Sammelteller“ wieder, auf dem ihr Portrait vor dem Colosseum in Rom zu sehen ist. Das Reisen und die Ruhe, die Bewegung und das Rasten sind die Themen, die in der Ausstellung als Leitmotive einen roten Faden bilden: Die Reise nach Arkadien erfordert eben immer „Bewegung“.

Mit großer Sorgfalt hat sich die Künstlerin mit den Fotos und den Situationen auseinandergesetzt, hat sie in Beziehung zu kunstgeschichtlichen Vorbildern und Themen gesetzt, hat sie als Unterabteilung „pro memoria“ in ihre „Sammlung Gunhild Söhn“ aufgenommen, in der sie sich höchst kritisch und zugleich witzig und kenntnisreich mit der Kommerzialisierung des Kunstbetriebes auseinandersetzt (ihre Rastro-Sammlung beispielsweise ist sehenswert!).Dabei unterstreicht sie mit viel ironischer Distanz die Absurditäten des pekuniär orientierten Betriebes, ohne die Kunst als solche in Frage zu stellen: Wer ihre Version von Friedrichs „Mönch am Meer“ ansieht, wird das feststellen. Die Erinnerungen an den Kunstgenuss, in Form der Museumsshop-Devotionalien, können eben zum Problem werden! Oder aber die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Vermarktung offenlegen!?!Das von ihr als „Mönch“ verkaufte Vermeer-Mädchen blickt übrigens quer durch die schön gestalteten Räume der Saenger-Stiftung auf das Portrait einer Mitschülerin, deren befreites Lachen und ungewöhnliche Kopfhaltung kunstgeschichtlich das „natürliche Portrait“ aufgreifen, deren Lachen aber darüberhinaus berührt. So wie der kleine, unscheinbare Wasserfall, den eine inzwischen verstorbene Mitschülerin als ihr persönliches Glücksarkadien beschrieben hat: Das Bild plätschert beinahe synästhetisch. So wie der Zimmerspringbrunnen im Nebenraum, der als „1-Euro-Gelsenkirchener-Barock-Vesion“ das „panta-rhei“-Credo einer weiteren Mitschülerin, festgehalten in einer ruhigen Flusslandschaft, untermalt – und bricht. – Die Bezüge sind vielfältig, die Beziehungen spannend: Es gibt viel zu entdecken. Denn die Erinnerung öffnet alte Räume und erschließt neue!

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