Arbeiten, feiern, leben
Die andere Seite der Pandemie

Viele Menschen, keine Abstände: Sieht aus wie ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten, ist es aber nicht. In Shanghai gilt das Virus als ausgelöscht. Der Siegener Jan-Eric Müller hat durch seinen Arbeitsaufenthalt in der Metropole eine „alte“ Normalität erlebt.
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  • Viele Menschen, keine Abstände: Sieht aus wie ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten, ist es aber nicht. In Shanghai gilt das Virus als ausgelöscht. Der Siegener Jan-Eric Müller hat durch seinen Arbeitsaufenthalt in der Metropole eine „alte“ Normalität erlebt.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sarah Benscheidt (Redakteurin)

sabe Siegen. Auf eine Frage mit einer Gegenfrage zu antworten, ist schlau. Manchmal zeigt sie auf, dass es mitunter mehrere Wahrheiten und keine einfache Antwort gibt. Jan-Eric Müller stellt im Gespräch oft solche Gegenfragen. Weil er zwei Seiten der Medaille kennt. Vor wenigen Wochen ist der Wirtschaftsingenieur nach 1,5 jährlichem Aufenthalt von Shanghai zurück nach Siegen geflogen. Er hat dort gearbeitet, gefeiert, Fussball gespielt, gelebt. In Chinas Metropole geht all das, was hier in Deutschland aktuell nicht möglich ist.

Freiheit nicht gleich Freiheit

„Wie definierst du Freiheit“, fragt er also zurück, als es nach durchgesehenen Fotos voll Rooftop-Flair, Freude und Menschenmassen, darum geht, ob sein Leben im letzten Jahr wohl ein freieres gewesen ist, als das, in welches er jetzt zurückgekehrt ist. „Letztendlich hatte man dort, in Shanghai, mehr Freiheiten als jetzt hier. Aber eigentlich hast du als Bürger viel weniger.“

Diplomatisches Porzellan zerschlagen

Es ist kein Geheimnis, dass das Land, in dem die Pandemie ihren Anfang nahm, als (teils unbeliebter) Gewinner aus dem Corona-Jahr hervorgeht. Das Virus gilt als ausgelöscht, die Wirtschaft hat sich erholt. Die Kollateralschäden auf internationaler Bühne allerdings bleiben. Schließlich musste sich Peking nicht nur mit massiver Kritik aus dem Ausland an seinem intransparenten Verhalten zu Beginn der Corona-Krise auseinandersetzten, sondern auch mit dem Vorgehen während der Pandemie an sich. Die ganze Bandbreite der Propagandamittel wurde eingesetzt, um die Marschrichtung bei der Bevölkerung zu indizieren.

Individuum kontra Inzidenz

Pekings Handhabung in der Virusbekämpfung fußt aber noch auf mehr. Kontaktverfolgung durch Datentracking, flächendeckende Teststrategien, weitreichende Quarantäneverordnungen, und starke Rückendeckung der Maßnahmen durch die eigene Bevölkerung („die Menschen folgen dem Staat und stellen nichts in Frage“). Anders als in Deutschland fährt China im vergangenen Jahr die Linie eines kurzen, konsequenten, sehr harten Lockdowns, der mit Freiheitsbeschneidungen des Individuums einhergeht. Nicht alle halten das für den schlechtesten Weg.

Kein Partybild aus 2019 – sondern aus Shanghai 2020.

Aus einer Statistik der „Global Views of China – Pew Research Center“ gehen die Meinungen in Prozent hervor, in denen einzelne Länder den China-Fahrplan bewerten. In Deutschland empfinden 56 Prozent die Handhabung als negativ und 41 Prozent als positiv.

Gnadenlos dichtgemacht

„Wir reden hier von gänzlich verschiedenen Staatsformen“, sagt Jan-Eric Müller. Innerhalb Europas könne man sich als Staatenbund nicht einfach isolieren, China könne sich hingegen, was die Corona-Maßnahmen angeht, autarker verhalten. „Im Land wurde gnadenlos dichtgemacht und von außen wurden lediglich Menschen mit Arbeitserlaubnis und zweiwöchiger Quarantäne im Hotel reingelassen.“

Oase in der Corona-Zeit

Jan-Eric Müller konnte während seines Shanghai-Aufenthalts viele der Vorteile nutzen, die sich aus der umstrittenen Strategie ergeben. Nach der Arbeit, die ohne Einschränkungen im Büro stattfand, auf einen After-Work-Drink mit den Kollegen, Oktoberfest, Karneval („ja, sowas gibts in Shanghai“), geselliges Beieinandersitzen in großen Gruppen– er konnte das schnelle, verrückte Leben aufsaugen.

New-Years-Eve in Shanghai

„Wie eine Oase in der Corona-Zeit.“ Shanghai, fügt er hinzu, sei dabei aber nicht mit den anderen Provinzen Chinas zu vergleichen. „Viel internationaler Backround, viele Nationalitäten.“ Der globale Finanz- und Partyplatz der chinesischen Volksrepublik sei vielmehr als Parallelwelt zu begreifen – ob mit oder ohne Pandemiegeschehen. „Man ist viel unterwegs und am arbeiten, hat wenig Zeit für sich, es ist ein Leben auf dem Sprung.“

Gläsernes Leben

Das, so sagt Jan-Eric Müller, der „der Liebe wegen“ zurück nach Siegen gekommen ist, habe er für eine Zeit genießen können. Allerdings immer mit dem Hintergrund, dass es für ihn irgendwann in seine Heimatstadt, in demokratische Strukturen, zurückgeht. Nicht immer nämlich war das Leben in Shanghai bunt und locker. „Du bist komplett gläsern“, ist er sich ob der Strategie in Sachen Virusbekämpfung bewusst.

Der Ball darf rollen ...

„Es wird gewusst, wo du dich gerade aufhälst, mit wem du Kontakt hattest. Jederzeit.“ Auch die berühmten Corona-Hotels, in denen sich Einreisende aus dem Ausland für mindestens zwei Wochen aufhalten mussten, in denen man „nicht mal auf den Flur gehen darf“ und das Essen von Mitarbeiterin in Schutzanzügen vor die Tür gestellt werden, kennt Müller aus eigener Erfahrung. „Das ist wie im Film.“

Noch kein Kulturschock

Zurück in Siegen freut sich der 27-Jährige jetzt auf ein bisschen weniger Spannung. Einen Kulturschock sagt er, habe er demnach nicht. Noch genießt er das ruhigere Leben, kommt mit dem Rückflug vom „normalen“ zum pandemiebeherrschten Alltag gut zurecht. „Aber ich musste ja auch nicht so lange auf alles verzichten, wie die Menschen hier“, sagt er. „Frag‘ mich also nochmal in zwei Monaten.“

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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